Rosa Aschenbrenner

Rosa Aschenbrenner –
ein Leben für die Politik
Münchner Skizzen 12, München 1998

von Günther Gerstenberg

Zahlreiche Frauen, die sich im Bayern des zwanzigsten Jahrhunderts engagierten, tauchen lediglich als Fußnote in Monographien auf und werden oft auch noch falsch abgehandelt. Wer war zum Beispiel Hedwig Kämpfer1), Mitglied des Münchner Revolutionären Arbeiterrats, wer war Lisa Frank, die gemeinsam mit Gustav Landauer Anfang 1919 in der Münchner Baaderstraße Schriften zur Volksaufklärung herausgab2), wer war Rosa Aschenbrenner, eine der bewusst versteckten Frauen in der bayerischen Geschichte der zwanziger und fünfziger Jahre, die von ihren männlichen (auch schriftstellernden) Kollegen wie Wilhelm Hoegner verschwiegen wird? Erst in jüngster Zeit haben Elisabeth Schätzl, Karin Sommer und Eva Maria Volland auf Rosa Aschenbrenner und ihre Bedeutung hingewiesen.3)

Am 27. April 1885 kommt Rosa in der Uhrmacher- und Kleinhäuslerfamilie Lierl in Beilngries/Oberpfalz als erstes von acht Kindern auf die Welt. Was das heißt, kann man sich heutzutage nur noch schwer vorstellen. Noch nicht eingeschult, hat sie sich schon um die jüngeren Geschwister zu kümmern, lernt Verantwortung zu übernehmen und sich durchzusetzen. Sie geht etwa 1891 bis 1898 zur Volksschule, arbeitet zugleich in der Landwirtschaft mit und ist für die Kleineren Ersatzmutter. „… Während des Besuchs der Sonntagsschule, besonders während der Wintermonate, verdiente ich mir den Bedarf an Kleidern usw. schon selbst als Zugehmädchen, [mit] Stricken und Nähen. Mein Wunsch, etwas lernen zu dürfen (Lehrerin oder Schneiderin) konnte seitens meiner Eltern aus Mangel finanzieller Mittel nicht erfüllt werden …“4)

Mit dem Vater, Vorstand eines katholischen Arbeitervereins, besucht sie eine Versammlung der Zentrumspartei, in der sich nach dem üblichen Referat in der Diskussion der Landtagsabgeordnete Karl Grillenberger zu Wort meldet, einer der „vaterlandslosen Gesellen“, wie Kaiser Wilhelm die Sozialdemokraten nennt. Zu Hause fragt die Mutter, was denn ein Sozialdemokrat sei. Darauf das Roserl: „Ja, des woaß i a net, aber g’falln hat’s mir, was er g’sagt hat!“5)

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert dringen freiheitliche Ideen, die die Emanzipation der Frau fordern, von Frankreich und England nach Deutschland. Mit der gescheiterten Revolution von 1848 geraten sie in Vergessenheit, werden aber um 1865 wieder aktualisiert. In der kgl. Residenzstadt München versuchen Frauen, sich zu organisieren. Noch ist ihnen nach dem Vereins- und Versammlungsgesetz die Mitgliedschaft in Parteien verboten. Aber auch der unpolitische Arbeiterinnen-Bildungsverein von 1873 wird 1875 polizeilich aufgelöst, ebenso der 1885 gegründete Arbeiterinnen-Verein für München und Vorstädte. 1894 verbietet die Polizei den 1891 konstituierten Bildungsverein für die Frauen und Mädchen Münchens und den 1892 gegründeten Allgemeinen Bildungsverein für die Frauen und Mädchen in München. 1905 versammeln sich sozialdemokratisch gesinnte Frauen, die einen Frauen und Mädchen Bildungs-Verein für München und Umgebung aus der Taufe heben. Die Polizei beobachtet akribisch ihre Aktivitäten, schreitet aber nicht ein.6)

Zwölf Jahre lang arbeitet Rosa Lierl als Dienstmädchen bei vier Familien in vier Städten, darunter in Nürnberg, seit 1906 in München, wo sie am 8. Februar 1908 einen Vortrag hört, der sie begeistert. Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Josef Simon spricht im Frauen- und Mädchenbildungs-Verein über „Frauenstimmrecht und Arbeiterinnenfürsorge  … Das Resultat der schön verlaufenen Versammlung war eine erhebliche Zahl von Aufnahmen“.7) Auch Rosa ist dabei. Noch im gleichen Jahr fällt das Vereins- und Versammlungsgesetz. Zum Jahresende löst sich der Verein auf.

Die bürgerliche Frauenbewegung betont den Unterschied der Geschlechter. Für Sozialdemokraten steht dagegen fest, dass die Klassenlage von Männern und Frauen eine gemeinsame ist. Auch Frauen können der SPD beitreten; sie ist die einzige Partei, die weibliche Mitglieder aufnimmt.

In der Gastwirtschaft Zur Blüte in der Blütenstraße 18 lernt Rosa den 1883 in Eggenfelden geborenen Hans Aschenbrenner, einen Seemann, Friseur und Sozialdemokraten, kennen und ehelicht ihn. Beide planen, nach Amerika auszuwandern, in eine neue, bessere Welt, aber Rosas Eltern macht diese Idee unglücklich. Amerika bleibt ein ferner Traum. 1909 tritt Rosa der SPD bei. Bis zum Ersten Weltkrieg führt sie gemeinsam mit ihrem Mann ein kleines Friseurgeschäft in Neuhausen in der Kreittmayrstraße, später noch eine zweites in der Hübnerstraße. 1910 bringt sie ihren Sohn Hans zur Welt. 1914 wird ihr Mann Hans als Lazarettdiener eingezogen; sie müssen ihre Friseurläden schließen. Etwa 1910 bis 1914 arbeitet sie als Knopflochnäherin im Heeresbekleidungsamt, lässt sich dort in den Arbeiterinnenausschuss wählen, engagiert sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, wird – wohl deshalb – entlassen und arbeitet dann beim Hilfsdienst im Schlacht- und Viehhof.

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Münchener Post 219 vom 21.9.1912, 12.

Sozialdemokratisch orientierte Arbeiterinnen und Arbeiter eröffnen, wenn sie erwerbslos geworden sind, nicht selten ein eigenes Geschäft. Wenn sie einen Gehilfen einstellen, legen sie Wert darauf, dass dieser ebenfalls in der Partei und in einer Gewerkschaft organisiert ist. Dies dient auch der Werbung bei der größtenteils sozialdemokratischen Kundschaft im Arbeiterviertel. Ob Rosa und Hans Aschenbrenner einen Gehilfen beschäftigt haben, wissen wir nicht.

1914: Das große Völkermorden fordert unzählige Opfer; immer mehr Männer müssen an die Front. Frauen übernehmen die schwere Männerarbeit. Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich erheblich. Lange Arbeitszeiten und dadurch bedingte allgemeine Erschöpfungszustände sind an der Tagesordnung. Draußen im Stacheldraht und in den Schützengräben krepieren Tausende.

Im Februar/März 1917 setzt das erschöpfte russische Volk seinen Zaren ab. Acht Monate später jagen die Bolschewiki auch die bürgerliche Regierung davon. Das macht in Deutschland Hoffnung. In der Mitgliedschaft der SPD gärt es. Immer häufiger ist zu hören: „Der Feind steht im eigenen Land, Krieg dem imperialistischen Krieg!“ Die Führung der Partei hält an ihrer Politik, die Reichsregierung zu unterstützen, fest. Rosa Aschenbrenner ist gegen eine sinnlose Kriegsverlängerung; sie wechselt 1917 zur USPD, tritt aus der katholischen Kirche aus und ist seitdem konfessionslos.

Im November 1918 haben die verantwortlichen Politiker abgewirtschaftet; die Monarchie bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Die Revolution verspricht Demokratie, Gleichberechtigung der Staatsbürger und Sozialisierung. Frauen erhalten das aktive und passive Wahlrecht. In München hetzen Militaristen, Antisemiten, Alldeutsche und Verschwörer der Thule-Gesellschaft gegen die neuen Zeiten. Graf Arco schießt Ministerpräsident Eisner auf offener Straße nieder.

Die Konterrevolution marschiert. Rosa, Mitglied im Bund Sozialistischer Frauen, wirkt in der Zeit vom 7. bis zum 14. April 1919 gemeinsam mit Hedwig Kämpfer und Mathilde Baumeister – auch sie von der Geschichte vergessen – im Revolutionstribunal als Sprecherin des Staatsanwalts. Die Bezeichnung „Revolutionstribunal“ macht das Bürgertum, das blutrünstige Jakobiner am Werke sieht, schaudern. Dabei hat das Tribunal „sich das Ziel gesetzt, den Unwissenden auf den Weg in die Freiheit zu führen“ und verfügt meistens Freisprüche oder verhängt minimale Strafen. Anordnungen des Tribunals stehen in großen schwarzen Lettern auf blutrotem Papier – ohne jegliche Wirkung.8)

Der Kreis der Reichswehrtruppen und der Freikorps schließt sich um München. Rosa schmuggelt sich mit zwei Genossinnen am 30. April 1919 durch die Linien der Roten Armee und der Weißgardisten; in Ingolstadt beschwören sie den Vertreter der freistaatlichen Regierung Hoffmann, den Staatskommissär Dr. Hermann Ewinger, einen Mehrheitssozialdemokraten, er möge die Truppen nicht ausgerechnet am 1. Mai in München einmarschieren lassen, um ein Blutbad zu verhindern. Sie kehren erfolglos ins umkämpfte München zurück und erleben, mit welcher Grausamkeit die „Weißen“ wüten. Rosa protestiert mit ihrer Unterschrift gegen das Abschlachten der 21 katholischen Gesellen durch das Detachement Probstmeier, wird verhaftet und mit erhobenen Händen von ihrer Arbeitsstätte durch die Thalkirchnerstraße abgeführt.

Die Justizbehörden suchen Zeugen für Rosas angebliche Verbrechen, aber alle Aussagen gleichen sich: „München, 19. Juni 1919. Die Lehrerin Sophia St., Ainmillerstr. 32/III, gab an, dass die Aschenbrenner mit der Frau Kämpfer bei allen Stellen, die in der Räteregierung zu erreichen waren, dahin wirkte, dass Blutvergießen unterbleiben u. eine Einigung zu Stande kommen sollte. Weiter hat sich die Aschenbrenner, die politisch nicht geschult sei, nicht an Handlungen der Räteregierung beteiligt. W. Kr …“9)

„Politisch nicht geschult“ dient der Zeugin als Schutzbehauptung. Immer deutlicher erkennt Rosa, dass eine von linken Idealisten betriebene Politik in die Katastrophe führen muss. Die Proklamation der Räterepublik war nicht nur spontane Reaktion auf die Ermordung Eisners und die Zunahme rechtsextremer Umtriebe, sie war auch ein die Realitäten verkennender, voluntaristischer Akt von Sozialdemokraten, Unabhängigen Sozialdemokraten und Anarchisten. Was folgte, war die gnadenlose Jagd auf Linke.

„… Die Frauenhilfe für politische Gefangene wurde 1919 nach den Maitagen von unerschrockenen, hilfsbereiten und opferfreudigen Frauen ins Leben gerufen. Sie stellte sich die Unterstützung Hinterbliebener gefallener Revolutionäre sowie Untersuchungsgefangener und Verurteilter mit Nahrungsmitteln, Kleidern, Barmitteln, Rauchwaren usw. zur Aufgabe … All diese Unterstützungsarten erforderten einen monatlichen Etat von 15.000 M. Diese Summe auf die Dauer durch Sammlungen aufzubringen war trotz der großen Opferfreudigkeit einzelner unmöglich. Die Frauenhilfe sah sich dadurch Ende 1920 gezwungen, an den Gewerkschaftsverein und die politischen Parteien wegen der weiteren Finanzierung heranzutreten … Von den Festungsgefangenen waren 42 freigewerkschaftlich organisiert, 2 Syndikalisten … Ihrer politischen Einstellung nach zählten sich 60 zur KPD, 9 zur USP und 1 zur MSP … Von den Gefängnis- und Zuchthausgefangenen fehlen uns die Angaben über die gewerkschaftliche Organisation. Nach politischer Überzeugung konnten wir 21 KPD und 4 USP feststellen …“10)

Hans Aschenbrenner ist nicht wie andere Männer, die sich weigern, ihren Frauen einen Teil der Haus- und Familienarbeit abzunehmen, so dass diese sich politisch engagieren können. Rosa arbeitet in der Frauenhilfe. Am 24. September 1919 kommt dies den Behörden zu Ohren, und schon am 29. September stehen Polizisten mit einem Haussuchungsbefehl vor ihrer Wohnungstüre. Sie lässt sich nicht einschüchtern, geht an die Öffentlichkeit, hält Reden, zum Beispiel am 18. Februar 1920 im Gasthaus Hohenwart in der Gietlstraße in Obergiesing, am 8. März in einer internen USPD-Versammlung und am 31. Juli in Peißenberg. Am 7. Juli 1920 wird sie zur zweiten Vorsitzenden der USPD-Kreisleitung München gewählt.11)

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Solidaritätspostkarte der Frauenhilfe nach einer Zeichnung eines politischen Gefangenen in Stadelheim, signiert „H.P. Weihnachten 1919“, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

Dann sprechen Sie!

Die zur Jahreswende 1918/19 gegründete KPD verbindet in ihrem Programm den revolutionären Anspruch mit einer pragmatischen Position. Man lehnt Putsch und Terror ab und will die Macht nur über eine Mehrheit des Volkes erringen. Ziel ist die Diktatur der Mehrheit, der Ausgebeuteten, über die Minderheit, die Ausbeuter.

In den ersten Jahren der Weimarer Republik kommt es immer wieder zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen und Aufständen. Was ist nun besser? Sich mit den erbitterten Massen gegen die Liquidierung der sowieso nur bescheidenen Errungenschaften der „geschenkten“ Revolution und damit auch gegen die SPD auflehnen, die dafür die Hauptverantwortung trägt, oder eine Einheitsfront mit den anderen sozialistischen Organisationen aufbauen? Die Positionen in der KPD sind ungeklärt. Mit den Niederlagen der Rätebewegung aber setzen sich in der Partei die Befürworter einer Einheitsfronttaktik durch.

Führende Vertreter der Bayerischen Volkspartei (BVP) unterstützen im März 1920 den Staatsstreich reaktionärer Generäle und Politiker in Berlin. Dieser scheitert zwar an einem reichsweiten Generalstreik, in München aber beseitigen Reichswehrgeneral von Möhl, der monarchistische Regierungspräsident von Kahr, der Münchner Polizeipräsident Pöhner und der Einwohnerwehrführer Georg Escherich die Regierung Hoffmann. Es herrscht der Ausnahmezustand; logisch, dass die meisten Münchner Kommunisten unter diesen Umständen für eine Zusammenarbeit mit den anderen Arbeiterparteien und den Gewerkschaften sind.

Die USPD wird zur Massenpartei; bei den Mitgliederzahlen wie auch bei den Wahlergebnissen holt sie die Mehrheitspartei fast ein. Am 6. Juni 1920 erhält sie in Bayern einen Gesamtstimmenanteil von 12,9 % und gewinnt 20 Mandate. Die SPD erhält mit 16,9 Prozent 25 Mandate. Rosa Aschenbrenner wird als Kandidatin der USPD in den Bayerischen Landtag gewählt, sie fungiert gleichzeitig als Laienrichterin am Arbeitsamt und ist in den Gewerkschaften aktiv. Ihre Partei plant den Aufbau einer „Internationale der Tat“ und schwankt damit zwischen der Reaktivierung der Zweiten Internationale und dem Anschluss an die im März 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale.

Am 27. Oktober 1920 verlässt Rosa mit ihrem Kollegen Franz Aenderl die USPD-Fraktion. Am 29. Oktober folgen die Abgeordneten August Hagemeister, Fritz Sauber und Adolf Schmidt. Die fünf Abgeordneten bilden eine neue Landtagsfraktion und firmieren als „USPD (linke)“. Ziel ist der schrittweise Übertritt zur KPD. Vom 4. bis 7. Dezember beteiligt sich Rosa als Münchner Delegierte in Berlin beim Vereinigungsparteitag des linken Flügels der USPD mit der KPD, die erst jetzt als VKPD (Vereinigte KPD) zur Massenpartei wird.12) Am 22. Dezember konstituiert sich die neue VKPD-Fraktion. Sie besteht aus Aenderl, Aschenbrenner, Josef Eisenberger, Hagemeister, Sauber und Schmidt. Fraktionsvorsitzender wird Otto Graf.

Die disziplinierte bayerische Arbeiterschaft hat die Waffen aus der Revolutionszeit auf Anordnung der Siegermächte abgegeben, die paramilitärischen Verbände dagegen, deren Ziele „Rache für Versailles“ und ein autoritärer Staat sind, legen riesige Waffenlager an und überziehen das Land mit einem Netz von Geheimorganisationen, die Verbindungen zur Münchner Polizeidirektion und zur Bayerischen Staatsregierung haben. Bayern wird zum Eldorado aller Rechtsextremisten. Hier treten vom Reichsgericht steckbrieflich gesuchte Hochverräter und Mörder unbehelligt öffentlich auf, während Juden und linksstehende Arbeiter ausgewiesen oder in „Schutzhaft“ genommen werden. Man spricht von der „Ordnungszelle Bayern“.

Hören wir Rosa Aschenbrenner in der Etatdebatte am 18. März 1921 nach der stenographischen Niederschrift: „Meine Herren und Frauen! Ich muss allerdings konstatieren, dass die Frauen zunächst fehlen. (Zuruf von der Mittelpartei.) Der zu behandelnde Etat enthält eine Reihe von Anforderungen, zu denen man schon vom Standpunkte der Frauen aus Stellung nehmen müsste. Nach dem Vorhergegangenen schenke ich mir aber, neue Unruhen in diesem Hause heraufzubeschwören; denn wer hier herinnen versucht, die Wahrheit zu sagen, der wird, wie es sich heute gezeigt hat, systematisch gestört. Wenn man den vorliegenden Etat mit dem der früheren Jahre vergleicht, so findet man, dass sich etwas Wesentliches nicht geändert hat. Sie, meine Herren und Frauen, behaupten zwar, es hätte einmal eine grauenvolle Revolution gegeben, in der eine sogenannte Volksregierung geboren worden sei. Man sollte nun glauben, dass ein derartiger Umsturz dann aber auch irgendwo in der Volksregierung ein anderes Ergebnis zeigen würde. Wenn man aber, wie gesagt, den vorliegenden Etat mit dem früherer Jahre vergleicht, so findet man, dass alle diejenigen Summen, die vorher dem Militarismus geopfert worden sind, heute von der Einwohnerwehr, von der Orgesch [Organisation Escherich, d.V.] und von der Technischen Nothilfe verschlungen werden. Unsere heutigen Staatsmänner behaupten nun, dass sie alle diese Dinge zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung brauchen. Fürwahr, eine göttliche Weltordnung, die sich des Schießprügels und der Streikbrecher bedient, um arbeitslose Väter, verzweifelnde Mütter und darbende Kinder auch weiterhin in Not und Elend dahinsiechen zu lassen … In München wurden vor kurzem 84.000 Kinder amtsärztlich untersucht; 40.000 davon waren ungenügend ernährt, 25.000 waren vollständig unterernährt …“13)

Wenn Männer im Plenum reden, treten sie sehr schnell in einen Dialog mit anderen Männern ein. Ein Wort gibt das andere; die Klingen werden gekreuzt. Männer verstehen sich. Wenn eine der wenigen Frauen spricht, steht eine durchsichtige Wand zwischen Rednerpult und Plenum. Es entsteht kein Dialog, Zwischenrufe sind seltener zu hören, und manchmal springt die eigene Fraktion mit unterstützendem Applaus für die Rednerin ein, als ob sie es nötig hätte. Frauen sind im Plenum des Landtags merkwürdig isoliert. Anders Rosa Aschenbrenner. Sie scheut im Unterschied auch zu manchem ihrer männlichen Kollegen keinen Konflikt. Für ihre Reden benutzt sie lediglich einige Zettel mit Stichworten und häufig reagiert sie sehr schlagfertig. Ihre männlichen Kollegen sind irritiert.

Der Ausnahmezustand, der am 4. November 1919 das am 31. Juli 1914 verhängte Kriegszustandsrecht ablöste, bleibt den Bayern ohne Unterbrechung erhalten. Im März 1921 kämpfen Aufständische in Mitteldeutschland gegen Reichswehrtruppen. Im März und April 1921 sind kritische Zeitungen sowie Versammlungen der Linken in Bayern verboten; verdächtige, unerwünschte Ausländer werden aus dem Freistaat ausgewiesen, Linke werden verhaftet und eingesperrt. Vergeblich verbreitet die bayerische VKPD die Parole „Generalstreik“.

