Rudi Egelhofer

Aus Erich Mühsams ,Von Eisner bis Levine. Die Entstehung der bayrischen Räterepublikʻ

Aus dem 1920 in Festungshaft von Erich Mühsam geschriebenen Erinnerungsbericht zur Räterepublik:

„Die rapide Revolutionierung des Münchner Proletariats war in nach meiner Ueberzeugung in erster Reihe der von den Kommunisten und Internationalisten übereinstimmend ausgegebenen Parole der Wahlabstinenz bei den bevorstehenden Wahlen zur deutschen und bayerischen Nationalversammlung zu danken. Die Gläubigkeit an die Allmacht des Parlamentarismus war von der alten Sozialdemokratie so sehr zum Inhalt aller Politik gemacht worden, daß mit der Erkenntnis der Arbeiter, daß ihre früheren Führer Betrüger waren, zugleich die Einsicht aufging, daß das wichtigste Organ des Volksbetrugs eben die Parlamente seien. Indem wir das Wesen der Räterepublik dem der parlamentarischen Demokratie gegenüberstellten, gewannen wir den besten Teil des Proletariats, dessen wachsender revolutionärer Wille den stärksten Ausdruck fand in der haßerfüllten Verwerfung der Wählerei. (…) Eisner selbst, dem der bürgerliche Parlamentarismus A und O seiner politischen Einstellung war, mußte dem Widerstand, zu dem sich ganz besonders der ‘Revolutionäre Arbeiterrat’ verpflüchtet fühlte (wollte doch Eisner den Räten prinzipiell nur die Stellung eines ‘Nebenparlaments’ mit einigen Kontrollrechten zuweisen), Rechnung tragen und verlegte sich auf eine dilatorische Politik, indem er die Bourgeoisie auf die Heimkunft der auf dem Rückmarsch befindlichen Heeresteile und selbst der Kriegsgefangenen vertröstete. Ende Dezember jedoch erpreßte eine bewaffnete Demonstration rückständiger Regimenter von ihm die Zusage, daß die Wahlen zum 12. Januar anberaumt würden.

Da Eisner von uns Störungen des Wahlakts und der Vorbereitungen dazu befürchtete, schritt er am 10. Januar 1919 zu einer Gewaltaktion. Er ließ in der Frühe des Tages die führenden Persönlichkeiten der KPD, und des RAR, verhaften, im ganzen 12 Personen, darunter Levien und mich. Mit diesem Unternehmen holte er sich eine entscheidende Niederlage und vernichtete bei der radikalisierten Masse Sympathien, die ihm seiner entschlossenen und persönlich tapferen Haltung beim Januarstreik und bei der Novemberrevolution wegen überreich entgegengebracht wurden. Eine spontane Riesendemonstration zog vor das Ministerium des Auswärtigen und verlange unsere Freigabe. Eisner wollte sie um keinen Preis zugeben, verweigerte sogar zuerst, mit dem Sprecher der Masse zu verhandeln. Schließlich erzwang sich der Matrose Rudolf Eglhofer, der spätere Oberkommandierende der Roten Armee, den Zutritt, indem er von außen am Hause emporkletterte und durchs Fenster in Eisners Arbeitszimmer eindrang. Angesichts der bedrohlichen Haltung der Menge mußte darauf Eisner unsere sofortige Freilassung anordnen. In der Volksversammlung, in der die Masse uns erwartete, wurden wir mit ungeheuren Ovationen empfangen.“

Textfragmente zu Egelhofer
aus Ernst Tollers ,Eine Jugend
in Deutschlandʻ (1933)

„Kommissionen werden gewählt, sie sollen die rote Armee neu organisieren, die Gegenrevolution bekämpfen, das Finanz- und Wirtschaftswesen aufbauen, die Lebensmittelversorgung regeln. Die Polizei wird aufgelöst, die Rote Garde übernimmt den Sicherheitsdienst der Stadt. Der Oberbefehl über die Rote Garde wird dem Kommunisten Eglhofer übertragen. Eglhofer war einer der Führer der Kieler Matrosenrevolte im Herbst 1918, man ließ die Matrosen antreten, jeder zehnte, auch Eglhofer, wurde zum Tode verurteilt, später wurde er zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt, die Novemberrevolution hatte ihn befreit. Organisatorische Fähigkeiten fehlten ihm, so war er auf einen Stab von Mitarbeitern aagewiesen, die er wahllos heranzog.“

