Gustav Landauer

Ich bin meiner Lebtage Föderalist
gewesen
“ – Gustav Landauers föderalistisch-kommunitärer Anarchismus

von Siegbert Wolf (Frankfurt/Main)

 

In Gustav Landauers (1870-1919) ausformulierter Konzeption eines kommunitären Anarchismus kommt dem Föderalismus – ein Organisationsprinzip, geprägt von der Eigenständigkeit und engen Vernetzung der einzelnen Glieder – eine erhebliche Bedeutung zu. Was den Anti-Politiker, Sprach- und Kulturkritiker, jüdischen Kulturphilosophen, Antimilitaristen sowie Initiator zahlreicher libertärer Projekte antrieb, betraf die Suche nach einer Gemeinschaft freier und gleichberechtigter Menschen in einer dezentralen und föderalistisch vernetzten Welt. Ausgehend vom Föderalismus Proudhons, zielte er auf eine grundlegende Erneuerung der Gesellschaft in Richtung Freiheit und soziale Gerechtigkeit von unten auf. Während der Revolution von 1918/19 warb er für ein föderatives und dezentrales Rätesystem. Anarchie, Herrschafts- und Staatslosigkeit, war für ihn der höchste Ausdruck sozialer Ordnung, einer nichttotalitäre Ordnung, die keinen Krieg und keine strukturelle Gewalt mehr kennt.

Vom Individuum ausgehend, vertrat Landauer einen universellen Ansatz freiheitlich-sozialer Organisation gegen Zentralstaat, Kapital und Kirche. Allen Menschen sollte ungehinderter Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht werden. Sein anarchistischer Föderalismus stellt ein praktikables Modell gegen die zentralistische und bürokratische Gesellschaft zur Beendigung der Herrschaft von Menschen über Menschen dar. An die Stelle des Staates tritt ein Bund selbstorganisierter und produktionsgenossenschaftlicher Lebensgemeinschaften.

Sein ökolibertär-föderatives Postulat vom Austritt aus Kapitalismus und (Groß-)Industrialismus, der das Erlernen von Sozialismus in frei assoziierten Kommunen vorsah, sollte die Selbstorganisation der ArbeiterInnen und der Landbevölkerung vorantreiben. Hierzu verwies er auf die Bedeutung einer aus verschiedenen Berufsgruppen hervortretenden Delegiertenversammlung mit imperativem Mandat. Diesen Ansatz erweiterte er zum Konzept eines durch Generalstreik erlangten „Freien Arbeitertages“ auf Rätebasis. Den herkömmlichen Vertretungsparlamentarismus und den zentralistischen Staat wollte er durch die in ihren Berufskorporationen öffentlich zu wählenden Räte sowie einen föderalistischen Bund ersetzen: „Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken.“ Gleichheit, Freiheit und Föderation sollten das Zusammenspiel der einzelnen Gliederungen regeln: von der sich selbst verwaltenden Gemeinde „zum Bezirk, zum Kreis, zur Landschaft, zur Provinz, zur autonomen Republik, zum Bund deutscher Republiken“, bis hin zu den „Vereinigten Völkern der Menschheit.“

 

Über den Autor:
Dr. Siegbert Wolf (Frankfurt/M.), Historiker und Publizist. Zahlreiche Bücher u.a. über Gustav Landauer, Martin Buber, Hannah Arendt und Jean Améry sowie zur Frankfurter Stadtgeschichte. Seit 2008 Herausgeber der „Ausgewählten Schriften“ Gustav Landauers im Verlag Edition AV (Lich/Hessen). Zuletzt erschienen Band 12: Friedrich Hölderlin in seinen Gedichten (2016) und Band 13: Die Revolution. Textkritische Ausgabe (2017) (www.edition-av.de).

 

 „Gustav Landauer:
Skepsis, Mystik und Anarchie“

Gustav Landauer (1870 bis 1919) ist, wie er selbst schrieb, „etwas unüblich“ und passt „in kein Schubfach“: Als Anarchist verwarf er Gewalt und Terror und bekämpfte den Kriegswahn und Militarismus, den Staat und den Parlamentarismus. Als Individualist plädierte er für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der sich die Einzelnen zu Gemeinschaften zusammenschließen, gemeinsam arbeiten und die erwirtschafteten Produkte tauschen. Skeptisch blieb er gegenüber den Ansprüchen von Theoretikern, endgültig die Welt erklären zu wollen; er wandte sich einer “gottlosen” Mystik zu, in der „das Selbstgefühl und die Liebe zusammenschmilzt zur großen Welterkenntnis …“. Die Anarchie, wie sie Landauer versteht, ist „Ordnung und Freiheit, ohne Gewalt“ in einer naturangepassten Gesellschaft.

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