Rosa spricht am 28. April 1921 im Landtag: „… Der Herr Staatssekretär hat auf die Verhaftungen hingewiesen und hat … von den vielen Ausländern gesprochen, die an der Bewegung mitbeteiligt waren. Wir möchten doch fragen und es wäre uns interessant, wie viele Ausländer denn in Bayern an der Bewegung sich beteiligt haben. Unseres Wissens war es ein einziger, der jetzt ausgewiesen ist. Es ist wirklich recht bezeichnend für die Doppelzüngigkeit der bayerischen Regierung, dass – (Glocke des Präsidenten) 1. Vizepräsident: Frau Abgeordnete! Diese Kritik an der Regierung geht zu weit und kann in diesem Hause nicht zugelassen werden. (Zuruf der Abgeordneten Aschenbrenner: Aber sie ist berechtigt, warten Sie nur, was ich ausführen werde.) Frau Abgeordnete! Wenn der Präsident spricht, dann hat der Abgeordnete zu warten. (sehr richtig! rechts.) Auch Sie haben sich der Disziplin des Hauses zu fügen, die auf der Geschäftsordnung aufgebaut ist, die sich das Haus gegeben hat. Aschenbrenner (V.K.P.D.): Also, Herr Präsident, dann sprechen Sie! (Heiterkeit.) (Zurufe.) Sind Sie nun fertig? Dann kann ich weitersprechen. (Heiterkeit.) Ich wollte nur weitere Ausführungen machen und Sie können dann selbst beurteilen, ob es nicht eine Doppelzüngigkeit ist, wenn man an einem Tage in diesem Hause ein Huldigungstelegramm nach Tirol richtet und am anderen Tag einen Ausländer verdonnert, der österreichischer Staatsangehöriger ist. (Zurufe.) Wenn das nicht doppelzüngig ist, weiß ich nicht. Es macht eben die Regierung, was ihr ungefähr in den Kram passt …“14)

Rechtsextremisten verbreiten seit Oktober 1920 mit Fememorden Angst und Schrecken. Am 9. Juni 1921 erschießen sie den USPD-Abgeordneten Karl Gareis, der ihre konspirativen Umtriebe im Landtag anprangerte. Jetzt macht sich eine ungeheure Erregung in der Arbeiterschaft breit. Flugblätter mit Aufrufen zum Generalstreik werden verteilt. Die Behörden reagieren prompt. Kundgebungen der linken Parteien werden unterdrückt, aber trotz Verbot sammeln sich über 2.000 Menschen im Ausstellungspark hinter der Bavaria – von paramilitärisch ausgerüsteten Polizeitruppen eingekesselt. Rosa hält eine improvisierte Rede, in der sie für die unbefristete Durchführung eines Generalstreiks bis zur Erfüllung der von der USPD erhobenen Forderungen plädiert, da die Massen von ihren Führern verlassen worden seien und nun selbst wissen müssten, was sie zu tun hätten. Beifall brandet auf. Wenig später erscheint der bayerische SPD-Führer Erhard Auer und beschwört die empörte Menge, die das Versammlungsverbot nicht hinnehmen will, heimzugehen.

Vom 22. bis 26. August 1921 tagt der 7. Parteitag der VKPD in Jena. Unter den 274 Delegierten sitzt auch Rosa Aschenbrenner, die aufmerksam Lenins Grußwort anhört. Er schreibt, die Bourgeoisie habe sich nach ihren Erfahrungen in Russland nun in Deutschland grausam auf die revolutionäre Arbeiterschaft gestürzt, und diese wiederum habe sich, vom blinden Hass geleitet, zu vorzeitigen Aufständen hinreißen lassen, denn „unsere Parteien sind in den allermeisten Ländern noch lange, lange nicht das, was wirkliche kommunistische Parteien sein müssen …“ Lenin fordert: „Kaltes Blut und Standhaftigkeit bewahren; systematisch die Fehler der Vergangenheit korrigieren; unaufhörlich darauf bedacht sein, die Mehrheit der Arbeitermassen sowohl in den Gewerkschaften als auch außerhalb der Gewerkschaften zu erobern; geduldig eine starke und kluge kommunistische Partei aufbauen, die fähig ist, bei allen und jeglichen Wendungen der Ereignisse die Massen wirklich zu führen; sich eine Strategie ausarbeiten, die der besten internationalen Strategie der (durch die jahrhundertelange Erfahrung im allgemeinen und durch die ‘russische Erfahrung’ im besonderen) ‘am meisten aufgeklärten’ fortgeschrittenen Bourgeoisie gewachsen ist …“

Es sieht gut aus in der Partei; drei Frauen werden in die Zentrale gewählt, Aufbruchstimmung herrscht, erste Ansätze zum Aufbau einer proletarischen Einheitsfront sind geplant. Rosa fährt nach München zurück, einen der Kernsätze Lenins im Kopf. „Niemand in der Welt ist imstande, die revolutionären Marxisten zu kompromittieren – es sei denn, sie kompromittieren sich selbst.“15)

In Bayern gehen die Uhren anders. Zwar besteht die VKPD-Landtagsfraktion aus sieben Mitgliedern, aber die Abgeordneten Sauber, Hagemeister und Schmidt befinden sich in Festungshaft, der Abgeordnete Eisenberger verbüßt eine zweijährige Gefängnisstrafe, und Otto Grafs Mandat ruht auf Anweisung der Berliner Zentrale. Einzig der Abgeordnete Aenderl und Rosa Aschenbrenner können ihre Mandate wahrnehmen; sie versuchen dazu, in den oft parallel tagenden Ausschüssen mitzuwirken.

Am 26. August 1921 ermorden Rechtsextremisten den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und flüchten dann nach München, von wo sie sich trotz Fahndungsersuchen der badischen Polizei unbehelligt ins Ausland absetzen können. In der Münchner KPD-Zentralexvi werden Stimmen laut, die Rosa, die von einer Versammlung zur anderen hetzt, Reden hält und in ihrer Wohnung verfolgten Kommunisten Unterkunft gewährt, aus der vorderen Front ziehen wollen. Eine Frau mit an der Spitze der revolutionären Avantgarde, das ist zu gefährlich.

Am 19. September findet im zweiten Stock der Gastwirtschaft Zur Blüte der Parteitag der KPD-Südbayern statt. Fahndungsbeamte der Abteilung VIaF der Münchner Polizeidirektion überwachen die Tagung und heben sie schließlich aus. Rosa wird mit vielen anderen verhaftet und „vorgeführt“. Der Vorwurf lautet: Der Parteitag sei nicht angemeldet und genehmigt gewesen. Die Verhafteten sind sich natürlich im klaren, dass die Anmeldung lediglich zu einem Verbot geführt hätte. Am Ende stellt die Polizei nur gegen den Veranstalter und Leiter des Parteitags sowie gegen die Wirtin der Blüte Strafantrag.17)

Die Bayerische Staatsregierung hebt den Ausnahmezustand endlich auf; die bayerische KPD kann wieder Kundgebungen anmelden. Rosa ist unermüdlich tätig und reist außerhalb der Sitzungstage durch ganz Bayern. Am 21. Oktober finden in Nürnberg gleichzeitig zehn große Volksversammlungen statt, auf deren Ankündigung zu lesen steht: „Arbeiter, Arbeiterinnen! Die Not wird immer größer, die Unterdrückung immer schärfer. Kommt in Massen! Zeigt Euren Willen zum Kampf! K.P.D. Nürnberg.“18) Es sprechen Fürther und Nürnberger Genossen, verstärkt durch Aenderl, Regensburger Landtagsabgeordneter (MdL.), und Aschenbrenner, MdL. aus München.

Am 25. November muss sich Rosa einer schweren Operation unterziehen. Sie ersucht um acht Wochen Urlaub, legt aber dann mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand und unter dem Druck ihrer Genossen am 22. Januar 1922 das Mandat nieder. Nun konzentriert sie sich ganz auf die Mitarbeit in der Frauenhilfe für politische Gefangene, die ihr Büro in der Rosentalschule unterhält. Außerdem ist sie in der KPD-Bezirksleitung Südbayern für die „Frauenarbeit“ zuständig. Ihren Platz im Landtag nimmt der aus politischen Gründen aus dem bayerischen Schuldienst entlassene Franz Auweck ein.19)

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Plakatsammlung 7678, BayHStA. Die Münchner Druckerei der KPD ist von den Behörden geschlossen worden; die Partei lässt für die fünf Versammlungen am 17. Februar 1923 das Plakat in der Augsburger Druckerei des Volkswillen herstellen. Umsonst, denn die Münchner Polizeidirektion verbietet Plakatanschlag und Versammlung.

Im Sommer 1923 haben Inflation und Arbeitslosigkeit einen Höchststand erreicht. In Sachsen und Thüringen arbeiten SPD und KPD zusammen. Führende Genossen in der KPD meinen, und dabei werden sie von Beratern der Kommunistischen Internationale bestärkt, dass die Zeit zum Losschlagen gegen den bürgerlichen Staat reif ist. Doch dann ändern sich die Voraussetzungen. Vier Sozialdemokraten werden Mitglieder der neuen Reichsregierung, die Währung wird stabilisiert, und die französische Regierung ist zu Kompromissen in Fragen der Rhein- und Ruhrbesetzung bereit. Die Zentrale bläst die Aktion ab.

Nur die Hamburger Genossen werden zu spät informiert; ihr isolierter Aufstand vom 23. Oktober wird blutig niedergeschlagen. Reichspräsident und Reichskanzler entheben am 29. Oktober unter missbräuchlicher Anwendung des Art. 48 der Reichsverfassung die Koalitionsregierung von Sachsen-Thüringen; am 23. November wird die KPD reichsweit verboten.

Der neu ernannte Generalstaatskommissar von Kahr verhängt schon am 27. September den Ausnahmezustand über Bayern und verbietet die KPD. Eine Partei kann man verbieten, Überzeugungen nicht. Fast sieben Monate lang arbeitet die Partei illegal.

Die Jahre der Inflation, die sich wiederholenden Ausnahmezustände, die Anschläge auf linke und bürgerliche Politiker und die Putschversuche der Rechten zwangen die Linke zur Zusammenarbeit. Das Münchner Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße wirkte als Zufluchtsort und rote Insel im reaktionären Meer. Die drei Arbeiterparteien kooperierten mit den Gewerkschaften. Mit dem Eintritt in ruhigere Zeiten endet diese Zusammenarbeit.

Die ADGB-Gewerkschaften lösen die Frauenhilfe auf. Fast alle unterstützten politischen Gefangenen sind Mitglied der KPD oder sympathisieren mit ihr. Die führenden Genossen der bayerischen SPD sehen da natürlich nicht ein, warum sie diese Einrichtung weiter mitfinanzieren sollen. Schon Anfang 1921 hat die KPD die Rote Hilfe ins Leben gerufen. Bezirkskomitees befinden sich in Berlin, Hamburg, Halle, Chemnitz, Remscheid und Stuttgart. Nun übernimmt 1924 die Rote Hilfe Deutschland die Aufgaben der Frauenhilfe in München.

Die KPD wird in Bayern immer wieder in die Illegalität gedrängt. In einem der internen Lageberichte, die der Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung monatlich an die Regierungen der Länder, also auch an die Bayerische Staatsregierung, verschickt, heißt es: „… Es liegt hier ein Rundschreiben der politischen Leitung eines Unterbezirks der K.P.D. vor, in dem klar zum Ausdruck gebracht wird, dass die K.P.D. es als besonders schmerzlich empfindet, wenn die mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung betrauten Behörden zur Festnahme kommunistischer Funktionäre u.s.w. schreiten. Diese Feststellung bietet einen wertvollen Beweis für die hier immer wieder betonte Ansicht, dass die Ausschaltung des Führerkörpers der K.P.D. die beste Abwehr gegen jede Gewaltaktion durch diese Partei ist; in neuerer Zeit auch lehrt die Erfahrung, dass die Behörden mit ihren Maßnahmen auf dem richtigen Wege sind und die kommunistische Partei kampfunfähig gemacht werden kann, wenn sie ihrer Führer beraubt wird …“20)

Wer als Kommunist eingesperrt wird, fällt als Ernährer seiner Familie aus oder verliert sogar seine Arbeitsstelle. Rosa hilft unermüdlich und unerschrocken. Staatliche Stellen lassen sie observieren: „Nach dem Bericht des Stadtrates Ingolstadt arbeiten die dortigen Kommunisten hinter verschlossenen Türen. Einer der eifrigsten Förderer der kommunistischen Bewegung ist der Kommunist B. Er war aus diesem Grunde schon wiederholte Male in Schutzhaft genommen worden, wurde aber jedes mal wieder entlassen. Am Freitag, den 5. Sept. war die Landtagsabgeordnete Rosa Aschenbrenner in Ingolstadt. Sie kam mit dem Zug um 6¼ Uhr von München hier an, wurde von dem bereits erwähnten Kommunisten B. empfangen und zum Gewerkschaftshaus an der Eselbräustraße No 4 begleitet. Der Zweck ihres Aufenthaltes war, Geld an die erst kürzlich aus der Schutzhaft entlassenen Kommunisten auszuzahlen. An jeden der Entlassenen wurden 20 – 25 M abgegeben. Die Abgeordnete Aschenbrenner fuhr mit dem Zug um 10 Uhr wieder nach München zurück. Während ihres Aufenthaltes waren außer den Eheleuten B., die Kommunisten G., Sch., S. und L. und außerdem noch viele junge Leute, deren Namen nicht festgestellt werden konnten, bei ihr. Während der ganzen Zeit des Aufenthalts wurde die Aschenbrenner durch zwei Kriminalbeamte überwacht. Privatwohnungen hat sie nicht betreten.“21)

In der Berliner Parteizentrale weht unter dem Druck der Kommunistischen Internationale ein anderer Wind. Die neue Führung verzichtet auf geduldige Überzeugungsarbeit in den Gewerkschaften und will neue aufbauen; Wahlen und parlamentarische Arbeit erscheinen ihr nebensächlich. Autoritär beseitigt sie Gegner ihrer Politik in den eigenen Reihen. Das Ergebnis ist verheerend. Die Partei verliert Mitglieder und Einfluss. Ende 1925 korrigiert wiederum unter dem Druck der Komintern ein neues Zentralkomitee den Kurs der Partei zur alten Einheitsfronttaktik.

Rosa übernimmt neben ihren vielen anderen Tätigkeiten ab 1925 die Kassenverwaltung der KPD-Bezirk Südbayern und organisatorische Aufgaben in der bayerischen Roten Hilfe, die 1926 noch 29 Gefangene, 60 Familien und 65 Kinder unterstützt. Die Behörden behindern Rosas …Öffentlichkeitsarbeit. Am 16. April 1926 plant sie, im Saal der Rosenau in der Bleichstraße in Nürnberg neben anderen Rednern zum Thema „Die Frauen und die Rote Hilfe“ zu sprechen; die Nürnberg-Fürther Polizeidirektion verbietet die Versammlung. Am 4. Mai trifft sich die Führung der Roten Hilfe in einer Privatwohnung in der Münchner Implerstraße; Polizei stürmt die Wohnung, auch Rosa wird verhaftet. Aber die Schikanen schrecken sie nicht ab.

Am 26. März 1927 hält sie neben anderen Referenten einen Lichtbildervortrag in Ingolstadt. Ihre Aktivitäten werden genau registriert: „11. Juni 1927. Betreff: ‘Rote Hilfe’. An Ortspolizeibehörde Bad Tölz. Der Kindertransport wurde von der Roten Hilfe organisiert. Es handelt sich um Kinder von gefallenen Genossen bzw. politischen Gefangenen der K.P.Bezirk Bayern, die auf einige Monate zur Erholung im Kinderheim der Roten Hilfe ‘Mopr’ in Elgersburg (Thüringen) untergebracht wurden. Die Kinder mussten, sofern sie von auswärts waren, nach München gebracht werden: Von hier aus übernahm die Verpflegungskosten die Rote Hilfe. Am 16.5.27 erfolgte dann unter Führung der kommunistischen Landtagsabgeordneten Rosa Aschenbrenner die Abreise. Es waren 17 Kinder beiderlei Geschlechts im Alter von 8 – 14 Jahren.“22)

Das beutegierige System ist noch vorhanden

Die KPD stellt Rosa Aschenbrenner als Kandidatin für die Landtagswahlen am 6. April 1924 auf. Am 3. Juni tritt der neu gewählte Landtag zusammen. Fast alle Abgeordneten haben schon ihre Plätze eingenommen, da gehen die KPD-Abgeordneten Aschenbrenner, Friedrich Baumgärtner, Franz Xaver Büchs, Joseph Götz, Karl Grönsfelder, Hermann Mager, Joseph Schlaffer und Josef Weber im Gänsemarsch quer durch den Sitzungssaal. Vor dem Tisch des Präsidenten heben sie die Faust und bringen Hochrufe auf die Partei, auf die politischen Gefangenen und die Kommunistische Internationale aus. Auch auf der Besuchertribüne stimmen Kommunisten in die Hochrufe mit ein. Die Abgeordneten von BVP und SPD sind überrascht und sprachlos, die völkischen Abgeordneten antworten mit Schmährufen.23)

Rosa wird zur Fraktionsvorsitzenden gewählt, und schon am 23. Juli 1924 greift sie die neue, von der BVP und den Deutschnationalen getragene Bayerische Staatsregierung an: „… Politische Mörder und Verbrecher sind in der Ordnungszelle frei und können frei herumlaufen. Der Herr Abgeordnete Dill hat in seiner Programmrede neulich betont, dass es in Bayern noch nicht möglich war, den Mörder des Herrn Abgeordneten Gareis aufzufinden. Ja, Herr Abgeordneter Dill, da fragen Sie doch einmal den Herrn Pöhner, mit welchem echten gefälschten Pass er den Mörder von Gareis über die Grenze geschafft hat. (Unruhe beim Völkischen Block.) Derartige Dinge waren in der politischen Abteilung der Polizeidirektion München an der Tagesordnung. (Zurufe vom Völkischen Block.) Es stimmt, es ist unerhört, aber es stimmt! Ihnen aber, meine Herren von der Sozialdemokratie, möchte ich folgendes sagen. In diesem Zusammenhange hat Herr Abgeordneter Dill darauf hingewiesen, dass das in dem faschistischen Staat Italien nicht möglich sei, dass sich vielmehr dort, als der sozialistische Abgeordnete Matteotti ermordet wurde, eine große Volksbewegung entsponnen habe. Meine Herren von der Sozialdemokratie! Angesichts der Ermordung des Herrn Abgeordneten Gareis hat sich auch in München eine Volkserhebung gezeigt, und Sie waren es damals, die diese Volkserhebung im Keim erstickt haben … Sie wollen das Volk aufklären, dass es zweierlei Recht gibt in Bayern. Damit ist es nicht getan, wenn Sie das Volk nur aufklären. Nein, Sie müssen dann das Volk organisieren, dass es sich gegen dieses zweierlei Recht auflehnt, dass es die Maßnahmen trifft, um diese Zustände zu beseitigen …“24)

Rosa kritisiert nicht nur die Bayerische Staatsregierung, sie verurteilt auch die Rolle der SPD, die aus Angst vor der Revolution trotz marxistischer Rhetorik in den vergangenen fünf Jahren dazu beigetragen hat, die bürgerliche Klassengesellschaft zu konsolidieren und jeden revolutionären Ansatz blutig niederzuschlagen. Rosa unterscheidet dabei ganz klar zwischen der Parteispitze und den Parteimitgliedern, zu denen sie vielfach ein sehr gutes, persönliches Verhältnis hat.

Wenn die Not im eigenen Land groß ist, wird es schwierig, mit internationaler Solidarität zu argumentieren. Aschenbrenner spricht anlässlich der bevorstehenden Reichspräsidentenwahlen in Kolbermoor: „Bismarck ist es 1870 um die Gewinnung der Kohlen- und Erzbergwerke in Elsass-Lothringen gegangen. Deren Gewinnung war auch ein Fortschritt für die Arbeiter; sie verdienten besser. Jetzt kämpfen England und Frankreich um die Rohstoffquellen Deutschlands; es geht um die Ruhrbergwerke. Wir müssen die Arbeiterschaft aufklären, dass es nicht um nationale Ziele geht und dass sie sich nicht zum Kampfe gebrauchen lässt. Wir sind nicht radikaler geworden, als es die früheren Führer der Sozialdemokratie waren; wir sind nur diejenigen, die das verlassene Erbe der Sozialdemokratie angetreten haben und es weiterführen wollen …“25) Rosa hofft, dass die Sozialdemokratie zu ihren Ursprüngen zurückfindet.