„Wir fahren nach Karlsfeld zurückAus München sind Verstärkungen eingetroffen, fünfhundert Arbeiter aus der Fabrik von Maffei, bewaffnet und militärisch gegliedert. Vom Kriegskommissar Eglhofer wird mir ein Befehl überbracht. ,Dachau ist sofort mit Artillerie zu bombardieren und zu stürmen.ʻ Ich zögere, diesen Befehl zu befolgen. Die Dachauer Bauern stehen auf unserer Seite, wir müssen unnütze Zerstörungen vermeiden, unsere Kräfte organisieren.
Wir stellen den Weißen bis zum Nachmittag dieses Ultimatum:
Zurückführung der weißen Truppen bis hinter die Donaulinie, Freilassung der am 14. April entführten Mitglieder des Zentralrats, Aufhebung der Hungerblockade gegen München.
(… )
Die Weißen ziehen sich bis nach Pfaffenhofen zurück. Eglhofer sendet einen Kurier, die gefangenen Offiziere sollten sofort vor Standgerichte gestellt und erschossen werden. Ich zerreiße den Befehl, Großmut gegenüber dem besiegten Gegner ist die Tugen der Revolution, glaube ich. (…) Mögen die Gesetze des Bürgerkriegs noch so brutal sein, ich weiß, die Konterrevolution hat in Berlin rote Gefangene ohne Schonung gemordet, wir kämpfen für eine gerechtere Welt, wir fordern Menschlichkeit, wir müssen menschlich sein.
Die gefangenen Soldaten, die in die Heimat zurückkehrten, kämpften einige Tage später wieder gegen uns.“

„Eine Genossin bringt mir einen Paß, ich solle fliehen. Ich zerreiße den Paß. Bis zuletzt habe ich gehofft, das schreckliche Blutbad werde vermieden, jetzt geht es nicht mehr  um Verteidigung oder Rückzug, die Regierung zwingt uns den Kampf auf. Wir sind gescheitert, alle. Alle begingen Fehler, alle trifft Schuld, alle waren unzulänglich. Die Kommunisten ebenso wie die Unabhägigen. Unser Einsatz war vergebens, das Opfer nutzlos, die Arbeiter vertrauten uns, wie können wir uns jetzt vor ihnen verantworten?
In meiner Verzweiflung gehe ich ins Kriegsministerium, man wird mir erlauben, als Soldat nach Dachau zurückzukehren.
Übernächtigt, mit eingefallenem Gesicht und brennenden schlaflosen Augen sitzt Eglhofer im Arbeitszimmer des Kriegsministers. Soldaten kommen und gehen. Immer neue Hiobsposten.
,Augsburg ist von den Weißen genommen.ʻ Die roten Truppenverbände lösen sich auf.ʻ ,Überall bilden sich Bürgerwehren.ʻ ,In den Dörfern werden die Rotgardisten von Bauern entwaffnet, verprügelt, erschossen.ʻ Wortlos nimmt Eglhofer die Berichte entgegen, wortlos gibt er mir den Passierschein.
Ich verlasse das Kriegsministerium und gehe von der Schönfeld- zur Ludwigstraße. ,Toller, Toller!’ Ich drehe mich um und sehe Eglhofer am Fenster. Er winkt mir, ich gehe zurück in sein Zimmer.
,Du kommst nicht mehr durch nach Dachau, die Truppen sind schon auf dem Rückzug. Bei Karlsfeld stehen die Weißen. Sämtliche Außenstellungen der roten Armee sind zusammengebrochen. Gerade ist die telephonische Meldung gekommen.ʻ Wie wir uns stumm ansehen, sürzt ein Soldat ins Zimmer: ,Die Weißen haben den Münchener Bahnhof erobert.ʻ Schreits, läuft ins Nebenzimmer, schreit es wieder, läuft auf den Gang und brüllt die Worte durch die Korridore. Und ehe wirʻs fassen können, ist das Kriegsministerium leer. Nur Eglhofers Adjutant, ein kaum zwanzigjähriger Matrose, ist ins Zimmer getreten und stellt sich neben Eglhofer. Der setzt seine Mütze auf, steckt einen Revolver in die Tasche, packt zwei Handgranaten, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegen. ,Was willst Du tun?ʻ, frage ich. ,Hierbleiben.ʻ Der junge Matrose sagt mit leiser schüchterner Stimme: ‘Ich bleie auch hier, Rudolf.’ Das Telefon klingelt. ,Die Meldung war falschʻ, sagt Eglhofer, ,die Weißen sind noch nicht in Münchenʻ. Eglhofers Gegener nannten ihn einen Bluthund, in Wahrheit war er ein sensibler Mensch, den erst das Erlebnis der Kieler Matrosenrevolte hart und mitleidlos gemacht hat.”

„Sie ermordeten Eglhofer, die Frau eines Arztes wollte ihn im Auto retten, als das Auto an einer Straßenkreuzung anhielt, wurde er erkannt, verhaftet und in einen Keller der Residenz geschleppt. Er duckte sich nicht unter den Schlägen der Bürger, im Keller traten ein paar Offiziere zu einem Standgericht zusammen, es genügte, daß er zugab, Eglhofer zu sein, der Spruch hieß Tod. Die Offiziere verließen den Keller, bei Eglhofer blieb ein Soldat als Wache. Als die Offiziere gegangen waren, zog der Soldat seinen Revolver, legte ihn neben Eglhofer und wollte hinausgehen, Eglhofer rief ihn zurück: ,Kamerad, du hast deinen Revolver vergessen, dachtest Du nicht daran, daß ich Dich überfallen konnte? ,Wir wissen, wer Du bist. Wenn Du nicht willst… ʻ Er zuckte die Achseln.
Der Soldat nahm den Revolver an sich, einige Minuten später wurde das Todesurteil vollstreckt.“