Die Unterdrückung der KPD wird ab März 1924 gelockert, Anfang 1925 kommt es zu neuen Massenverhaftungen von Kommunisten.26) Der Landtag lässt sich zu einem einmaligen Akt gegen die unbequeme KPD-Vorsitzende verleiten. Der stenographische Bericht vom 22. Januar 1925: „Präsident: (Ich bitte um Ruhe.) Wir kommen zur Abstimmung. Der Ausschussantrag lautet: Der Landtag wolle beschließen, die Genehmigung zur Strafverfolgung der Abgeordneten Aschenbrenner wegen eines Verbrechens der Fortführung der Kommunistischen Partei in Tateinheit mit einem Verbrechen der Verbreitung kommunistischer Zeitungen und Zeitschriften (§§ 1 und 3 der Verordnung vom 11. November 1923 – Staatsanzeiger Nr. 263 –, Verordnung vom 6. Oktober 1923 – Staatsanzeiger Nr. 232 – und § 73 des Reichsstrafgesetzbuchs) zu erteilen. Ich ersuche die Mitglieder des Hauses, welche so beschließen wollen, sich von den Plätzen zu erheben. (Geschieht.) Das ist die Mehrheit des Hauses; es ist so beschlossen.“27)

Die Bayerische Staatsregierung hebt mit der Verordnung vom 14. Februar 1925 das förmliche Verbot der bayerischen KPD auf. Am 15. Februar tagen etwa 300 Delegierte der KPD-Bezirke Süd- und Nordbayern im Schwabenbräu in Cannstatt, um die Partei zu reorganisieren. Am folgenden Tag trifft sich im gleichen Lokal der innere Zirkel der Partei. Die Polizei hebt diese Konferenz aus und verhaftet neben den Reichstagsabgeordneten Ernst Thälmann und Albert Buchmann sämtliche bayerischen Landtagsabgeordneten. Gegen Schlaffer, Götz und den Rosenheimer KPD-Aktivisten Ewald Thunig ergeht ein Haftbefehl.28) Schlaffer und Götz sitzen lange in Untersuchungshaft, bis sie auf Initiative des Landtages wieder freigelassen werden.

Am 4. Januar 1925 spricht Ministerpräsident Held (BVP) mit Hitler. Am 27. Februar 1925 kann Hitler seine NSDAP im Münchner Bürgerbräukeller neu gründen. Die Regierenden sind besorgt. Der optische Eindruck einer neutralen Haltung der Staatsregierung darf nicht getrübt werden. Es scheint, dass die Regierenden in diesen Tagen der relativen Stabilisierung der Zustände im Lande die Konsequenzen aus der Aufhebung der Immunität Rosa Aschenbrenners nicht weiter verfolgen lassen. Unterlagen über eine Strafverfolgung Rosas sind nicht zu finden.

Dafür findet sich im Personenakt „Aschenbrenner“ der Polizeidirektion dieser lakonische Vermerk: „StA Mü I. Aktenzeichen H 1789/24. 17.12.24. Sch.G.München. 1 Verbr. d. Beihilfe zu 1 Verbr. der vers. Abtreibung § 218/1 43, 49 RStGB. 3 Wochen Gefgs. Bew. Frist bis 1.1.29 bew. am 17.12.24. Eichstätt, 19.5.1926. Staatsanwaltschaft beim Landgerichtsbezirk Eichstätt.“29) Rosa hat offenbar einen Arzt für eine Abtreibung vermittelt.

Für die Kommunisten ist die Tribüne des Parlaments in erster Linie die Plattform ihrer öffentlichen Anklagen gegen die herrschende Gesellschaftsform. Der Abgeordnete Grönsfelder spricht am 13. März 1925 zum Etat des Inneren und kritisiert, die Staatsregierung „pfeife ständig auf die Verfassung (Ordnungsruf des Präsidenten), der Polizeipräsident von Nürnberg habe sich des Mordes schuldig gemacht (zweiter Ordnungsruf), die Polizei sei der Spürhund des Unternehmers (Rüge des Präsidenten. – Lärmende Zurufe des Abg. Büchs, der ebenfalls zwei Ordnungsrufe erhält.) Der Staat habe offenen Diebstahl begangen …“.

Mit dem dritten Ordnungsruf entzieht der Landtagspräsident Grönsfelder das Wort, der aber unbeirrt weiter spricht. Fritz Schäffer von der BVP springt zur Rednertribüne vor, packt den KPD-Abgeordneten und hält ihm den Mund zu. Beinahe kommt es zu einer Rauferei zwischen mehreren Abgeordneten. Der Präsident schließt Grönsfelder von der Sitzung aus, der sich aber nicht entfernt. Daraufhin erweitert der Präsident den Ausschluss auf acht Tage und droht, den Abgeordneten von der Polizei abführen zu lassen. Nach einer zehnminütigen Unterbrechung wiederholt er die Drohung. „… (Abg. Büchs: Von euch Henkersknechten lassen wir uns nicht hinausführen! – Frau Abg. Aschenbrenner: Lasst doch eure Hundertschaften in Aktion treten!) …“30) Auch Büchs und Aschenbrenner werden ausgeschlossen. Die KPD-Fraktion ist zufrieden. Sie hat den repressiven Charakter des bürgerlichen Staates bloßgestellt.

Die Bayerische Staatsregierung hält sich zurück, die unteren Behörden dagegen arbeiten mit Schikanen und Verboten. Büchs legt am 8. Juli dem Landtagsplenum Beweise vor und zitiert: „Der Kommissar für den Bezirk der unmittelbaren Stadt Kaufbeuren … erlässt auf Grund des Art. 102 des bayerischen Ausführungsgesetzes zur Reichsstrafprozessordnung die nachstehende Anordnung: Die auf Samstag, den 4. Juli 1925 abends ½ 8 Uhr in das Hofbräuhaus-Veranda in Kaufbeuren einberufene öffentliche Versammlung mit der Tagesordnung: Preissteigerung und die Arbeiterschaft, Redner: die Landtagsabgeordnete Rosa Aschenbrenner, wird verboten. Gleichzeitig wird der Anschlag der zum Besuche dieser Versammlung einladenden Plakate untersagt … Gründe: … Bei der bekannten Einstellung … der Kommunistischen Partei Deutschlands zum verfassungsmäßigen Staat, dessen gewaltsame Beseitigung das Programm der Kommunistischen Partei bildet, muss angenommen werden, dass die kommunistische Rednerin gerade bei dem Thema ‘Preissteigerung und die Arbeiterschaft’ Worte zu finden weiß, die geeignet sind, durch besondere Betonung der wirtschaftlichen Notlage die Zuhörer aufzustacheln und zu unüberlegten Schritten zu führen, die letzten Endes auf die Umwälzung der jetzigen Staatsform und Verfassung hinzielen …“31)

Am 1. August spricht Rosa in Kirchenlamitz für die Vollamnestierung der politischen Gefangenen und gegen die Zolltarifvorlage der Reichsregierung, die den forcierten Abbau der dirigistischen Außenhandelswirtschaft zum Inhalt hat. Am folgenden Tag plant die KPD mit ihrer Jugendorganisation ein Ortsgruppentreffen in Weissenstadt, welches das Bezirksamt Wunsiedel verbietet. Rosa reist trotzdem nach Weissenstadt und versucht, ein geheimes Treffen zu arrangieren.32)

Auch in anderen Ländern werden Exponenten der Arbeiterbewegung verfolgt, zum Beispiel im Italien Mussolinis. Italiener, die in diesen Jahren durch Bayern reisen, sind besonders verdächtig. Der weiß-blaue Freistaat hat ein Auge auf suspekte Ausländer und auf tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten, er sammelt Informationen, gleicht sie miteinander ab, und immer wieder führen die geheimen Wege zur Abgeordneten Aschenbrenner. „25.11.1925. Ein Ulmer Kommunist hat die Aufgabe, die sogenannten ‘Emigranten’ nach Bayern zu der Abgeordneten Frau Aschenbrenner nach München weiterzuleiten. Im bayerischen Landtagsgebäude soll sich im Fraktionszimmer der KPD. das Büro für ‘Emigrantenwesen’ befinden. Bei diesen ‘Emigranten’ dürfte es sich teilweise um gerichtlich Verfolgte in- und ausländische Kommunisten handeln, teilweise auch um solche, die aus irgendeinem Grund ‘illegal’ reisen.“33)

Wie viele Informationen die Behörden auch sammeln, entscheidende Hinweise bekommen sie nicht, denn es gelingt nicht, in die inneren Zirkel der bayerischen KPD einen Spitzel zu setzen. Dies ist auch der Grund dafür, dass der bayerische Innenminister anweist: „… Aufgabe der Polizeibehörden muss es sein, dafür zu sorgen, dass die gesteckten Ziele nicht erreicht und die Kräfte der K.P.D. möglichst geschwächt werden …“34)

Am 2. und 3. Januar 1926 tagt die Bezirksleitung der KPD-Südbayern im Goldenen Anker in der Münchner Schillerstraße 30. Am 3. Januar will Reichstagsabgeordneter Edwin Hoernle mit Rosa Aschenbrenner und den bayerischen Genossen über die Agrarpolitik der Reichsregierung und der KPD-Fraktion sprechen, da stürmen um 11 Uhr vormittags vierzehn Kriminalbeamte und zwanzig Männer der Schutzmannschaft das Lokal, „kontrollieren polizeilich“ und filzen auch den Abgeordneten, in dessen Taschen sie Notizen finden mit der Überschrift „Frage der Illegalität“. Dieser protestiert und weist auf seine Immunität hin, darauf ein Beamter lakonisch: „Herr Abgeordneter, Sie sind in München.“

Hoernle: „… Nach Ankunft des Untersuchungsrichters wurde ich trotz wiederholten Hinweises auf die Widergesetzlichkeit des ganzen Vorgehens einem Verhör unterzogen, wobei der Untersuchungsrichter selbst zugeben musste, dass für die Behauptung, ich sei auf ‘frischer Tat ertappt’, erst die Untersuchung den Beweis erbringen könne. Ich wies ihn darauf hin, dass der einwandfreie Beweis bereits vor meiner Verhaftung vorliegen müsse, dass man mich aber auf den bloßen Verdacht hin festgenommen habe … Nach einer Freiheitsberaubung von insgesamt 5 Stunden wurde ich endlich wieder auf freien Fuß gesetzt …“35) Gegen alle Tagungsteilnehmer wird Anzeige wegen eines Vergehens gegen §§ 128, 129 StGB, Bildung einer „konspirativen Verbindung“, und §7, Zif. 4, Gesetz zum Schutz der Republik erstattet.36)

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Von Rosa Aschenbrenner verantwortlich gezeichnetes Flugblatt von 1926, Flugblattsammlung 478, BayHStA.

Die neuen Führer der „geschenkten“ Revolution von 1918 hatten den ehedem regierenden deutschen Fürstenhäusern ihre Vermögen gelassen. Am 25. Januar 1926 legen die Fraktionen von SPD und KPD im Reichstag einen gemeinsamen Gesetzentwurf über die entschädigungslose Enteignung der Fürsten vor. Rosa agitiert. Am 7. März spricht sie im Gasthaus Oberschreyer in Eggenfelden: „… Im Jahre 1918 sei keine nennenswerte Revolution gewesen, diese muss noch ärger kommen …“27)

Am 10. März spricht sie auf einer Erwerbslosenversammlung in Nürnberg: „… Wir hatten zwar in Deutschland eine Revolution, aber das beutegierige System ist noch vorhanden. Die Lösung dieser Frage steht noch vor uns … Was für Russland möglich war, sollte doch für die weitaus mehr fortgeschrittene deutsche Arbeiterschaft auch möglich sein … Im Kriege sind die Arbeiter immer und immer wieder zum Kampf hinausgezogen, warum sollen die Leute jetzt nicht auch den Mut aufbringen, wo es sich um ihre eigene Rettung handelt!“28)

Im ganzen Reich tragen sich 12,5 Millionen Bürgerinnen und Bürger in die vom 4. bis zum 17. März ausliegenden Listen für das Volksbegehren zum Volksentscheid über die Fürstenenteignung ein. Da die bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Deutschen Demokratischen Partei zum Boykott des Volksentscheids am 20. Juni aufrufen, erringt dieser nicht die notwendige Mehrheit, denn das Wahlgeheimnis wird dadurch faktisch aufgehoben; Bewohner kleinerer Gemeinden haben Angst, durch ihre Teilnahme an der Abstimmung zu zeigen, dass sie für die Fürstenenteignung stimmen.

Rosa am 7. Mai vor dem Landtag: „… Sie haben sich furchtbar aufgeregt über das, was im Zusammenhange mit der Fürstenenteignung jetzt alles geschehen ist oder noch geschehen soll; aber als während der lnflation die Tausende von Sparern, die Tausende von Dienstboten auf dem Lande, die kärglich ihre Groschen zusammen gespart und zusammengetragen hatten, durch die Inflation enteignet wurden, da hat kein Bischof von Passau und kein anderer Bischof und keine Bayerische Volkspartei gegen den Eigentumsraub, der an den kleinen Leuten vollzogen worden ist, nur irgendwie einen Ton von sich gegeben …“39)

Die Weimarer Jahre gelten in unseren Tagen als Blütezeit der Frauenemanzipation. Dieses Bild entspricht nicht nur dem Wunschdenken zeitgenössischer Theoretiker, der medialen Vermittlung einer weiblichen Moderne und der verfassungsrechtlich geforderten Gleichstellung, es mag sich auch in den gebildeten Schichten der großstädtischen Zentren Deutschlands andeutungsweise verwirklicht haben. In Bayern und hier besonders im bäuerlichen und sozialdemokratischen Milieu aber bleibt das tradierte Geschlechterverhältnis mit seiner klaren patriarchalischen Rollenverteilung stabil.

Männerpolitik ist ohne spezifische Frauenarbeit nicht möglich; da fällt die Familie Aschenbrenner vollkommen aus der Norm: Der Mann übernimmt Verantwortung für wesentliche Bereiche der Reproduktion der Familie. Nicht Hans ist “berufstätig”, sondern Rosa. Er gilt nicht als „Ernährer“ und wirkt damit „unmännlich“. In der Pöhlmannstraße 5 in Untermenzing, der heutigen Kreckestraße, weitab von jeder Verkehrsanbindung erwirbt er ein billiges Grundstück und baut hier für die Familie in Eigenregie ein kleines Haus. Wann immer Rosa Zeit hat, rührt sie den Mörtel, schleppt Ziegel und hilft ihrem Mann. Im Jahr 1926 haben die Aschenbrenners etwas zum Feiern. Jetzt ist das Haus bezugsfertig, und sofort werden Gerüchte gestreut und wird Neid geschürt. Um nicht erkannt und vielleicht sogar angezeigt zu werden, versteckt man sich hinter der Anonymität:

„Man schreibt uns: Theorie und Praxis sind bei den Kommunisten stets verschiedene Dinge. Sie predigen Tod dem Kapital, Vernichtung dem Privateigentum. Das hindert aber keinem [sic!], der es sich irgendwie leisten kann, sich möglichst rasch etwas Eigenes zu erwerben. Den Weg dieser Unentwegten ist auch die rote Rosa des bayerischen Landtags, Frau Aschenbrenner, gegangen. Seit einiger Zeit erhebt sich in ihrem Wohnort Untermenzing ein recht hübsches stattliches Einfamilienhaus mit gut bürgerlichem Äußeren, das sie sich baute. Kommunistisch ist an der Villa nichts, außer dem beträchtlichen Staatszuschuss, der aber an der Fassade nicht erkennbar ist. Er soll sogar besonders entgegenkommend gewährt worden sein, mit Rücksicht auf die hohe Stellung (als Abgeordnete), die die ‘Bauherrin’ (eine technische Bezeichnung, die der künftige Sowjetstaat abschaffen wird) bekleidet.

Frau Aschenbrenner soll ihren Ehemann dabei sogar als Bauarbeiter verwendet haben; das wurde ihr als Verdienst um die Erwerbslosenfrage hoch angerechnet, da der Gatte (ein Hilfsarbeiter) schon lange erwerbslos ist. Es war auch pädagogisch besser, ihn zu beschäftigen, während die Gattin im Landtag durch die schweren Sorgen um das Volkswohl kämpfend bemüht ist [sic!]. Man wusste dann doch, was er tut. Außerdem ist das Eigenheim doch besser als dieses elende Dasein im Mietshaus – man gehört dann eben auch zu den Bürgern und Hausbesitzern – ist ‘jemand’ – ‘Teufel! Ach so! aber das Proletariat, das uns wählte?! Diese Tausende haben kein eigenes Haus, sie kampieren auf der Straße, hungern und frieren – was werden die zu meiner Villa sagen?’ ‘Ach was! Billiger Ausweg: Denen versprechen wir eine! Solche Zukunftswechsel sind billig und unbegrenzt lieferbar – trotz aller Pleite! –’“40)

Wieder ein Versuch, mit hämischen Unterstellungen eine Kampagne auszulösen, gegen die sich zu wehren fast unmöglich ist, denn die Zeitung, die solch eine Zuschrift veröffentlicht, kann guten Gewissens behaupten, dass sie den Wahrheitsgehalt von Zuschriften nicht immer nachprüfen könne, und dass es falsch wäre, Leserbriefe zu zensieren.

… Roßverrecken, das macht Schrecken

Die bayerische SPD vertritt in den Augen Rosa Aschenbrenners eine halbherzige Politik, besonders wenn es um die Belange von Frauen geht. Zwar befinden sich in ihren vorderen Reihen einige gescheite Lehrerinnen, aber kaum Arbeiterinnen. Die SPD-Politik arbeitet langfristig auf eine Koalition mit der katholischen BVP hin; in ihren Reihen befinden sich an prominenter Stelle eher konservativ eingestellte Männer, die Katholiken sind. So kann sich die KPD als wahre Vertreterin proletarischer Fraueninteressen profilieren.

Die Vorsitzende der KPD-Fraktion spricht in der Debatte zum Etat der Bayerischen Staatsregierung am 17. März 1925 zum Thema Gesundheit. Hier sollte sie einmal ausführlicher zu Wort kommen:

„Meine Frauen und Herren! In der Reichsverfassung steht der schöne Satz: ‘Die Mutterschaft hat Anspruch auf die Fürsorge und den Schutz des Staates.’ Dieser Satz klingt sehr schön; er wäre auch sehr sozial, aber er ist unter dem Widerspruche der kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaftsordnung eben nicht zur Durchführung zu bringen. Auch im christlichen Bayern tut man so, als ob das Wohl des Volkes, seine sittliche und wirtschaftliche Hebung die größte Sorge des Staates sei. Dass wir Kommunisten aber recht haben, wenn wir behaupten, das alles ist nur eitel Flunkerei, das hat man bei Aufstellung des Etats für dieses Jahr bewiesen. Für das Haushaltsjahr 1925 sind nach dem Antrage der Koalitionsparteien 150.000 M bewilligt. Diese Summe gilt für die 8 Regierungsbezirke und ich überlasse es Ihnen selbst, auszurechnen, was dabei auf den einzelnen Regierungsbezirk entfallen wird …

Man klagt auch über die große Zahl von Abtreibungen auf dem Lande. Es ist dies allerdings ein tragischer Beweis dafür, dass der Spruch Goethes nur zu wahr ist: ‘Gesetz ist mächtig, doch mächtiger die Not.’ Selbst in dem vorwiegend katholischen Bayern setzt man sich in dieser Frage über die Strafandrohungen und über die Gewissensnot hinweg und Tausende von Frauen greifen zu dem letzten Mittel, das ihnen bleibt. Die Kommunistische Fraktion hat in Verfolg dieser Dinge im Herbst vorigen Jahres den Antrag eingebracht, man möchte bei der Reichsregierung beantragen, dass die Strafbestimmungen der §§ 218 und 219 außer Kraft gesetzt werden. Wir waren uns von vornherein bewusst, dass man mit diesem Antrag im Bayerischen Landtage wenig Gegenliebe finden werde. Allerdings muss ich sagen, eine derartige Animosität konnte ich nicht begreifen. Ich konnte ein derartiges Unverständnis für die soziale Lage dieser Frauen nicht begreifen. Es wurde mit großem Pathos erklärt, dass, wenn diese Strafparagraphen außer Kraft gesetzt würden, Sitte, Ethik und Moral zum Untergange verurteilt wären. Ich sage nun, Sie irren sich, solch ewige und unabänderliche Sittengesetze gibt es gar nicht, aber es wäre zwecklos, das der Zusammensetzung dieses Hauses begreiflich machen zu wollen. Diese Gesetze verändern sich im Laufe der Zeit und der Geschichte mit den Veränderungen in der ökonomischen Struktur.

Wir haben den Antrag auf Außerkraftsetzung der Paragraphen nur deshalb eingereicht, weil praktisch diese Strafbestimmungen bereits außer Kraft gesetzt sind. Sie bestehen ja nur mehr juristisch. Als ich im Ausschusse den Antrag damit begründete, dass von namhaften Ärzten nachgewiesen wird, dass in Deutschland jährlich 600.000 bis 800.000 Fälle von Abtreibungen vorkommen, schien Ihnen dies unglaublich … Außerdem ist auch festgestellt, dass die weitaus größte Zahl von Frauen, die deswegen unter Strafverfolgung kommen, verheiratete Frauen sind, die schon mehrere Kinder geboren haben …

Wir haben also diesen Antrag deswegen gestellt, weil es hier geht um die Gesundheit und das Leben der Frauen, die, durch die wirtschaftliche Not getrieben, Hilfe suchen, sich dann an Kurpfuscher wenden und dann erst recht dadurch um ihre Gesundheit kommen. Wir sind der Meinung, dass, wenn man diese Strafparagraphen außer Kraft setzen würde und die Frauen, die dann nicht anders können, sich an einen Arzt wenden würden, die Gefahr für Leben und Gesundheit der Frau dann jedenfalls geringer wäre. Aber der Staat bleibt nun beim Gebärzwang und überlässt der Familie die Sorge um das neue Menschenleben ohne Rücksicht darauf, was mit ihm geschieht.

… Die Hauptursache der vielen Geschlechtskrankheiten liegt in der zahlreichen Prostitution und ich sage Ihnen: Wenn Sie nicht dafür sorgen, dass die Löhne der Arbeiterinnen und der Angestellten erhöht werden, werden Sie es nicht verhindern können, dass unglückliche Mädchen sich der Prostitution hingeben, wodurch sie dann zeitlebens unglücklich werden und sich diese Folgen zeigen. Schuld ist auch hier wieder die kapitalistische und bürgerliche Gesellschaft mit ihrer Sitte und Moral, die eigentlich eine Unsitte und Unmoral ist.

Durch Belehrung und Vorbeugung könnte allerdings manches verhindert werden. Aber insbesondere in Bayern ist gegen die herrschende Muckerei nicht aufzukommen. Es ist doch geradezu bezeichnend, was die ‘Münchener Post’ neulich melden musste, dass auf Betreiben der Geistlichkeit ein Plakat entfernt werden musste, das die Bekämpfung der Tuberkulose in bildlichen Darstellungen zeigte und auch die Maßnahmen aufwies, die hier vorbeugen können. Weil nun unter diesen Maßnahmen, die hier gezeigt wurden, spielende nackte Kinder dargestellt waren, erklärte man, das störe die Sittlichkeit, das sei für die Sittlichkeit verheerend, und daraufhin musste das Plakat entfernt werden. Da muss ich Ihnen schon sagen, es muss um die Sittlichkeit dieser Kreise schon wirklich schwach bestellt sein, wenn dadurch deren Sittlichkeit verletzt wird. Ich möchte Ihnen beweisen, dass die Sitte und Moral im Laufe der Zeit und im Wechsel der Jahre sich verändert hat. Ich mache darauf aufmerksam, dass der große Kirchenmaler Raffael fast ausnahmslos nackte Kinder dargestellt hat, und wenn Sie Ihre große Pilgerfahrt nach Rom machen, dann wird es gut sein, wenn Sie die nötige Menge von Brillen herrichten, damit Ihre Sittlichkeit nicht gestört wird. (Heiterkeit links.)

… Im Reichsetat für 1925 ist vorgesehen, dass die Biersteuer 126 Millionen für das kommende Jahr einbringen soll. Auch hier ist doch der Widersinn recht ersichtlich. Da der Staat daran interessiert ist, dass recht viel konsumiert wird, wird er nie an eine energische Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs herangehen wollen. Das zeigt sich übrigens auch jetzt im Brauereiarbeiterstreik, wo der Staat mit seinem Polizeiapparat liebevoll die Bierwägen schützt, damit das bayerische Volk zu seinem nötigen ‘Geiste’ kommt, den es wahrscheinlich auch bei der Reichspräsidentenwahl wieder braucht, (Heiterkeit) dass das Braukapital zu seinem erhöhten Profit kommen und den Brauereiarbeitern dadurch die erhöhte Arbeitszeit aufgezwungen werden kann.

Beim Kapitel ‘Übrige Ausgaben’, Ausbau des Medizinalwesens hatten wir beantragt, dass ein Fünftel der vorgesehenen Summe von 100,000 M, demnach 20,000 M, zur Förderung des Hebammenwesens verwendet werden sollen … Die 10,000 M, die bewilligt wurden, sind nichts als eine schöne Geste. Ich muss aber noch etwas anderes bemerken. Im Landwirtschaftsetat und bei dem Kapitel, das die Erhaltung des Viehstandes betrifft, hat man von vornherein ganz andere Summen eingesetzt. Hätte man das auch für das Hebammenwesen getan, so wäre das ein erhöhter Schutz für Mutter und Kind gewesen. Aber es scheint in Bayern eben an den alten Grundsatz gedacht worden zu sein: Weibersterben ist kein Verderben, aber Rossverrecken, das macht Schrecken. (Heiterkeit.) …“41)

Nach einer Rede des berüchtigten Stürmer-Herausgebers Julius Streicher ergreift am 7. Mai 1926 Rosa das Wort und gibt den anwesenden Männern ein Beispiel, wie den Nazis zu antworten ist: „… Der Abgeordnete Streicher hat soeben Ausführungen gemacht, die dem Sinne nach lauteten, der Jude möge sich an die Jüdin wenden oder an die Arbeitervertreterinnen, die derartigen Ansichten zustimmen. Wenn ich den Herrn Abgeordneten Streicher ernst nehmen würde, wäre ich veranlasst, weitere Ausführungen zu machen. So aber genügt es mir, diese Bemerkungen des Herrn Abgeordneten Streicher als eine Gemeinheit von dieser Stelle aus zurückzuweisen. (Lebhaftes Sehr richtig! und Zurufe von der Sozialdemokratischen Partei.) (Widerspruch von der Nationalsozialistischen Gruppe) (Lärm links und in der Mitte.) (Glocke des Präsidenten.) Präsident: Ich war eben zu hören verhindert; aber wenn Sie dem Herrn Abgeordneten Streicher eben diesen Vorwurf machten, muss ich das zurückweisen und Sie zur Ordnung rufen. Aschenbrenner (Komm.F.): Ich habe ihm den Vorwurf der Gemeinheit gemacht und bestätige dies ausdrücklich noch einmal. (Glocke des Präsidenten.) Präsident: Frau Abgeordnete Aschenbrenner! Dann rufe ich Sie zum zweiten mal zur Ordnung. (Zuruf des Abgeordneten Aenderl: Das ist keine objektive Geschäftsführung mehr. Der Abgeordnete Streicher darf machen, was er will. Das ist ein Skandal.) Herr Abgeordneter Aenderl! Wenn Sie glauben, sich so aufführen zu dürfen, werde ich Sie aus dem Saale weisen …“42)

Immer wieder schikanieren die Behörden die Partei. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juli wird die Rosenheimer Landespolizei in Bereitschaft versetzt. Am frühen Morgen streifen Motorradpatrouillen der Polizei durch die Straßen der Stadt. Die Nervosität der versammelten Delegierten, die sich zum illegalen Bezirksparteitag der KPD-Südbayern in der Kantine der Sanierung versammelt haben, wächst. Immer öfter melden Späher dem Genossen Ewald Thunig, der die Absicherung der Versammlung leitet, dass die Polizei kurz davor ist, die Versammlung zu entdecken. In größter Hast wird die neue Bezirksleitung gewählt. Ein Spitzel: „… Punkt 7 und 8 der Tagesordnung, wozu die Landtagsabgeordneten Xaver Büchs und Rosa Aschenbrenner, sowie der Stadtrat Huber sprechen sollten, wurden aus Furcht vor polizeilichem Eingreifen nicht mehr behandelt. Die Tagung wurde sehr rasch abgebrochen …“43)

Eigene Veranstaltungen werden behindert oder verboten, und deshalb besucht Rosa Aschenbrenner auch Veranstaltungen konkurrierender Organisationen, um dort in der Diskussion zu sprechen. Am 24. Februar 1927 meldet sie sich in einer Versammlung des Bauernbundes in Ettling, Bezirk Landau an der Isar, zu Wort. Anwesend sind auch die Bauernbundführer Kübler und Klarhauser. Der Stationskommandant J. berichtet am 28. Februar an die Münchner Polizeidirektion: „… Die Aschenbrenner fing ohne dass ihr vom Vorsitzenden das Wort erteilt war und ohne Einhaltung der Pause zu sprechen an. Ich forderte sie auf zu schweigen, was sie aber nicht befolgte. Deshalb erfasste ich sie am Arm und wollte sie abführen. Sie hat sich aber dagegen gesträubt und auf den Boden niedergelassen. Nun legte ich ihr die Schließzange an und das hat gewirkt. Sie hat sich nicht mehr zu sprechen verlangt [sic!] …“44) Die empörten Bauernbündler sehen nun selbst, dass der Freistaat immer noch ein Polizeistaat ist. Rosa lässt sich trotzdem nicht einschüchtern.

Auch wenn sie über schlimme Zustände berichtet, behält sie ihren Humor. Am 9. Februar 1928 sagt sie im Landtag: „… Der [preußische, d.V.] Herr Wohlfahrtsminister Hirtsiefer hat einen Runderlass hinausgegeben und dabei folgende Anweisungen gegeben: ‘Bei der leider in weiten Kreisen der Bevölkerung bestehenden Neigung, die Zahl der Geburten nach Möglichkeit einzuschränken, verdienen diejenigen Familien, die eine besonders große Zahl von Kindern aufziehen, um so größere Anerkennung. Ich habe daher vor einiger Zeit einer Mutter, die 14 Kindern das Leben geschenkt hat und sie unter schwierigen Verhältnissen aufzog, eine in der hiesigen Porzellanmanufaktur gefertigte künstlerische Tasse (große Heiterkeit) nebst einem kleinen Geldbetrag als Patengeschenk überwiesen und beabsichtige, künftig in besonderen Fällen dem Interesse, das der Staat an kinderreichen Familien nimmt, in ähnlicher Weise Ausdruck zu geben. (Heiterkeit links.) Ich stelle daher anheim, mir in besonders gelagerten Fällen geeignete Vorschläge zu machen. Mit Rücksicht auf die Geringfügigkeit der mir zur Verfügung stehenden Mittel kommen jedoch nur solche Fälle in Betracht, in denen nicht nur die Kinderzahl eine ganz besonders hohe, etwa die Zahl 12 erreicht, (Heiterkeit) sondern in denen auch die sorgfältige Erziehung der Kinder in Ansehung der wirtschaftlichen Verhältnisse ein ganz besonderes Opfer darstellt und trotzdem in mustergültiger Weise geschieht.’ Ich glaube, der Herr Wohlfahrtsminister hat sich aber selbst geschämt; denn er hat dann noch bekanntgegeben, dass von einer Veröffentlichung dieses Erlasses Abstand zu nehmen sei. (Heiterkeit links.) Sollte etwa die Bayerische Staatsregierung auch nach diesem Beispiele vorgehen wollen, so würde ich nur empfehlen, vielleicht nicht nur Porzellantassen zu nehmen; denn die wären bei den beschränkten Wohnungsverhältnissen der Proletarier, wo 12 und 14 Kinder vorhanden sind, jedenfalls nicht sehr lange am Leben, und ich glaube also, es wäre etwas Härteres und Festeres zu empfehlen. (Zuruf: Was dann?) Vielleicht blecherne Tassen, weil die die Kinder mehr benützen können. Vitrinen hat man ja auch in Proletarierwohnungen nicht, wo man Porzellantassen aufhebt. Aber das eine muss ich noch sagen: Ich glaube, wenn man mit solchen Mitteln den Geburtenrückgang verhindern will, dann wird die Hoffnung der Regierung eben so bald in Scherben gehen, wie die schöne Porzellantasse! (Heiterkeit.) …“45)

Am 20. Mai 1928 wird Rosa wieder in den Landtag gewählt. Die Vorsitzende der kommunistischen Landtagsfraktion setzt sich auch mit der lauen Haltung der SPD in der Frage um den § 218 auseinander. Nachdem der SPD-Abgeordnete Endres ausgeführt hat, die SPD sei nicht gegen Geburtenkontrolle, „denn für die Errichtung des Sozialismus seien die Massen notwendig und man werde nicht den Ast absägen, auf dem der Fortschritt sitze“, antwortet sie am 22. Februar 1929: „Ich will Ihnen aber eines sagen, Herr Endres! Nicht darum handelt es sich, dass dauernd und mehr Proletarier erzeugt werden, der Kapitalismus erzeugt ja selbst Proletarier genug, indem er sie besitzlos macht. (Abgeordneter Dr. Högner: Das kann er nicht.) Nun, ich weiß nicht, wie das mit Ihren marxistischen Theorien wieder übereinstimmt, wenn Sie das bestreiten. (Abgeordneter Dr. Högner: Menschenkenntnis!) … Bei dem Fortschritte der Technik und der Rationalisierung sehen Sie ja, wie die inländischen Arbeiter zu Millionen auf der Straße liegen und gar nicht daran denken können, in den Produktionsprozess noch hineinzukommen. Oder will man es etwa gar so auffassen, dass, wie es jetzt in Wirklichkeit schon ist, die Konkurrenz der Arbeiter untereinander bereits so groß ist, dass die Arbeiter in den Städten, wie wir es oft beobachtet haben, bereits sich gegen die vom Lande herein strömenden Arbeitskräfte wehren, weil für sie die Arbeitsplätze schon gar nicht mehr ausreichen? Nicht darum handelt es sich, dass durch die Geburtensteigerung mehr Proletarier erzeugt werden, sondern darum handelt es sich, dass die Proletarier klassenbewusst werden und ihren Klassenfeind erkennen. (Sehr richtig! bei der Kommunistischen Fraktion.) (Abgeordneter Dr. Högner: Dann müssen noch welche da sein!) Es sind reichlich genug da. Die Methoden, die die Sozialdemokraten vorschlagen, erscheinen mir also nicht geeignet. Wiederholt haben Versammlungen der Sozialdemokratischen Partei auch zu diesem Thema stattgefunden. Ich besitze noch Vorschläge, die in einer derartigen Versammlung gemacht worden sind, und gehe jetzt nur auf einen Vorschlag ein. Es heißt hier: ‘F. Staatliche Fürsorge für kinderreiche Familien auf Kosten der Kinderlosen.’ Also, die Sozialdemokratische Partei will, nach diesem Vorschlage wenigstens, so à la Mussolini eine Junggesellensteuer durchführen auf Kosten der Kinderlosen zugunsten der Kinderreichen. (Zurufe von der Sozialdemokratischen Partei.) Wir sagen auch, es muss für die Kinderreichen etwas geschehen, zu einer Zeit, wo ein Staat Panzerkreuzer baut, neues Wettrüsten beginnt, (lebhafte Zurufe) wenn Mittel für solche Zwecke vorhanden sind, müssen in erster Linie Mittel für kinderreiche Familien vorhanden sein … Ich möchte jetzt noch darauf verweisen, dass wir im Ausschusse den Antrag gestellt haben, dass in all den Fällen, wo die §§ 218 und 219 des Reichsstrafgesetzbuchs verletzt sind, Amnestie eintreten möchte. Dieser Antrag wurde abgelehnt, auch mit den Stimmen der Sozialdemokratischen Fraktion …“46)

Rosa Aschenbrenner spricht als einzige der weiblichen Abgeordneten über gesellschaftliche Strukturen und untermauert ihre Argumentation immer mit konkreten Fällen. Sie bekommt stapelweise Post, in der ihr die Menschen ihre Not klagen und die Abgeordnete über skandalöse Zustände informieren. In einer Debatte über Jugendpolitik meint sie am 9. Juli 1925: „… Ich muss schon sagen, ein Dokument der Schande ist der Art. 35 des Gesetzes [gemeint: das bayerische Gesetz zur Ausführung des Reichsgesetzes für Jugendwohlfahrt, d.V.]… Ich muss Sie daran erinnern, dass im Dezember 1922 der Direktor der Erziehungsanstalt Neuherberg bei München, Brandstetter, ein Geistlicher, und weitere fünf Aufseher unter der Anklage standen, den Tod eines Zöglings sowie Körperverletzung bei zwei Zöglingen verursacht und das Züchtigungsrecht überschritten zu haben. Man denke sich die schwere Arbeit, die diese Zöglinge leisten mussten, und dann noch die Prügelstrafe mit dem Ochsenziemer, die den Tod eines Zöglings herbeiführte …“47)

Oder: „… Auf Einladung eines Mitglieds des Gemeinderats in Freising habe ich Wohnungen dort besichtigt. Ich kann nur sagen, es ist mir schon viel von Wohnungselend vorgekommen, aber was ich dort gesehen habe, ist einfach unbeschreiblich. Eine Zelle im Ausmaß von 2 Meter Breite, 3½ Meter Länge und 2¼ Meter Höhe wird von einer Familie mit drei Kindern, Mann und Frau und Schwester bewohnt. Als ich die Zelle betrachtete, stellte ich unwillkürlich einen Vergleich mit einer Zelle in Stadelheim an und ich muss sagen, der Vergleich dieser sogenannten Wohnung fiel bei dieser Betrachtung zugunsten der Zelle in Stadelheim aus. Die Familie ist seit vier Jahren beim Wohnungsamte vorgemerkt …“48)

Ein weiterer konkreter Fall, angeführt am 7. Mai 1926: „… Ich ging … nach Untermenzing zu mir nach Hause zurück. Auf dem Wege zogen zwei alte Frauen daher, das Gesicht von Gram und Kummer durchfurcht, und eine Frau in mittleren Jahren, die ein Kind auf einem Wägelchen hatte. Sie hatten sich von den Äckern, die da draußen liegen, Kartoffeln nachgegraben und fuhren nun ihre Tagesleistung nach Hause. Da standen an der Straße drei Beamte der Landespolizei; die hielten die Frauen auf und nahmen ihnen zunächst die Kartoffeln vom Wagen herunter. Ich beobachtete das, ging zu den Beamten hin und sagte weiter gar nichts als: ‘Meine Herren, stellen Sie sich nun einmal vor, Ihre Mütter ziehen so auf der Straße daher, ihre Mütter haben sich den ganzen Nachmittag abgemüht und geplagt, um ein Säckchen Kartoffeln zusammenzubringen. Was würden Sie dazu sagen, wenn das Ihren Müttern passieren würde?’ Wissen Sie, was die Leute gesagt haben? Der eine hat gesagt: Sie haben nicht ganz unrecht und schweigend haben sie den Frauen wieder die Kartoffeln aufgeladen und sie ziehen lassen. Herr Minister! Man hat sich schon oft den Kopf zerbrochen, was wohl die Zersetzungsabteilung der Kommunistischen Partei sei. Herr Minister! Das, was ich damals bei diesen Beamten der Landespolizei gemacht habe und das, was ich Tag für Tag und so oft ich kann, bei den Beamten der Polizei mache, wenn ich mit ihnen in Berührung komme, das ist Zersetzungsarbeit. Und es wirkt schon, wenn es sich auch augenblicklich noch nicht in dem Maße zeigt.“49)

Rosa erfährt bei ihren Reisen in die ländlichen Gegenden Bayerns, wo die Menschen der Schuh drückt. In ihren Reden ruft sie zum Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse auf. Ein Spitzel ist bei diesen Versammlungen immer dabei: „In Miesbach sprach vor 40 Personen Rosa Aschenbrenner. Sie berichtete über eine Versammlung von 4000 Bauern in Straubing, wobei die Bauern beschlossen hätten, dem Staat die Steuern zu verweigern. Bezüglich der Beamtenbesoldung erklärte sie, dass die K.P.D. eine Gehaltsaufbesserung für Beamte über 7000 RM Gehalt nicht bewilligen könne. Weiter beanstandete sie die großen Ausgaben für die Landespolizei und die Münchener Schutzmannschaft, besonders auch hinsichtlich der großen Beschaffung von Pferden … In Schliersee sprach wieder Rosa Aschenbrenner. Sie bemerkte, dass es das richtige sei, dass die Bauern in der Pfalz ein Finanzamtsgebäude angezündet hätten, wodurch ihnen wenigstens die Areal- und Wohnungsabgabesteuer erlassen worden sei.“50)

Am 9. Februar 1928 spricht sie im Landtag aus, was viele denken: „… Nun noch ein paar Worte zu dem Antrag bezüglich Auflassung der Arbeitshäuser. Der Herr Abgeordnete Auer Theodor hat kürzlich gesagt, dass er sich freut, dass die Arbeitsscheuen auf Grund des neuen Zigeunergesetzes in das Arbeitshaus eingewiesen werden können. Es ist das so eine Betrachtungssache, wer eigentlich arbeitsscheu ist. Sehen Sie, da gibt es im Volke draußen z.B. auch die Meinung, dass die Herren Abgeordneten, die hier hocken, Faulenzer sind und nichts anderes tun als ihre Diäten einschieben. Manchmal, wenn man die leeren Bänke anschaut, könnte man ja selbst sogar zu dem Eindrucke kommen. (Heiterkeit.) …“51)

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Sendling wählt rot. Wahlzeitung der Kommunisten für Unter-Sendling, 2, Varia 22, BayHStA.
Die Wahlzeitung der Kommunisten für die Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 wird von Wachsmatrizen abgezogen.

 Ein politischer Leichnam

Historiker haben es mit Rosa Aschenbrenner schwer. Besonders männliche Politiker arbeiten gerne für die Nachwelt, bauen Denkmäler, lassen sich ablichten und hinterlassen ein geordnetes, großes Lebenswerk. Anders Rosa! Erhard Auer beansprucht im Amtlichen Handbuch des Landtags fast eine ganze Seite, auf der er seinen politischen Werdegang beschreibt. Natürlich ist er auch auf einem vorteilhaften Konterfei präsent. Dieses eitle Gehabe empfindet Rosa als so lächerlich und peinlich, dass sie die notwendigen Angaben für das Handbuch fast unleserlich abgibt. Das Landtagsamt kann dieses Gekritzel nicht entziffern: Im Handbuch von 1925 steht als Geburtsdatum 1875; sie hat sich zehn Jahre älter gemacht. Oder handelt es sich nur um einen simplen Druckfehler?

Außerdem erreichen die Beamten nicht, dass sie eine Fotografie zur Verfügung stellt. Dafür hat sie keine Zeit. Es gibt Wichtigeres zu tun. 1929 steht unter der Überschrift „Lebensbeschreibungen der Mitglieder des Landtags“ über Rosa: „Hilfsarbeitersfrau in Untermenzing, Bez.-A. München. Stimmkreis: München II, VI, VII, Aibling-Miesbach. Komm. F. Geb. am 27. April 1885 in Beilngries. (Bild nicht eingeliefert.)“52) Zumindest das Geburtsdatum ist jetzt korrigiert.

Für politisch engagierte Frauen gilt, dass sie um vieles besser sein müssen als Männer, weil sie dreifach belastet sind: im Haushalt, im Beruf und in der Politik. Für politisch engagierte Proletarierinnen gilt, dass sie eine weitere dreifache Belastung tragen: Sie kämpfen für die Forderungen der Arbeiterbewegung. Sie kämpfen für die Forderungen der Frauen in der Arbeiterbewegung und sie nehmen als Frauen an den männergeprägten, innerparteilichen Auseinandersetzungen teil.

Auch wenn sich die KPD der Sorgen und Nöte von Proletarierinnen besonders annimmt, der Primat ihrer Politik hängt ab von der Allwissenheit der Zentrale, und dieses folgt im Laufe der zwanziger Jahre immer mehr den Richtlinien der Komintern. Die KPD besitzt zunächst viele eigenständig denkende Mitglieder; die innerparteiliche Demokratie funktioniert und macht die Partei attraktiv. Aber profilierte Mitglieder und Individuen sind nur schwer zu disziplinieren, sie stellen Fragen an die Linie der Partei. Und der Apparat reagiert. 1925 fügt er das Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ in die Statuten ein. Zentralismus und bürokratische Disziplin setzen sich durch. Wer nicht spurt, wird gemaßregelt.

Um Heinrich Brandler und August Thalheimer bildet sich eine Opposition. Wer nicht spurt, fliegt um den Jahreswechsel 1928/1929 raus. Eigenständig denkende Marxisten mit langjähriger Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung organisieren die neue KPDO (KPD-Opposition). Linientreue KPD-Genossen stehen schon bereit, deren Positionen in der Partei zu übernehmen.

Wer aber ist nun linientreu? Das Zentralkomitee schwankt in seinen Vorgaben für eine revolutionäre Politik zwischen Aktionseinheit mit den anderen Arbeiterorganisationen und der ausschließlichen Option auf einen Aufstand und tendiert jetzt zu Abgrenzungen. In Wirtschaftskämpfen operieren separate kommunistische Streikleitungen. Die überwiegende Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter aber lässt sich weiter von den ADGB-Gewerkschaften vertreten. Die KPD isoliert sich.

Wer die abrupten Kursänderungen der Partei nicht mitmacht und unangenehme Fragen stellt, wird als „Luxemburgist“, „Brandlerianer“ oder „Trotzkist“ beschimpft. Nur wer die Schwankungen bedingungslos mitvollzieht, ist linientreu. Die KPD wird zur Partei mit der höchsten Mitgliederfluktuation.

Rosa Aschenbrenner hat Schwierigkeiten, den neuen Kurs der Partei nachzuvollziehen. Sie meint nicht, dass der bürgerliche Staat schon faschistisch ist, wie es jetzt das Zentralkomitee formuliert, und sie bezweifelt, dass die KPD die SPD zum Hauptgegner erklären und die ADGB-Gewerkschaften spalten und eigene, revolutionäre Gewerkschaften aufbauen müsse. Sie hält mit ihrer Meinung in den Parteigremien nicht hinter den Berg.

Am 11. Januar 1929 schreibt ein Polizeiinformant mit, was in der Mitgliederversammlung der KPD-Haidhausen, die sich in der Lothringerbierhalle trifft, diskutiert wird: „… Was war Aschenbrenner und was ist sie heute? Ich wäre für Ausschluss und Niederlegung des Mandats. Der Hinauswurf der Rechten ist ein Fehler. Wir haben im Z.K. keine ehrlichen Genossen. Das Benehmen dieser Genossen während der Wahl war bürgerlich …“53) Die Zentrale heizt die Stimmung an.

Am 29. Januar 1929 legt ein Polizeiinformant seinem Bericht ein Papier bei: „Bezirksleitung Südbayern. München, den 24. Januar 1929. Rundschreiben Nr. 2 an alle Ortsgruppen und Zellen! … Es ist selbstverständlich, dass die Gen. A. als Mitglied der B.L. … die Disziplin der Partei durchbrach und durch dieses Verhalten einen Weg beschritt, der geeignet ist, das Vertrauen zur Führung der Partei zu untergraben. Die BL. beschloss daher bei einer Stimmenthaltung: die Ausübung der Funktionen der Gen. Aschenbrenner als Referent und Mitglied der BL. nicht für die Dauer von 3 Monaten [sic!]. Der Brief der Gen. A. wird als Material dem Z.K. zur Prüfung und Beurteilung überwiesen …“54) Immer wieder sucht Rosa das Gespräch mit leitenden Funktionären, hält sich aber an die Parteidisziplin und schweigt in der …Öffentlichkeit.

Der 11. Parteitag der KPD-Südbayern findet am 30./31. März 1929 im Högerbräu statt. Wieder ist ein Spitzel anwesend: „… Aschenbrenner Rosa gab folgende Erklärung ab: Heute sitzen die nämlichen Genossen in der Bezirksleitung, die mich seinerzeit aus der Bezirksleitung ausgeschlossen haben. Auf Anregung B.s wollte ich mit diesen Anträge über die Gehaltsfrage formulieren und besprechen. [KPD-Reichstagsabgeordneter] Buchmann hat damals meinen Brief von Traunstein mitgenommen, so dass ich ihn der B.L. nicht übergeben konnte. Man hat schon drei Wochen vorher in Augsburg von der Niederlegung meines Landtagsmandats gesprochen. Die Mehrheit mit Ausnahme von 6 Genossen der Bezirksleitung war für meine Funktionsenthebung. Unter diesen Umständen soll ich um Wiederverleihung meiner Funktionen bei der B.L. nachsuchen? Auf die Kampfmethoden gegen mich will ich nicht eingehen. Buchmann: Wir werden die Verhältnisse ernsthaft prüfen … Aschenbrenner: … Der Parteitag zeigt ein Bild der inneren Zerrüttung der Partei … Thunig [seit Januar 1928 Angestellter im Bezirksbüro der KPD, d.V.] nennt die Ausführungen Aschenbrenners ein Musterbeispiel für das Nichtverständnis der neuen Linie. Es sei dies nur Miesmacherei …“55)

Die Münchener Post berichtet, dass Rosa auf ein halbes Jahr mit Funktionsverbot belegt worden sei, dass sie auf die Anwürfe gerade mal eine viertel Stunde lang habe antworten dürfen, aber noch vor Ablauf der Zeit niedergebrüllt wurde.56) Immer noch verhält sie sich loyal. Am 17. April spricht sie im Kolosseum in einer Erwerbslosenversammlung über Krisenfürsorge und die verhängnisvolle Politik der SPD im Reichstag. In der Diskussion protestiert sie gegen ein geplantes Verbot der KPD.57)

Zum 1. Mai 1929 verbietet der Berliner Polizeipräsident, ein Sozialdemokrat, die traditionelle Demonstration, eine provozierende Einschränkung des Demonstrationsrechts, für das die Arbeiter in den vergangenen Jahrzehnten erbittert gekämpft haben. Die KPD, deren Führung jetzt die SPD als die Hauptstütze des Kapitals definiert und sich am Vorabend der Revolution wähnt, ruft dazu auf, das Verbot zu durchbrechen. Die Polizei eröffnet das Feuer; auf der Straße bleiben 27 Tote und 75 Schwerverletzte liegen. Weitere 200 werden verwundet, 2.000 verhaftet.

Die Politik der Partei muss nach Rosas Meinung in eine Katastrophe führen. Sie schreibt an die Bezirksleitung: „Werte Genossen! Durch Schreiben der Orgabteilung habt Ihr mich dahingehend verständigt, dass ich in einer Frauenversammlung über die politische Lage und die Berliner Maivorgänge sprechen soll, mit dem speziellen Auftrag, mich an die Thesen der Partei zu halten. Ich habe dem Genossen Götz gegenüber bereits erklärt, dass ich gegen meine politische Anschauung nicht sprechen werde. Ich sehe diese Aufforderung als Herausforderung an und erkenne hieraus, dass Ihr es zum Bruch bringen wollt, um das längst ersehnte Mandat in linientreue Hände zu bekommen. Dafür wollt Ihr Euch bei der Mitgliedschaft mit meiner Weigerung, die, wie Ihr schreibt, ein ‘ungewöhnlicher Vorgang’ ist, nur eine bessere Rechtfertigung verschaffen. Der Disziplinbruch, den Ihr daraus nun konstruiert, kann natürlich nur nach den Euch gegebenen Anweisungen mit meinem Ausschluss geahndet werden. Dem komme ich damit zuvor, dass ich hiermit meinen Austritt aus der Partei erkläre, deren derzeitige Führung für mich weder politisches noch moralisches Vertrauen besitzt. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, erkläre ich weiter, dass ich 1921 der Partei ein Mandat zugebracht habe, durch meinen Übertritt von der USPD. zur KPD. Ferner habe ich schon einmal auf Verlangen der Partei mein Mandat abgegeben und würde es bedenkenlos wieder tun, wenn mir dies im Interesse der Arbeiterbewegung nutzbringend erscheinen würde. Dies ist aber unter der derzeitigen Parteiführung mit ihrem verderblichen Kurs und ihrer putschistischen Einstellung nicht der Fall. Mit kommunistischem Gruß“58)

Die Münchner Parteizeitung geifert: „Was faul ist, muss untergehen! Rosa Aschenbrenner – ein politischer Leichnam … Rasend schnell trieb sie in jene Schicht vom Kapital korrumpierter Arbeiteraristokraten, die es schon als Schimpf betrachten, wenn man sie als Proletarier anspricht … In ihrer jahrelangen Tätigkeit im bürgerlichen Parlament, ohne die notwendige Verbindung mit der Arbeiterschaft, wurde sie bis in die letzten Fingerspitzen korrumpiert … Das niedrigste und verwerflichste Renegatentum ist das, dass [sic!] sich lediglich um der Sorge für den Magen enthoben zu sein, korrumpieren lässt, das lediglich nur der Stillung kleinbürgerlicher Wünsche und Sehnsuchtswillen die revolutionäre Front verlässt, um sich dann in der ekelhaftesten Weise dem Reformismus in die Arme zu werfen …“59)

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Vorwärts 246 vom 29.5.1929.

Die Geschäftsordnung des Landtags ermöglicht ab fünf Abgeordneten den Fraktionsstatus. Wenn Rosa geht, bleiben nur noch vier Abgeordnete der KPD. Sie wird in Artikeln der KPD-Presse mit Kübeln voll Schmutz überschüttet und schlägt trotzdem als Kompromiss ihren kommunistischen Landtagskollegen vor, eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden, um den Fraktionsstatus der Partei zu wahren, an den Ausschußsitze und weitere Rechte gebunden sind. Ihre Kollegen sind in der Mehrzahl damit einverstanden, aber der Apparat setzt sich durch. Wenn sich Beharrlichkeit, Kampfeslust, Intelligenz, Humor und Mitgefühl in einer Politikerin paaren, dann muss das Parteipatriarchat besonders hart zurückschlagen.

Rosa spricht im Plenum des Landtags am 11. Juni 1929 von Drohungen: „…Wie ist es beispielsweise aufzufassen, dass zu der Sache geschrieben wird: ‘Den Feigen, Halben, Schwankenden gehört im Ernstfall genauso die Kugel wie den offenen Verrätern. Sie sind noch gefährlicher wie die offenen Feinde’? Ich bin also auch in die Liste der Verräter eingereiht und die Schlußfolgerungen überlasse ich dem Hause …“60) Ihr Mann Hans, der zu ihr steht, wird noch im selben Monat aus der Partei ausgeschlossen. Sie selbst bleibt fraktionslose Abgeordnete.

Immer mehr Funktionäre und Mitglieder der KPD beschleichen Zweifel an der Politik der Partei. Am 28. Februar 1930 findet im Occamhof die Mitgliederversammlung der Straßenzelle Schwabing der KPD-Ortsgruppe statt. Ein Spitzel sitzt unter den Parteimitgliedern und berichtet: „S. las dann aus der Neuen Zeitung die Beschlüsse des Bezirks Nordbayern vor bezüglich des Ausschlusses von Grönsfelder und Genossen. Er verurteilte scharf das Vorgehen dieser ‘Renegaten’, die die Partei im Augenblick einer revolutionären Bewegung verlassen. Er teilte mit, dass auch Büchs folgen werde. Derselbe habe nach Mitteilung eines Genossen mit Rosa Aschenbrenner vor einigen Tagen eine Fraktionsbesprechung in einem Café gehabt …“61)

„… Nunmehr schritten Grönsfelder und Büchs in einer öffentl. Versammlung [in Nürnberg, d.V.] am 8.3.30 zur offiziellen Gründung einer oppositionellen Ortsgruppe, wozu auch die südbayerischen Oppositionsführer Rosa Aschenbrenner-München, M.d.L. und Ernst Dilger, Augsburg … erschienen waren. Die von etwa 120 Personen … besuchte Versammlung verlief äußerst stürmisch …“62) Die informellen Treffen und öffentlichen Versammlungen der Nordbayern Grönsfelder, Landtagsabgeordneter bis 1928, und Büchs, Landtagsabgeordneter bis 1932, mit Dilger und Aschenbrenner bleiben aber Teilerfolge. In Nürnberg und Nordbayern sammeln sich nur jeweils 65 bis 70 Anhänger der KPDO, in Südbayern findet die KPDO keine Basis. Büchs schließt sich Ende Juni der SPD-Fraktion an.63)

Gesinnung (marxistische) nicht geändert

Am 1. Mai 1930 fasst Rosa Aschenbrenner nun doch den Entschluss, wieder der SPD beizutreten; sie schließt sich auch der Landtagsfraktion an. Sie weiß, dass sie mit zwei einflussreichen Genossen in der Fraktion rechnen muss, mit dem SPD-Vorsitzenden und Landtagsvizepräsidenten Erhard Auer, dem es in der Vergangenheit nur mit Mühe und mit Hilfe der Geschäftsordnung gelang, sie zu disziplinieren, und mit dem jungen Staatsanwalt Dr. Wilhelm Hoegner, der zwar immer sehr offensiv gegen die Nazis auftritt, aber im Unterschied zu ihr sehr gefühlsbetont argumentiert. Verkehrte Welt, verkehrte Rollen, wenn nun doch der emotional-impulsive Auftritt dem Mann gebührt, der rational-argumentative aber der Frau!

Die Quellen geben keine Auskunft, inwieweit Eifersucht und Konkurrenzdenken von Männern die Umgangsformen in der Partei prägen. Eins aber ist klar: Politik ist Männersache, auch in der SPD. Hier können sich die Frauen traditionell der Wohlfahrtspflege widmen, eine Fortsetzung der Diskriminierung mit anderen Mitteln. Rosa, die mit ihren großen Reden das ganze Haus beeindruckt hat, scheint eine Bedrohung für die Patriarchen in der SPD zu sein. Jetzt darf sie lediglich als Berichterstatterin des Eingabeausschusses fungieren, Reden hält sie im Plenum nicht mehr: Man(n) hat sie neutralisiert.

Die Arbeit konsequenter Antifaschistinnen stören oder verhindern autoritäre Führer des eigenen politischen Lagers. Damit tragen patriarchalische Herrschaftsverhältnisse außerhalb der völkischen Kreise zum Aufkommen des Nazismus bei. Nach den Landtagswahlen 1928 bot die bayerische SPD der BVP erfolglos eine „Weimarer Koalition“ an. 1932 plant die Führung der bayerischen SPD wieder, nach den Landtagswahlen mit der BVP eine Koalition einzugehen. Für die Wahlen vom 24. April 1932 stellt die Partei Rosa nicht mehr als Kandidatin auf. Ihre einzigen unbedeutenden Funktionen liegen noch in der Pressekommission und im Jugendausschuss der Münchner SPD.

Die „neue Frau“ der Revolutionszeit und der zwanziger Jahre hatte mit ihren kurzen Haaren und ihrem forschen, kompetenten Auftreten die Herrenriege verwirrt und in die Defensive gedrängt, mit dem Beginn der dreißiger Jahre dreht sich der Wind. Die zunehmende Arbeitslosigkeit erhöht den Konkurrenzdruck; schuld an der Misere sind nicht die Produktionsverhältnisse, sondern – auch – die Frauen, die sich in Männerdomänen vorgewagt haben. Bis weit in die „Linke“ hinein arbeiten jetzt Männer wie Frauen daran, den Typus der unabhängigen Frau ähnlich wie die Nazis als unweiblich zu denunzieren. Die „neue Frau“ wird einsam.

Rosa engagiert sich, soweit die Partei es überhaupt zulässt, in der Agitation und bei Demonstrationen gegen den aufkommenden Nazismus. Wenn junge, kräftige Kameraden des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold die Versammlung schützen, in der sie als Rednerin auftritt, zum Beispiel am 4. Februar 1931 in Töging oder am 29. Juni 1931 in Großhadern, kann sie einigermaßen unbehelligt reden. Fehlen aber die Schutzformationen der republikanischen Abwehrorganisation, wird sie nicht nur von Nazis, sondern auch von aufgehetzten KPD-Mitgliedern beschimpft.

Sie weiß sich zu wehren: „In einer von 350 Leuten besuchten Erwerbslosenversammlung in Untermenzing kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, besonders als die ehemalige Kommunistin Rosa Aschenbrenner sich an der Debatte beteiligte. Mehrere der zugedachten Schimpfworte erwiderte Aschenbrenner mit einer Ohrfeige. Das Dazwischentreten der Gendarmerie verhinderte Weiterungen.“64)

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Die „Eiserne Front“, der antifaschistische Zusammenschluss des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ und der Freien Gewerkschaften, demonstrieren am 3. Juli 1932 unter der Gebsattelbrücke. Rosa Aschenbrenner im dunklen Mantel geht in der Mitte der zweiten Reihe mit erhobener Faust. Bildersammlung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung.

Hans und Rosa Aschenbrenner haben inzwischen auf einem neu erworbenen Grundstück in der Pöhlmannstraße 16 ein zweites Häuschen gebaut. Es ist am 1. April 1933 bezugsfertig. Die Aschenbrenners hoffen, mit der Miete ein Zubrot zu verdienen.

Anfang 1933 erklären sich die Spitzen der BVP bereit, in ein Koalitionskabinett unter Hitler einzutreten, in Bayern ist die BVP im ersten Nazi-Kabinett bis zum Juni 1933 vertreten. Während eine große Mehrheit der Deutschen die eigene Selbstentmündigung frenetisch begrüßt und sich, wie es technisch heißt, „gleichschalten“ lässt, stehen am 17. März um 8.30 Uhr in der Früh ein Polizeihauptwachtmeister der Polizeidirektion und ein Gendarmeriehauptwachtmeister vor Rosa Aschenbrenners Haustür in der Pöhlmannstraße 5. Sie durchsuchen ihre Wohnung und verhaften sie. Mit der Begründung, sie sei „Führer der KPD und Organisatorin der Roten Hilfe“, wird sie als eine der ersten auf Anweisung des Staatskommissars für das Staatsministerium des Innern Adolf Wagner, der mit demselben Haftbefehl unter anderen auch Erwin Folger, Waldemar von Knöringen und Sepp Schober verfolgen lässt, in „Schutzhaft“ genommen.

Sie schreibt: „Neudeck, 19.3.33. An die Polizeidirektion München (Ref. Schutzhaft) Betr. Aufhebung der Schutzhaft. Auf Anordnung des Staatskommissariats wurde ich am 18.3.33 in Schutzhaft genommen. Ich ersuche diese Maßnahme aufzuheben und führe folgende Gründe an. Montag, den 20.3.33 bin ich beim Arbeitsgericht München Elisabethstr. 5 als Arbeitsrichter geladen. Unentschuldigtes Fernbleiben wird mit Ordnungsstrafe geahndet. Am 1. April soll eine Wohnung, die uns nun schon fünf Monate leer steht, bezogen werden. Infolge der noch nicht erledigten Umbauarbeiten konnten die Reinigungsarbeiten, die von mir übernommen waren, nicht ausgeführt werden. Es besteht die Gefahr, dass die neu einziehende Familie Schwierigkeiten bekommt oder solche macht. Ich ersuche daher, meine Inhaftnahme wenigstens vorläufig aufzuheben. Ich habe bisher keinen Versuch unternommen, mich einer Inhaftnahme durch etwaige Flucht zu entziehen und werde es auch in Zukunft nicht tun, da ich keinen Grund hiefür einsehe. Meine politische Tätigkeit erstreckt sich doch ausschließlich auf die Zeit, wo dies nicht verboten war. Außerdem bin ich bereit, mich jederzeit einer polizeilichen Kontrolle zu unterstellen. Erhebungen über die genannten Gründe können beim Arbeitsgericht und der Gendarmeriestation Allach gemacht werden. Mit dem nochmaligen Ersuchen um Aufhebung der Schutzhaftmaßnahme zeichnet Rosa Aschenbrenner. Schutzhaftgefangene (Neudeck).“65)

Am 6. April reicht sie ein neues Gesuch ein: „… Es ist mir unverständlich, wieso meine weitere Inhaftierung eine Staatsnotwendigkeit sein würde …“66)

Die Polizeidirektion erkundigt sich am 10. April beim Bezirksamt München und dieses bei der Gendarmeriestation Allach. Am 11. April bekommt die Polizeidirektion Bescheid: „… 6. Wird die Aufhebung des Schutzhaftbefehls befürwortet oder nicht befürwortet? (Gründe): Nein, es ist nicht zu erwarten, dass sie ihre der nationalen Bewegung feindselige Gesinnung ändert und ihre Tätigkeit im Interesse des Marxismus einstellen wird. Als geistige Führerin kann sie nicht aus der Haft entlassen werden …“67)

Am 2. Mai schreibt Rosa Aschenbrenner zermürbt: „… Ich ersuche, mich doch wissen zu lassen, ob etwa neuerliche Bedenken gegen meine Entlassung vorliegen. Ich kann mir nicht denken, dass politische Gründe für die weitere Aufrechterhaltung der über mich verhängten Schutzhaft notwendig wären, da doch mein Mann in meinem Namen und Auftrag die Erklärung abgegeben hat, dass ich mich nicht weiter politisch betätigen werde …“68) Und am 12. Mai meint sie in einem neuen Gesuch: „… Meine Haft dauert nun schon über 8 Wochen u. nicht die Sorge um mich, sondern die als Frau und Mutter drängt mich, jede Möglichkeit zur Beendigung derselben zu ergreifen …“69)

Für das, was sie im Gerichtsgefängnis Neudeck erlebt, findet sie bis zu ihrem Lebensende keine Worte. Nach der Entlassung Anfang Juni 1933 unterliegt sie fast 2 Jahre lang einer zweitäglichen Meldepflicht bei der Polizei und wird danach weiter „beaufsichtigt“.

Einige ehemalige Weggefährten machen bei den neuen Herren Karriere. Erstaunlich, wie Vertreter des Patriarchats aller parteipolitischen Richtungen, also auch der linken, sich, wenn sie vor die Wahl zwischen antipatriarchalen Frauen und den Nazismus gestellt werden, für Letzteren entscheiden!

1937 wird sie „hingehängt“. Ein „Verstoß gegen das Heimtückegesetz“ bringt ihr erneut sechs Wochen Gefängnis ein. Sie hat darüber gesprochen, dass deutsche Truppen an der Seite der francistischen Putschisten gegen die spanische Republik kämpfen. Ende der dreißiger Jahre vermerkt die überwachende Gestapo in einer Liste gefährlicher Sozialdemokraten: „Gesinnung (marxistische) nicht geändert.“70) Sie lebt nun sehr zurückgezogen, lässt sich aber den Mund nicht verbieten und schlägt sich als Wasch- und Putzfrau durch.

Einwände politischer Art

Am 13. Oktober 1945 wird die CSU, die Nachfolgerin der BVP, gegründet. Das Firmenschild wechselt, das Personal bleibt erhalten. Am 17. November 1945 erteilt die Militärregierung in einem feierlichen Akt im Münchner Rathaus die Genehmigung zur Wiederzulassung der SPD. Rosa Aschenbrenner ist dabei. Am 30. Juni 1946 wird sie in die Verfassunggebende Landesversammlung gewählt, Anfang 1947 bis Anfang 1948 sitzt sie im Vorstand des Münchner SPD-Ortsvereins.

Neue Wahlmodalitäten sollen verhindern, dass wie vor 1933 ausschließlich Parteigremien Kandidaten aufstellen. 1948 stehen für die Gemeindewahlen auch eine Reihe von Frauen zur Wahl; diese können nach dem neuen Wahlrecht innerhalb der Liste nach vorne gehäufelt werden. In München rücken neben drei Männern, die eine spezielle Klientel vertreten, nur die Frauen vor, und trotzdem erringen sie keine einflussreichen Positionen.71) Rosa ist seit 1948 als Münchner Stadträtin besonders sozialpolitisch sehr aktiv und arbeitet in sieben Ausschüssen mit. Ihre Kollegen sind fast alle dieselben wie vor 1933. Das personalpolitische Stützpfeilersystem verteilt Posten und Pöstchen: die Politprofis sitzen wieder fest in ihren einflussreichen Sesseln, und auch ihr Politikverständnis hat sich nicht geändert.

Rosa Aschenbrenner ist mit einer Genossin befreundet, die 1950 in den Bayerischen Landtag gewählt wird. Die junge Studienrätin Rosa Hillebrand macht schon erste unangenehme Erfahrungen bei der Kandidatenaufstellung. Da heißt es: „Die kennt doch niemand!“, und dann wird das Gerücht gestreut, „sie habe eine braune Vergangenheit“.72) Trotzdem schafft sie mit Bravour den Sprung in den Landtag und gilt bald als neue, große Hoffnungsträgerin der SPD.

Der hysterische Antikommunismus der Adenauerzeit, der nicht ohne den massiven Einfluss der Besatzungsmächte erklärt werden kann, bestimmt das Klima der fünfziger Jahre. Auch die Parteiführer der SPD unterwerfen sich willenlos dem US-amerikanischen Diktat. Immer wieder werden Sozialdemokraten, die gegen die Rückkehr ehemaliger Nazigrößen auf einflussreiche Posten protestieren, allzu entschieden gegen den Regierungskurs der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik auftreten und denen man deshalb kommunistische Neigungen unterstellt, aus der Partei ausgeschlossen.

Die junge Landtagsabgeordnete, eine überzeugte Sozialdemokratin, die nicht im Traum an einen Übertritt zur KPD denkt, fühlt sich in ihrem Engagement gegen den Kurs der Restauration ausschließlich ihrem eigenen Gewissen verantwortlich und tritt öffentlich als Rednerin auf. Im Frühjahr 1952 erteilt ihr die Partei Redeverbot für Südbayern, aber Rosa Hillebrand lässt sich nicht einschüchtern. Immer größer wird der Druck. Mit Gerüchten, Halbwahrheiten und Geschäftsordnungstricks wird sie schließlich isoliert und im Herbst 1952 aus der Partei “gesäubert”.

Ehemalige Genossen kennen sie jetzt nicht mehr. Aber eine Freundschaft bleibt bestehen, die zur Stadträtin Aschenbrenner. Und die macht sich schon wieder verdächtig, wenn sie im April 1955 wünscht, „dass die Staatsleute endlich begreifen möchten, dass man die Welt nicht durch kriegerische Auseinandersetzungen erlösen kann, sondern einzig durch friedliche Verhandlungen, bei denen auch der Gegner angehört wird.“73) Man wittert „kommunistische Umtriebe“, doch Rosa kann auf die unbedingte Unterstützung der SPD-Mitglieder ihres Stimmkreises zählen.

Am schlimmsten ist die Erfahrung, von Genossen hinter vorgehaltener Hand zu hören: „Du hast ja eigentlich recht, ich bin ganz Deiner Meinung, aber Du weißt ja selber, welche Probleme ich habe!“ Was gibt es da nicht für Begründungen, sich dem herrschenden Druck anzupassen. Man ist auf die Diäten angewiesen, um seine Familie ernähren zu können, da ist das Häuschen nicht abbezahlt, die Karriere bekommt einen Knick, der „Zeitgeist“ weht „uns allen“ gerade ins Gesicht, da seien mit der Wahrheit keine Wahlen zu gewinnen, und man könne ja hintenrum in einem persönlichen Gespräch viel mehr erreichen als offen und direkt … Mitglieder einer Partei, die in ihrer Vergangenheit auf beispielhafte Zivilcourage stolz sein konnte, werden stumm, verkriechen sich, reden sich heraus und beteuern, die Faust in der Tasche geballt zu haben. Rosa schämt sich für diese „Genossen“, die lieber in Gremien herumwirbeln, Tausende Termine absolvieren und Musterreden halten, die aus gestanzten Textbausteinen zusammengesetzt sind, als einmal in Ruhe darüber nachzudenken, welche verheerende Rolle sie spielen.

Einer ihrer Stadtratskollegen, Rudolf Bössl, hatte sich schon vor 1933 mit dem Münchner SPD-Establishment angelegt und diesem Pöstchenhäufung mit bester finanzieller Ausstattung vorgeworfen. Nach 1945 gehört er zu den wenigen Stadträten, die sich engagiert für eine Entnazifizierung in Stadt, Staat und Gesellschaft einsetzen. Nun wendet sie sich – von SPD-Mitgliedern ihres Stimmkreises bestärkt – an ihn, um einige Auskünfte einzuholen. Sie will wissen, wie viel Stadtdirektoren mit welchen Aufgaben bei der Stadt tätig sind, wie viel Juristen die Stadt beschäftigt und wie hoch die Bezüge der Spitzenkräfte in Staat und Stadt sind.

Bössl schreibt ihr am 18. November 1955: „… Somit beziehen insgesamt 17 Dienstkräfte der Stadtverwaltung … die Besoldung eines Stadtdirektors, die sich zusammensetzt wie folgt: … Endgehalt 21 784 … Die Stadt München beschäftigt derzeit im Beamten- und Angestelltenverhältnis  47 Juristen, darunter befinden sich 5 Stadtdirektoren … 1. Bürgermeister … 39 000, … 2. Bürgermeister … 33 800, Berufsm. Stadtrat … 28 984 …“74)

Einige Tage lang scheint er mit sich gerungen zu haben. Einerseits hat er keine Staatsgeheimnisse weitergegeben, andererseits hat er selbst erfahren, wie empfindlich die Führung der Partei auf vermeintliche oder wirkliche Angriffe reagiert. Es ist besser, nicht in den Strudel der Ereignisse mit hineingerissen zu werden! Bössl sichert sich ab und schreibt am 24. November an den Parteivorstand, an die Stimmkreisführer und an alle SPD-Stadtratskollegen gleichlautend: „An unsere Genossin Rosa Aschenbrenner wurden in einer Versammlung (Sektion Obermenzing) mehrere Fragen gestellt, um deren Beantwortung ich gebeten wurde. Nachdem diese Fragen u.U. auch an andere Mitglieder unserer Fraktion gerichtet werden können, erlaube ich mir, einen Abdruck des Schreibens zu übermitteln, das ich unterm 18.11. 1955 der Genossin Aschenbrenner übersandt habe. Mit Parteigruß!“75)

Die harsche Antwort kommt postwendend, und Bössl reagiert sehr ausführlich am 7. Dezember: „… Es sind mir nun Vorwürfe darüber gemacht worden, dass ich eine solche Aufstellung überhaupt in andere Hände gab, insbesondere aber auch darüber, dass ich die Bezüge des Oberbürgermeisters insoferne nicht richtig angegeben habe, als ich den Verzicht des jetzigen Oberbürgermeisters auf 10 % der Teuerungszulagen und die immense Besteuerungsquote verschwiegen hätte … Dieses Schreiben geht dem gleichen Personenkreis zu, an den ich die Durchschläge meines Schreibens vom 18.11.1955 gesandt habe; damit glaube ich einer gewünschten Erläuterung in loyaler Weise Rechnung getragen zu haben …“76)

Jetzt häufen sich die Angriffe gegen Rosa Aschenbrenner. Sie bekomme Post aus der „Ostzone“, und man wirft ihr vor, ihre freundschaftlichen Beziehungen zu Rosa Hillebrand nicht beendet zu haben. Die SPD-Unterbezirkskonferenz lehnt Anfang 1956 mit Mehrheit ihre neuerliche Kandidatur ab.

„Ob sie nun wirklich so gefährliche Kontakte nach drüben hatte, wer weiß. Viel eher scheint die ‘rote Rosa’, die sich aus einfachsten Verhältnissen emporgearbeitet hat, nun nicht mehr zeitgemäß zu sein. Sie gilt als absolut integer und nicht korrumpierbar, ist aber auch eigenwillig und eindeutig in ihren Ansichten. So macht sich bei ihr noch immer ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein bemerkbar. Und das ist wohl wenig gefragt im Wirtschaftswunderland der 50er Jahre. Flexibel und anpassungsfähig muss man nun sein, um politisch überleben zu können.“77)

Rosa hält mit Tränen in den Augen ihre Abschiedsrede vor dem Stadtrat. Als einziger von ihren Parteigenossen zeigt Franz Behringer Courage und bleibt auf seinem Platz sitzen; alle anderen sozialdemokratischen Stadträte verlassen demonstrativ den Sitzungssaal. Die Stadträte der bürgerlichen Parteien und der KPD hören ihr zu: „Nicht die Mitglieder der Partei, sondern die Parteibürokratie hält mich eines solchen Ehrenamts nicht mehr für würdig.“78) Und weiter: „… Man fürchtet nun vielleicht, dass ich Opposition treiben könnte, falls ich wieder gewählt würde, und Opposition wird in dieser Partei nicht geduldet … eigenes Denken ist strengstens verboten! Wer nicht folgt, ist selbst schuld, das beweist mein Fall …“79)

Der SPD-Unterbezirk stellt sachlich richtig: „…Der Vorstand des Unterbezirks München hatte gegen eine Kandidatur von Frau Rosa Aschenbrenner Einwände politischer Art erhoben, da Frau Aschenbrenner vor Jahresfrist einer bekannten kommunistischen Tarnzeitung ein Interview gegeben hatte. Dieser Fall wurde ausführlich auf der Unterbezirkskonferenz am 29. Januar 1956 besprochen …“80) Drei ihrer profiliertesten Frauen entfernt die Münchner SPD in den fünfziger Jahren aus ihren Reihen: Rosa Hillebrand, Edith Höreth-Menge und Rosa Aschenbrenner.

Einige kleine Aufgaben im sozialen Bereich lässt man ihr; sie wird Mitglied des Allacher Bezirksausschusses, aber Ausgrenzung und erzwungener Ruhestand machen sie zornig. Und sie sieht, dass sogar hier in diesem eher unbedeutenden Gremium Gschaftlhuberei und Pöstchenschacher die Politik in den Hintergrund drängen. Sie zieht sich enttäuscht immer mehr in das Privatleben zurück, liest viele Bücher, arbeitet im Garten.81)

Am 9. Februar 1967 stirbt Rosa Aschenbrenner. Kurz vor ihrem Tod vernichtet sie alle parteipolitischen Unterlagen, die sie bis dahin aufbewahrt hatte.

Für Männer reserviert das Patriarchat positiv konnotierte Attribute wie „durchsetzungsfähig“, „zielbewusst“ oder „prinzipienfest“, bei Frauen mutieren diese schnell zu „autoritär“, „stur“ oder „unduldsam“. Da liegt es auf der Hand, dass manche, die Rosa kannten, sich der Tyrannei der Rollenklischees unterwerfen und ihre Persönlichkeit in den letzten Jahren mit „ihr fehlte die geistige Toleranz“, sie sei grantig und grob geworden, beschreiben.

Rosa Aschenbrenner war sich ihrer Herkunft immer bewusst. Sie sah die Not der kleinen Bauern, der Arbeiterklasse und der Frauen und sie verstand, wer von diesem Unglück profitiert. Sie organisierte sich und wurde politisch aktiv. Ihre Karriere bedeutete eine große Leistung, und sie musste am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn man mit den Ansprüchen an die eigene Integrität fragwürdige Strukturen verändern will und sich deshalb mit ihnen anlegt. Was Wunder, dass ein Mensch mit seinen Erfahrungen, seiner Nachdenklichkeit und seinem Engagement zornig wird, der in einer Zeit lebt, in der die Ziele der Aufklärung, für die das eigene Leben einsteht, weiter als je zuvor entfernt sind, und in der die Infantilisierung von Erwachsenen zur Herrschaftsstrategie geworden ist!

War Rosas Leben von Niederlagen geprägt? Es sieht so aus. Sie konnte zeitlebens nicht mehr erfahren, wie immer mehr Mitmenschen wissen, dass der Fortbestand der Menschheit globale Abrüstung voraussetzt, und davon überzeugt sind, dass ein Leben ohne Feindbilder erstrebenswert ist, und dass es sich lohnt, sich in die Politik einzumischen. Sie hat unter Entbehrungen den Schutt in den Köpfen ihrer Zeitgenossen wegzuräumen versucht. Was sie wollte, wird vielleicht in naher Zukunft erreicht. Sie hat recht behalten, ihre Gegner waren im Unrecht.

In München gibt es heute eine Aschenbrennerstraße. Sie ist nach Ludwig A. (geboren am 24. Juni 1902, gestorben am 19. Oktober 1958, mit Rosa Aschenbrenner weder verwandt noch verschwägert) benannt, der sich um den Alpenverein besonders verdient gemacht hat.82)

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Rosa Aschenbrenner 1953 Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.

Nachtrag 2017: Seit 2002 ist der Rosa-Aschenbrenner-Bogen in Schwabing-West nach Rosa Aschenbrenner benannt.

Anmerkungen

  1. Am Ende dieses Textes erläutern Kurzbiographien alle erwähnten Personen, soweit Informationen vorliegen.
  2.  Lange gehörte auch Zenzl Mühsam zu den Vergessenen. Ihre Bedeutung wurde aber in letzter Zeit ausführlich gewürdigt. Vgl. Chris Hirte/Uschi Otten (Hg.), Zenzl Mühsam. Eine Auswahl aus ihren Briefen. Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft 9, Lübeck 1995 und Frauen um Erich Mühsam: Zenzl Mühsam und Franziska zu Reventlow. Sechste Erich-Mühsam-Tagung in Malente, 12. – 14. Mai 1995. Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft 11, Lübeck 1996.
  3. Vgl. Elisabeth Schätzl, „Eine Frau steht ihren Mann“. Das bewegte Leben der Rosa Aschenbrenner, in: Landeshauptstadt München (Hg.), Frauenleben in München. Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags. Geschichtswettbewerb 1992, München 1993, 61 – 64.
    Vgl. Karin Sommer, „Hysterische Furien und schnatternde Gänse“. Die weiblichen Abgeordneten im Bayerischen Landtag, Vortrag in der Universität Freiburg am 22. Juni 1995, Manuskript. Vgl. dies., Die „eiserne Rosa“ Aschenbrenner – eine Politikerin der 20er und 50er Jahre, Rundfunksendung BR 2 am 19.11.1995, 13.30 – 14.00 Uhr. Der Verfasser dankt Karin Sommer M.A., die ihm Einblicke in ihre Unterlagen ermöglicht hat.
    Vgl. Eva Maria Volland, 74 Jahre SPD-Frauen im Münchner Rathaus, in: SPD-Stadtratsfraktion (Hg.), 100 Jahre SPD im Münchner Rathaus, München 1994, 121 – 132.
    Der Verfasser dankt den Damen und Herren des Bayerischen Hauptstaatsarchivs (BayHStA), des Staatsarchivs München (STAM), des Münchner Stadtarchivs (StA), des bayerischen Landtagsarchivs (LtA) und des Bundesarchivs in Berlin, außerdem Frau Brigitte Bruns M.A., Frau Rosa Hillebrand, Herrn Dr. Ludwig Eiber und Herrn Wolfgang Graf für wertvolle Hinweise und freut sich über weiteres Material, das die Biographie Rosa Aschenbrenners ergänzt, denn die hier vorgelegte Studie lässt noch viele Fragen offen.
  4. Lebenslauf vom 10.7.1946. Sammlung Karin Sommer.
  5. Südpost 49 vom 26.4.1955. ZA Personen, StA.
  6. Vgl. Pol.Dir. 1762, STAM.
  7. Münchener Post 32 vom 8.2.1908, 7.
  8. „Es hat bis zu dieser Stunde auf der ganzen Erde noch kein Gericht gegeben, in dem alle Urteile mit einem so tiefen menschlichen Verstehen jeder menschlichen Tat gefällt wurden wie bei diesem Revolutionstribunal, das die bayrische Regierung und die Pressezuhälter als Schreckensgericht bezeichneten.“
    Ret Marut, Im freiesten Staate der Welt, in: Hansjörg Viesel (Hg.), Literaten an der Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller, Frankfurt am Main 1980, 500.
  9. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  10. Die Münchener Gewerkschaftsbewegung in den Jahren 1920 und 1921, München 1922, 7, 10.
  11. Vgl. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  12. Reichsweit vereinigen sich 78.000 KPD-Mitglieder mit 300.000 USPD-Mitgliedern.
  13. Verhandlungen des Bayerischen Landtags [ab hier: VerhBayL]. I. Tagung 1920/21. Stenographische Berichte [ab hier: StenBer] Nr. 32 bis 59, II. Band, 719, LtA.
    Rosa Aschenbrenners Landtagsreden werfen ein scharf konturiertes Licht auf die Zustände im Bayern der zwanziger Jahre und haben bis heute ihre Aktualität nicht verloren. Sollte es tatsächlich eine mutige Verlegerin oder einen Verleger geben, die/der es sich zutraut, die Reden Rosa Aschenbrenners ungekürzt und mit erklärenden Kommentaren zu veröffentlichen?
  14. A.a.O., 865f.
  15. W. I. Lenin, Werke Bd. 32. Dezember 1920 – August 1921, Berlin 1972, 538, 545f., 548.
  16. Die Partei nennt sich seit August 1921 wieder KPD.
  17. Vgl. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  18. Auszug aus II H Bericht vom 22.10.1921. Personenakten “Karl Grönsfelder”, Pol.Dir. 13022, STAM.
  19. „… Heute kann ich ja den intimeren Grund bekennen, ich konnte damals den Genossen vor Strafverfolgung schützen …“
    Lebenslauf vom 10.7.1946. Sammlung Karin Sommer.
  20.  R.Ko.In. 106 vom 22.8.1924, 3. Bayer. Gesandtschaft Berlin 1180, BayHStA.
  21. No 1291, Halbmonatsbericht des Regierungs-Präsidiums von Oberbayern [ab hier: HaMoB] (1. mit 15. September 1924). MA 102 136, BayHStA.
  22. VIa 889/27. Pol.Dir. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  23. Vgl. Bericht des Schriftführers Mager an die Berliner Zentrale vom 4.6.1924. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR [ab hier: SAPMO]I 2/703/142, Bundesarchiv Berlin.
  24. VerhBayL. I. Tagung 1924. StenBer Nr. 1 bis 34, I. Band, 301, LtA.
  25. No 569. HaMoB (16. mit 31. März 1925). MA 102 136, BayHStA.
  26.  „… Eine ‘Ordnungsaktion’ ist im Gange, wie wir sie in ihrer Brutalität bisher nur unter dem Herrn von Kahr beobachten konnten …“
    Der Funke. Organ der Kommunisten Bayerns
    2 vom Januar 1925, 3.
  27. VerhBayL. I. Tagung 1924. StenBer Nr. 1 bis 34, I. Band, 955, LtA.
  28. Vgl. Auszug aus dem F Bericht vom 15.2.1925. Geheim! Personenakten „Xaver Büchs“, Pol.Dir. 11780, STAM.
  29. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  30. Münchner Zeitung 72/73 vom 14./15.3.1925. Personenakten „Karl Grönsfelder“, Pol.Dir. 13022, STAM.
  31. VerhBayL. II. Tagung 1924/1925. StenBer Nr. 61 bis 74, III. Band, 370, LtA.
  32. Vgl. Auszug aus dem II N Bericht vom 2.9.1925. Personenakten „Xaver Büchs“, Pol.Dir. 11780, STAM.
  33. [1]    Auszug aus dem F. Bericht vom 25.11.1925 W. 41. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  34. Karl Stützel an die Regierungspräsidenten, Polizeipräsidenten von Nürnberg und München und die Bezirksamtsvorstände am 13.11. 1925, 6. MInn 71708, BayHStA.
  35. Hoernle an das Präsidium des Deutschen Reichstags am 14.1.1926. MA 100415, BayHStA.
  36. Vgl. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  37. Nr. 416. Gend. Haupt-Station Eggenfelden an Bezirksamt Eggenfelden am 7.3.1926. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  38.  II N Bericht vom 15.5.1926, Nr. 3400/II. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  39. VerhBayL. III. Tagung 1925/1926. StenBer Nr. 106 bis 129, V. Band, 330, LtA.
  40. München-Augsburger Abendzeitung 103 vom 18.4.1926. ZA Personen, StA.
  41. VerhBayL. II. Tagung 1924/1925. StenBer Nr. 35 bis 60, II. Band, 541ff, LtA.
  42. VerhBayL. III. Tagung 1925/1926. StenBer Nr. 106 bis 129, V. Band, 327, LtA.
  43. Auszug aus dem P.N.D. Bericht vom 21.7.1926, Nr. 545. Personenakten „Xaver Büchs“, Pol.Dir. 11780, STAM.
  44. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
    „… Eine solche Praxis erinnert an die Zeit der wütendsten Polizeiausschreitungen unter dem Sozialistengesetz und ist heute wohl nur im ‘Freistaat’ Bayern möglich …“
    Münchener Post
    52 vom 4.3.1927, 7.
  45. VerhBayL. V. Tagung 1927/1928. StenBer Nr. 173 bis 196, VIII. Band, 658, LtA.
  46. VerhBayL. I. Tagung 1928/1929. StenBer Nr. 1 bis 35, I. Band, 712f., LtA.
  47. VerhBayL. II. Tagung 1924/1925. StenBer Nr. 61 bis 74, III. Band, 393, LtA.
  48. VerhBayL. III. Tagung 1925/1926. StenBer Nr. 75 bis 105, IV. Band, 438f, LtA.
  49. VerhBayL. III. Tagung 1925/1926. StenBer Nr. 106 bis 129, V. Band, 329, LtA.
  50. Nr. 568. HaMoB (1. mit 15. März 1928). MA 102 137, BayHStA.
  51. VerhBayL. V. Tagung 1927/1928. StenBer Nr. 173 bis 196, VIII. Band, 664, LtA.
  52. Landtagsamt (Hg.), Amtliches Handbuch des Bayerischen Landtags, München 1929, 29.
  53. P.N.D. Bericht vom 19.1.29, Nr. 643. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  54. P.N.D. Bericht vom 29.1.29, Nr. 644. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  55. Abt. VI/N am 3.4.29. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  56.  Münchener Post 79 vom 5.4.1929, 6.
    In der Neuen Zeitung vom 4.4.1929 klingt es anders: „… Genossin A. München versuchte Aufklärung über eine persönliche Angelegenheit zu geben, die soweit sie falsch war, vom Genossen B. richtig gestellt wurde …“
    SAPMO I 3/28/2, Bundesarchiv Berlin.
  57.  Vgl. P.N.D. Bericht vom 25.4.29, Nr. 655. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  58. Neue Zeitung vom 28.5.1929. ZA Personen, StA.
  59. A.a.O.
  60. VerhBayL. II. Tagung 1928/1929. StenBer Nr. 36 bis 52, II. Band, 160, LtA.
  61. Auszug aus dem P.N.D.-Bericht vom 12.3.1930, Nr. 692, Geheim! Personenakten „Karl Grönsfelder“, Pol.Dir. 13022, STAM.
  62. Auszug aus dem II N-Bericht vom 6.5.1930, Nr. 170/II. Streng vertraulich! KPD.-Nordbayern. Personenakten „Karl Grönsfelder“, Pol. Dir. 13022, STAM.
  63. Nach Bergmann sollen Rosa und Hans Aschenbrenner der KPDO beigetreten sein. In den vom Verf. eingesehenen Akten finden sich dafür keine Belege. Auch Tjaden erwähnt in seiner grundlegenden Arbeit Rosa und Hans Aschenbrenner nicht.
    Vgl. Theodor Bergmann, „Gegen den Strom“. Die Geschichte der Kommunistischen-Partei-Opposition, Hamburg 1987, 353.
    Vgl. Karl H. Tjaden, Struktur und Funktion der KPD-Opposition (KPO). Eine organisationssoziologische Untersuchung zur Rechtsopposition im deutschen Kommunismus zur Zeit der Weimarer Republik, Hannover 1983.
  64. Nr. 2366. HaMoB (1. mit 16. September 1932). MA 102 138, BayHStA.
  65. Personenakten „Rosa Aschenbrenner“, Pol.Dir. 15551, STAM.
  66. A.a.O.
  67. A.a.O.
  68. A.a.O.
  69. A.a.O.
  70. Gestapo 13, STAM
  71. Vgl. SPD-Ortsverein München, „bish. Wahlen 1946 – 1948“, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
  72. Vgl. zu Rosa Hillebrand ausführlich: Elisabeth Fleschhut, „Ich als Frau und Abgeordnete …!“ Untersuchung der politischen Karriere, der parlamentarischen Arbeit und des politischen Selbstverständnisses der weiblichen Abgeordneten im Bayerischen Landtag der Nachkriegszeit (1946 – 1958), München 1997, 128ff.
  73. Südpost 49 vom 26.4.1955. ZA Personen, StA.
  74. SPD-Unterbezirk 1955, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
  75. A.a.O.
  76. A.a.O.
  77. Karin Sommer, Die „eiserne Rosa“ Aschenbrenner, a.a.O., 14.
  78. Würmtalbote 14 vom 2.2.1956. ZA Personen, StA.
  79. Die Abendzeitung 27 vom 1.2.1956. ZA Personen, StA.
  80. Würmtalbote 14 vom 2.2.1956. ZA Personen, StA.
  81. Vgl. das Interview von Karin Sommer mit Traudl Aschenbrenner am 3.10.1995, Abschrift, 6. Sammlung Karin Sommer.
  82. Im Juni 1997 schlugen die SPD-Fraktion und die Fraktion der Grünen/Rosa Liste des Münchner Stadtrats dem Oberbürgermeister vor, eine Straße in Hartmannshofen nach Rosa Aschenbrenner zu benennen. Im Oktober 1997 informiert die Abteilung II im Vermessungsamt des Kommunalreferats der Landeshauptstadt München die Fraktionen, dass Rosa Aschenbrenner in die Vormerkliste neu zu benennender Straßen im Stadtbezirk 21 Pasing-Obermenzing aufgenommen worden ist. Vgl. Schreiben vom 23.6. und 25.10.1997, Sammlung des Verf.

Kurzbiographien

Franz Aenderl (1883 Steinweg, Bezirksamt Stadtamhof – 1951 Kulmbach), bis 1919 Versicherungskaufmann, Weltkriegsteilnehmer, 1917 USPD, 1919 – 20 Parteisekretär, 1920 KPD, bis 1924 Parteisekretär in Regensburg, bayerischer MdL 1920 – 31, Juni 1924 Ausschluss, Übertritt zur SPD, 1933 „Schutzhaft“, 1934 Emigration in die Tschechoslowakei, 1938 Polen, Dänemark, England, März 1946 Rückkehr nach Deutschland, Redakteur der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg, Bayernpartei

Anton Graf von Arco auf Valley (1897 St. Martin in Oberösterreich – 1945 bei Salzburg), Mitglied der katholischen bayerischen Studentenverbindung Rhaetia, Thule-Gesellschaft, Mörder Eisners am 21.2.1919, Todesstrafe, zu lebenslänglicher Haft begnadigt, nach fünf Jahren entlassen, aktiv im Bayerischen Heimat- und Königbund

Erhard Auer (1874 Dommelstadl bei Passau – 1945 Giengen an der Brenz), Neffe von Ignaz Auer, Kaufmann, SPD, bayerischer MdL 1907 – 33, 1908 – 21 Sekretär des Landesvorstands der bayerischen SPD, Weltkriegsteilnehmer, seit Oktober 1918 bayerischer SPD-Landesvorsitzender, bayerischer Innenminister 8.11.1918 – 21.2.1919, MdR Januar 1919 – Juni 1920, seit 1920 Vizepräsident des bayerischen Landtags, Münchner Stadtrat 1919 – 33, Gauvorstand des Reichsbanners, Haft am 13.4.1933 für mehrere Wochen, 1935 Umzug nach Karlsruhe, am 22.8. 1944 für mehrere Wochen in Haft

Franz Auweck (1884 München – 1964 München), Sohn eines Gärtners/Fabrikarbeiters, 1905 Abschluss des Lehrerseminars in Freising, Hilfslehrer in Schröding 1.9.1905 – 31.7.1906, in Gilching 1.8.1906 – 31.8.1907, in München 1.9.1907 – 30.9.1922, ab 1.7.1913 als Lehrer, Weltkriegsteilnehmer, tritt im Mai 1919 der USPD bei, Ende 1920 einer der Münchner Führer der linken USPD, Delegierter beim Parteitag in Halle, seit dem 26.10.1920 in Untersuchungshaft, Einstellung eines Disziplinarverfahrens am 28.10.1920, dennoch Pressehetze in den Münchner Neuesten Nachrichten gegen Auweck, seit November 1920 vom Dienst suspendiert, am 6.12.1920 vom Volksgericht München I von der Anklage der „Aufreizung zum Klassenhass und der Aufforderung zum Hochverrat“ freigesprochen, trotzdem am 29.12.1920 vorläufige Dienstenthebung, neues Amtsstrafverfahren am 19.1.1921 und 20.6.1921, neues Disziplinarverfahren am 12.4.1922, am 1.10.1922 aus dem bayerischen Schuldienst entlassen, KPD, bayerischer MdL 1922 – 24, mit Wirkung vom 1.10.1922 in Weimar in Thüringen Berufsschullehrer, 1930 im Wartestand, am 1.3.1933 aus dem thüringischen Schuldienst entlassen, in München Rektor 15.9.1945 – 1.5.1950, am 17.6.1946 von der Stadt München beauftragt, eine Berufsmittelschule aufzubauen, Leiter der städtischen Berufsschule bis 1952, stiftet sein Privatvermögen für die Errichtung eines Wohnheims für Schüler des Zweiten Bildungswegs

Friedrich Baumgärtner (1897 Dielkirchen, Bezirksamt Rockenhausen – 1957 Ludwigshafen), Arbeiter, Bevollmächtigter des Industrieverbands Ludwigshafen, KPD, bayerischer MdL 1924 – 29, 1933 – April 1934 KZ Dachau, MdL (Rheinland-Pfalz) 1946 – 51, Parteiaustritt 1951

Rudolf Bössl (1899 München – 1971 München), Weltkriegsteilnehmer, 1921 Kanzlei-Assistent in der Münchner Stadtverwaltung, seit 1925 SPD, Sektionsführer Neuhausen, ab 1929/30 Reichsbanner und Eiserne Front, bis 1932 Verwaltungsinspektor, ab März 1933 für zwei Vollversammlungen Münchner Stadtrat, Dienstentlassung, 22. Mai 1933 – Februar 1934 KZ Dachau, Arbeitslosigkeit, 1939 Einberufung zum Kriegsdienst, amerikanische Gefangenschaft, nach 1945 Stadtdirektor, 1946 – 67 Münchner Stadtrat

Heinrich Brandler (1881 Warnsdorf in Böhmen – 1967 Hamburg), Fliesenleger, 1897 Gewerkschaft, 1901 SPD, 1914 Gewerkschaftsangestellter in Chemnitz, 1919 KPD, 1921 Mitvorsitzender der KPD, Verurteilung, Flucht in die Sowjetunion, 1922 Rückkehr, Sekretär des Politbüros der KPD, gegen Aufstandspläne, die in Moskau beraten werden, Staatssekretär im Innenministerium der sächsischen Koalitionsregierung aus SPD und KPD, Anfang 1924 mit August Thalheimer nach Moskau, mit Ehrenämtern versehen, Oktober 1928 Rückkehr nach Deutschland, Mitbegründer der KPDO, Ausschluss aus KPD und KPdSU, Ende Februar 1933 Emigration nach Paris, 1939 interniert, 1940 Emigration nach Kuba, 1947 London, 1949 Hamburg, Mitarbeit in der Gruppe Arbeiterpolitik

Albert Buchmann (geb. 1894 in Pirmasens), Schuhmacher, KPD, sitzt als „Schutzhaftgefangener“ auf der Festung Niederschönenfeld, MdR 1924 – 33, KZ-Haft 1933 – Mai 1945, dann Berlin/DDR, SED

Franz Xaver Büchs (1889 Augsburg – 22.6.1940 angeblich erhängt, mutmaßlich von der Gestapo ermordet), Maschinenschlosser, KPD, bayerischer MdL 1924 – 32, Übertritt zur SPD, 1933 wiederholt in Haft und misshandelt

Kurt Eisner (1867 Berlin – 21.2.1919 ermordet in München), SPD, 1899 – 1905 Redakteur des Vorwärts, dann der Fränkischen Tagespost, seit 1910 als Journalist in München, 1917 Mitbegründer der bayerischen USPD, nach dem Januarstreik 1918 in Haft, proklamiert am 7.11.1918 die bayerische Republik, ab 8.11.1918 bayerischer Ministerpräsident und Außenminister

Fritz Endres (1877 Ebenhausen in Unterfranken – 1963 München), Kupferschmied, SPD, bayerischer MdL 1912 – 18 und 1920 – 33, 1918 Geschäftsführer des bayerischen Metallarbeiterverbandes, Gegner der Räterepublik, 1.3.1919 – 31.5.1919 bayerischer Justizminister, dann 31.5.1919 – 14.3.1920 bayerischer Innenminister, Geschäftsführer des Landesausschusses der SPD, 1933 und vom 23.8.1944 – 2.9.1944 KZ Dachau

Matthias Erzberger (1875 Buttenhausen – 1921 ermordet in Bad Griesbach), Lehrer, Zentrum, Mitbegründer der christlichen Gewerkschaften, MdR 1903 – 21, Januar 1919 – Juni 1920 Reichsfinanzminister

Dr. Georg Escherich (1870 Schwandorf – 1941 Isen bei Wasserburg am Inn), Oberforstrat, nach Ausrufung der bayerischen Revolution Organisator von Volkswehren, 1919 Landeshauptmann der bayerischen Einwohnerwehren mit Unterstützung Kahrs, 9.5.1920 Reichshauptmann der Organisation Escherich (Orgesch), 1929 – 33 Führer des Bayerischen Heimatschutzbundes

Dr. Hermann Ewinger (geb. 1878), Rechtsanwalt, SPD, nach dem 7. 11.1918 vom Arbeiter- und Soldatenrat gemeinsam mit Schneppenhorst an die Spitze des Generalkommando III. b.A.K. gewählt, nach Schneppenhorsts Berufung zum Militärminister im Besitz der alleinigen Kommandogewalt, dann von der Bayerischen Staatsregierung als Regierungsvertreter bestätigt

Karl Gareis (1889 Regensburg – 10.6.1921 ermordet in München), Weltkriegsteilnehmer, Lehrer, SPD/USPD, bayerischer MdL 1920

Joseph Götz (1895 München – am 10.5.1933 nach vielen schweren Misshandlungen im KZ Dachau ermordet), Schlosser, Weltkriegsteilnehmer, an Aufstandsaktionen der kaiserlichen Marine beteiligt, zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt, zu sechs Jahren begnadigt, 1918 von revolutionären Matrosen aus dem Zuchthaus Celle befreit, während der Münchner Räterepublik aktiv, Mitglied der Roten Armee, KPD, Betriebsrat bei Südbremse, Landessekretär der bayerischen KPD, bayerischer MdL 1924 – 26 (Immunität aufgehoben), zwei Jahre Studien in Moskau, MdL 1928 – 33

Otto Graf (1892 München – 1971 München), 1913 – 15 Lehrer, 1915 – 18 Kriegsteilnehmer, aktiv in der Räterepublik u.a. als Zeitungszensor, KPD, MdL 1920 – 23, 1920 Ausschluss aus der KPD als „Nationalkommunist“, Übertritt zur USPD, dann zur SPD, 1922 – 29 aktiv im ADGB, 1925 – 29 außenpolitischer Mitarbeiter der Vossischen Zeitung und der Münchener Post, kulturpolitischer Mitarbeiter der Dernires Nouvelles de Strasbourg, des Prager Tagblatts, der Basler Nationalzeitung und der Chicago Daily News, Autor der Bücher Die Marokkanische Mauer und Imperium Britannicum, in der Nazizeit Berufsverbot, mehrmals für einige Wochen in Stadelheim eingesperrt, nach 1945 als Ministerialrat Leiter der Abteilung Volksbildung des bayerischen Kultusministeriums und Staatskommissar der Universität München für die Entnazifizierung des Lehrkörpers und die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs, ständiger außen- und kulturpol. Mitarbeiter der Neuen Zeitung und des Südost-Kuriers (Hg. Josef Felder) unter dem Pseudonym „Junius“, 1949 – 53 MdB/SPD, seit 1953 ständiger Referent u.a. der IG Druck und Papier, Autor der gewerkschaftsintern herausgegebenen Arbeiten Kunst und Gesellschaft und Fieberstunden der Weltgeschichte

Karl Grillenberger (1848 Zirndorf – 1897 München), Schlosser, 1869 SDAP und Gewerkschaft, Geschäftsführer und Redakteur der Fränkischen Tagespost, MdR 1881 – 1897, bayerischer MdL 1893 – 1897

Karl Grönsfelder (1882 Frankfurt/Main – 1964), Metallarbeiter in Nürnberg, 1908 DMV und SPD, 1917 USPD, Ende Januar 1919 Mitbegründer der Nürnberger KPD, 1920 Betriebsrat bei MAN, 1921 – 24 Vorsitzender der KPD-Bezirksleitung Nordbayern, bayerischer MdL Dezember 1923 – 1928, 1926 KPD-Landessekretär Bayern, Anfang 1930 Ausschluss aus der KPD, Leitung der KPDO-Nordbayern 1930 – 33, 13.4.1933 – März 1935 „Schutzhaft“ im KZ Dachau, dann Polizeiaufsicht bis Ende 1935, 1939 erneut verhaftet, 1945 IG Metall, 1946 – 1955 Betriebsrat, 1946 KPD, 1947 Mitglied der KPD-Bezirksleitung, September 1949 erneut ausgeschlossen, dann Gruppe Arbeiterpolitik

August Hagemeister (1879 Detmold – 1923 Ansbach), Buchdrucker, Funktionär im Lithographen- und Steindruckerverband München, USPD, Mitglied des Zentralrats, 7.4.1919 – 14.4.1919 Volksbeauftragter für Volkswohlfahrt, 1920 KPD, zu zehn Jahren Festung verurteilt, bayerischer MdL 1920 – 23, stirbt in der Festungshaft

Dr. Heinrich Held (1868 Erbach im Taunus – 1938 Regensburg), Zentrum, bayerischer MdL 1907 – 33, 1914 Fraktionsvorsitzender der bayerischen Zentrumspartei, 1918 Mitbegründer der BVP, Schriftleiter des Regensburger Anzeigers, föderalistisch eingestellt, bayerischer Ministerpräsident 1924 – 33

Dr. Wilhelm Hoegner (1887 München – 1980 München), Jurist, seit 1919 SPD, MdL 1924 – 33, 1928 Erster Staatsanwalt, als Mitberichterstatter des Untersuchungsausschusses über den Hitlerputsch bei den Nazis besonders verhasst, MdR 1930 – 33, Emigration, Juli 1933 – Februar 1934 Österreich, dann bis 1945 Schweiz, bayerischer Ministerpräsident September – Dezember 1945 und 1954 – 57, 1946/47 bayerischer SPD-Vorsitzender, bayerischer Justizminister 1946 – 47, bayerischer Innenminister 1950 – 54, MdL 1946 – 70, MdB 1961

Edith Höreth, geb. Menge (1888 Lohmannshof bei Eichstätt – 1960 München), Lehrerin, SPD, 1945 – 52 Münchner Stadträtin, VVN, Vorsitzende des am 5.5.1949 in Bonn gegründeten Westdeutschen Komitees der Friedenskämpfer, am 14.4.1951 in Essen Mitbegründerin des Hauptausschusses für die Durchführung einer Volksbefragung gegen die Remilitarisierung und für den Abschluss eines Friedensvertrages mit Gesamtdeutschland im Jahre 1951, Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, Landesfriedenskomitee Bayern, Deutsche Friedensgesellschaft, Mitglied des Weltfriedensrats, 1950 Ausschluss aus der SPD wegen „parteischädigenden Verhaltens“, wird am 10.11.1959 vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf angeklagt, „sich der Rädelsführerschaft in verfassungsfeindlicher Absicht schuldig gemacht zu haben“, vom Gerichtsarzt wegen schwerer Erkrankung für verhandlungsunfähig erklärt

Edwin Hoernle (1883 Cannstatt – 1952 DDR), Schriftsteller, KPD, MdR 1924 – 33, dann Emigration in die Sowjetunion

Johannes Hoffmann (1867 Ilbesheim bei Landau in der Pfalz – 1930 Berlin), Volksschullehrer, SPD, 1910 – 18 Stadtrat Kaiserslautern, bayerischer MdL 1908 – 18, MdR 1912 – 30, Kultusminister im Kabinett Eisner, MdL 1919 – 20, 17.3.1919 – 14.3.1920 bayerischer Ministerpräsident, MdR 1920 – 24

Hedwig Kämpfer (geb. 1889 in München), Pazifistin, USPD, Agitatorin für die Räterepublik, Mitglied im Revolutionären Arbeiterrat, amtiert im am 10.4.1919 errichteten Revolutionstribunal als Sprecherin des Staatsanwalts, Münchner Stadträtin 1919 – 24

Dr. Gustav Ritter von Kahr (1862 Weißenburg in Bayern – 1934 Dachau) 1917 Regierungspräsident von Oberbayern, BVP, 16.3.1920 – 11.9.1921 bayerischer Ministerpräsident und Innenminister, 1923 – Februar 1924 Generalstaatskommissar, bis 1930 Präsident des bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, im Zusammenhang mit der sogenannten Röhmaffäre am 30.6.1934 ermordet

Waldemar von Knoeringen (1906 Rechetsberg bei Weilheim – 1971 Höhenried bei Starnberg), 1926 SPD, 1933 Exil in Tirol, dann in Wien, dann Tschechoslowakei, wendet die Taktik der Gruppe Neu Beginnen an, Leiter des SPD-Grenzsekretariats für Südbayern, Tarnname „Michel“, baut 1935/36 bis Kriegsbeginn dreizehn Stützpunkte in Bayern und Österreich auf, drei davon in München, beliefert die Gruppen mit Schulungs- und Informationsbriefen, seine illegale Organisation 1942 von der Gestapo entdeckt, Flucht über Paris nach London, Mitarbeit bei der BBC, 1947 bayerischer SPD-Landesvorsitzender, 1950 Vorsitzender der Landtagsfraktion, 1958 stellvertretender Vorsitzender der Bundespartei

Konrad Kübler (1884 Simbach – 1974 Landau), Buchdruckereibesitzer, Bauernbündler, befreundet mit Kurt Eisner, zwei Tage Justizminister in der Münchner Räterepublik, verhandelt mit Ministerpräsident Hoffmann über dessen Rückkehr nach München, 1933 KZ Dachau, 1944 KZ Flossenbürg, 1945 CSU, Vizepräsident des ersten bayerischen Landtags

Hermann Mager (1872 Heidingsfeld, Bezirksamt Würzburg – 1947 München), Gymnasiallehrer, will Schüler zu kritischem Denken erziehen, 1910 erste Konflikte in Landshut, Verweis durch das kgl. Staatsministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten, 1912 Versetzung nach Schweinfurt, Gymnasialprofessor, 1915 nach Aschaffenburg versetzt, seit 1915 Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, 1916 bei einer Pazifistenversammlung in Frankfurt am Main, wird bespitzelt, bejaht pazifistische Propaganda, deshalb zum Dienst bei der Infanterie am 1.5.1916 eingezogen, 4 Monate in rumänischer Kriegsgefangenschaft, Rückkehr im März 1919, 1920 von Aschaffenburg nach München versetzt, argumentiert sozialistisch und tritt für „freie Liebe“ ein, wird denunziert, am 21.6.1921 dienstentlassen, Lehrer der Freireligiösen Gemeinde, bei den ADGB-Gewerkschaften und in der Volkshochschule, seit 1922 Mitglied der Liga für Menschenrechte, Zweiter Vorsitzender und Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft, Ortsgruppe München, KPD, bayerischer MdL 1924 – 28, 1926 Besuch der Sowjetunion

Arnold Ritter von Möhl (1867 Nandlstadt bei Freising – 1944 Starnberg), 1917 Kommandeur der 16. bayerischen Infanteriedivision, am 19.4.1919 mit der Bildung freiwilliger Regierungstruppen beauftragt, Chef der bayerischen Truppeneinheiten seit dem 22.4.1919, von Ebert am 8.10.1919 zum Landeskommandanten für Bayern ernannt, 1922 zum Gruppenkommando nach Kassel versetzt

Ernst Pöhner (1870 Hof an der Saale – 1925 bei Feldkirchen), Jurist, 1915 Oberlandesgerichtsrat, dann Gefängnisdirektor in Stadelheim, 5.5.1919 – 1.10.1921 Münchner Polizeipräsident, 1921 – 24 Rat am Obersten Landesgericht, wegen Teilnahme am Hitlerputsch fünf Jahre Festung, davon 3 Monate abgesessen, legt Ende August 1924 den Vorsitz im Landesverband des Völkischen Blocks nieder (Nachfolger Gregor Straßer), im Dezember 1924 Übertritt zum Deutschnationalen Block, 1924/25 bayerischer MdL

Fritz Sauber (1884 Friedrichsgmünd – 1949), Gastwirtsgehilfe, 1907 Gewerkschaft, 1911 – 13 Geschäftsführer des Gastwirtsgehilfenverbandes Nürnberg, München 1913 – 27 und Frankfurt am Main 1927 – 33, 1917 USPD, November 1918 Mitglied des Landessoldatenrats und des provisorischen Nationalrats Bayern, Festungsgefangener in Niederschönenfeld, 1920 KPD, bayerischer MdL 1920 – 24, 1933 Emigration in das Saargebiet, Juli 1935 nach Frankreich, 1941 verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert, lebenslänglich Zuchthaus, 1945 befreit, stirbt an den Haftfolgen

Fritz Schäffer (1888 München – 1967 Berchtesgaden), Jurist, BVP, bayerischer MdL 1920 – 33, erster Vorsitzender der BVP seit 1929, 1931 als Staatsrat mit der Leitung des bayerischen Finanzministeriums betraut, „Schutzhaft“ im KZ, Mai 1945 von den Amerikanern zum bayerischen Ministerpräsidenten ernannt und im September wieder abgesetzt, CSU, MdB, Finanzminister im 1. und 2. Kabinett Adenauer, Justizminister im 3. Kabinett Adenauer

Joseph Schlaffer (1891 Kallmünz – 1964 Berlin), Maschinenschlosser, KPD, Eisenbahnbetriebsrat in der Münchner Hauptbetriebswerkstätte, MdR September 1930 – November 1932, im Sommer 1924 beim 5. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in Moskau, bayerischer MdL 1924 – 27 (Mandat niedergelegt), Haft Mai – Juli 1935 und Mai – August 1937, in der Sowjetischen Besatzungszone 1948 sieben Monate in Haft

Adolf Schmidt (1883 München – 1954 München), Apotheker und Buchdrucker, USPD, ab Dezember 1920 KPD, bayerischer MdL 1920 – 24, seit Februar 1922 in der Festung Niederschönenfeld interniert, 1945 kurzfristig Landrat des Landkreises Kempten

Josef Schober (geb. 1911 in München), Maßschneider, ab 1923 Kinderfreunde, ab 1925 SAJ, ab 1928 SPD, ab 1930 Naturfreunde, Arbeitersport, Textilarbeiterverband, Schufozug 13, schart mit Hans Fried eine illegale Gruppe um sich, transportiert illegale Schriften nach Augsburg, mit Fried und Linsenmeier Verhaftung im Mai 1934, am 10.11.1934 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, KZ Dachau 28.7.1935 – 5. 10.1937, 1942 erneut verhaftet, aber wieder entlassen, eingezogen zum Kriegsdienst, verwundet, nach 1945 Arbeit bei Lodenfrey, Betriebsrat, Wiederaufbau der SAJ

Josef Simon (1865 Scheppenbach/Alzenau – 1949 Kornwestheim), Schuhmacher, SPD, bedeutender Nürnberger Gewerkschaftsführer, bayerischer MdL 1907 – 18, MdR 1912 – 32, 1917 Übertritt zur USPD, 1900 – 1933 erster Vorsitzender des Zentralverbandes der Schuhmacher, 1.3. – 7.4.1919 Minister für Handel, Gewerbe und Industrie (Kabinett Segitz und 1. Kabinett Hoffmann), 1933/34 KZ Dachau, 1935 erneut KZ-Haft

Julius Streicher (1885 Fleinhausen – 1946 Nürnberg), Volksschullehrer, 1918 Deutsch-Völkischer Schutz- und Trutzbund, 1919 Deutsch-Soziale Partei, NS-Gauleiter von Franken, Herausgeber des Stürmer, fanatischer Antisemit, bayerischer MdL 1924 – 32, MdR Juli 1932 – 1933, hingerichtet

Ernst Thälmann (1886 Hamburg – ermordet im KZ Buchenwald 1944), Transportarbeiter, seit 1903 SPD, 1917 USPD, 1919 KPD, seit 1925 Parteivorsitzender, 1924 – 33 MdR, seit 3.3.1933 KZ-Haft

Dr. August Thalheimer (1884 Affaltrach in Württemberg – 1948 Havanna), Studium der Medizin, Philosophie, Sprachen, Völkerkunde, 1907 Promotion, 1910 SPD, Redakteur in der Göppinger Freien Volkszeitung und im Braunschweiger Volksfreund, Gegner der Kriegskredite, 1916 zum Kriegsdienst eingezogen, verwundet, 1918 am Umsturz in Stuttgart beteiligt, Mitglied der Zentrale des Spartakusbundes, dann der KPD, Chefredakteur der Roten Fahne und der Internationale, Cheftheoretiker der Partei, nach dem Oktober 1923 abgesetzt und nach Moskau ins „Ehrenexil“ gerufen, hier Professor an der Sun Yatsen-Universität, Mitglied der KPdSU etc., Mai 1928 Rückkehr nach Deutschland, Ende 1928 Mitbegründer der KPDO, Januar 1929 Ausschluss aus KPD und KPdSU, 1933 Emigration nach Paris, 1939 interniert, 1941 Emigration nach Kuba

Ewald Thunig (1897 Straubing – 1991 Rosenheim), Schreiner, Weltkriegsteilnehmer, illegale Parteiarbeit für die KPD, Mai 1924 – Oktober 1924 inhaftiert, Januar 1928 – Mai 1929 Angestellter im Münchner Bezirksbüro der KPD, November 1930 – Oktober 1931 Leninschule in Moskau, Oktober 1932 – März 1933 Schriftleiter der Neuen Zeitung in München, KZ Dachau 20.3.1933 – 23.6.1938, zwischendurch vom 24.1.1934 – 4.7.1934 Gefängnis Bayreuth, 26.11.1945 – 11. 1.1946 Wohnungsreferent in Kolbermoor, 5.1.1946 – 26.3.1946 Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 12.10.1946 – 30.6.1963 Kreisvorsitzender des Bayerischen Gewerkschaftsbundes bzw. des DGB in Rosenheim

Adolf Wagner (1890 Algringen/Lothringen – 1944 Reichenhall), Weltkriegsteilnehmer, Bergwerksdirektor, 1923 NSDAP, 1924 bayerischer MdL, 1928 NS-Gauleiter der Oberpfalz, 1929 NS-Gauleiter von München, 1930 NS-Gauleiter von München-Oberbayern, seit 9.3.1933 kommissarischer bayerischer Innenminister, dazu dann stellvertretender Ministerpräsident und Kultusminister

Josef Weber (1894 Mühldorf – 1932 Speyer), Schlosser, 1921 KPD, 1923 – 24 Parteisekretär der KPD/Unterbezirk Pfalz, bayerischer MdL 1924 – 32, 1926 Austritt aus der KPD, 1928 SPD

 

Vom Autor dieses Textes ist auch erschienen: Freiheit! Sozialdemokratischer Selbstschutz im München der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Band I: Texte, 628 Seiten, Band II: Bilder und Dokumente, 312 Seiten, CD als Beilage mit 26 historischen Aufnahmen von Ansprachen, Liedern und Märschen auf Schellack-Platten des republikanischen Selbstschutzes aus dem Arbeitermusik-Archiv Klaus-Jürgen Hohn, Nürnberg, Andechs 1997

 

Ein überraschender Fund von mehreren hundert Fotos in einem dunklen Münchner Keller widerspricht dem gängigen Vorurteil, dass die Arbeiterbewegung in der bayerischen Landeshauptstadt nur eine marginale Rolle gespielt habe. Die Fotos wurden restauriert und in die historischen Zusammenhänge eingeordnet. Quellen ergänzen die Informationen und lassen neue Interpretationen der Rolle der Arbeiterbewegung in München zu. Das historische Panorama spannt den Bogen vom Ende des Ersten Weltkrieges zur Nazidiktatur.

Der Autor benutzte Quellen folgender Institutionen: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Archiv des Bayerischen Landtags, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Bundesarchiv Berlin und Potsdam, Institut für Zeitgeschichte, Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau, Monacensia-Literaturarchiv, Münchner Stadtmuseum, Staatsarchiv München, Stadtarchiv München. Er verwendete Interviews mit folgenden Personen: Gustav Appel, Ludwig Koch, Robert Kramer, Walter Kroepelin, Albert Lörcher, Peter Schäfer, Josef Six, Rudolf Stescal, Rudolf Würz.

Der Autor versuchte u.a. Antworten auf die Frage zu finden, wie es zu 1933 kam, und was die Opfer dazu beitrugen, daß die Täter Täter werden konnten. Er fand Quellen über die Rolle der Münchner SPD, des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der Eisernen Front in einem Umfeld, das Wilhelm Hoegner als „Vorhimmel des Dritten Reichs“ charakterisierte. Und er fand Quellen über SPD-interne Vorgänge und versuchte, diese gegensätzlichen Handlungsstränge zu analysieren und zu interpretieren. Über Fakten lässt sich schwerlich streiten, mit deren Einordnung aber dürfte und müsste das Buch provozieren und Widerspruch ernten. Denn die Schlussfolgerungen des Autors lassen sich auch auf die heutige Politik übertragen: Der politische Wille, wie er sich vor 1933 durch und über die Parteien der Weimarer Republik artikulierte, war blind.

Am Ende stand Bernhard Schlinks Erkenntnis aus seinem Buch Der Vorleser: „Wenn ich versuchte, es zu verstehen, hatte ich das Gefühl, es nicht mehr so zu verurteilen, wie es eigentlich verurteilt gehörte. Wenn ich es so verurteilte, wie es verurteilt gehörte, blieb kein Raum für Verstehen … Ich bin damit nicht fertig geworden. Beidem wollte ich mich stellen: dem Verstehen und dem Verurteilen. Aber beides ging nicht.“

 

Äußerungen über das Buch „Freiheit!“:

Frau B.Sch., Schwabing: „Anstrengend, aber ein Gewinn.“

Herr. St.Sch., Ismaning: „So darf man nicht über die SPD schreiben!“

Frau H.M., Ingolstadt: „Keine Geschichtsschreibung, sondern Enthüllungsjournalismus!“

Dr. F.R, Universität München: „Gerstenberg wird nie in die Zunft der etablierten Geschichtswissenschaft aufgenommen werden, da er sich dem standardisierten Repertoirezwang der Historiographie verweigert und keine Rücksicht auf überlieferte ‘Wahrheiten’ nimmt. Ein Verlust für ihn, ein Gewinn für uns.“

Herr R.T, Schwanthalerhöh’: „Mein Vater war beim Reichsbanner. Ich habe als junger Mensch miterlebt, wie die Nazis gehaust haben. Alles, was in dem Buch steht, ist genauso passiert.“

Herr W.F., Milbertshofen: „Es ist nicht angenehm, sich ansehen zu müssen, welche Fehler die Linke bei der Abwehr des aufkommenden Faschismus gemacht haben. Wenn wir diese Fehler wiederholen, dann wirds fürchterlich.“

Frau P.St., Neuhausen: „Sozialdemokraten waren die einzigen, die die Republik verteidigt haben. Es ist unerhört, sie mit Kübeln von Schmutz zu übergießen.“