Vorgeschlagenes Projekt 1:
„Ist Opposition Irrsinn?“

 

Günther Gerstenberg

„Opposition ist Irrsinn“

Wie man mit den Räten umging, die bis zum Mai 1919 regierten

 

Leichenberge an den festgefahrenen Fronten des großen Völkerschlachtens, Desorganisation in der Heimat, Hungerproteste – gekrönte Häupter stahlen sich davon, Offiziere schlüpften in Zivilkleidung. Der alte Sinn hatte sich desavouiert, jetzt wurde der gesellschaftliche Konsens aufgekündigt. Die Macht fiel Ende 1918 den Revolutionären wie ein reifer Apfel in den Schoß.

In Bayern kündete die neue Regierung unter Kurt Eisner grundlegende Veränderungen an: Nicht nur die demokratischen Ideale der Französischen Revolution sollten durchgesetzt werden, es ging sogar um die Aufhebung der Lohnarbeit und um basisdemokratische Mitbestimmung der bis jetzt unterprivilegierten Schichten.

Sehr schnell organisierten die alten wirtschaftlichen und politischen Eliten den Widerstand gegen die drohenden Enteignungen ihrer Pfründe. In der Presse wurde eine Kampagne gegen Eisner entfacht, die ihn als politikunfähigen, literarischen Schöngeist und als „galizischen Ostjuden mit typischem Erwerbs- und Familiensinn namens Kosmanowski“ diffamierte. Der gebürtige Berliner Eisner verteidigte dennoch die Pressefreiheit, auch wenn er am 29. November meinte, er habe „in den 4½ Kriegsjahren soviel Verachtung gegen diese Presse aufgehäuft, dass sie genügt, um mich für den Rest meines Lebens gegen jede Neigung zu festigen, auch nur polemisch mich mit ihr zu befassen“.

Am 21. Februar 1919 erschießt ein aufgehetzter junger Monarchist Kurt Eisner. Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte ringen nun mit dem Landtag um die Macht. Am 7. April wird in München die Räterepublik proklamiert, in Bamberg residiert die Regierung Johannes Hoffmann.

Die Räterepublikaner wagen Neues: Otto Neurath kündigt die Vergesellschaftung der Fabriken an. Arnold Wadler will Villen beschlagnahmen. Gustav Landauer arbeitet an einer modernen Universitätsreform. Silvio Gesell erwägt die Geldwirtschaft zu verändern. Erich Mühsam verlangt die radikale Beseitigung des Militärs, fordert die Revolution in Permanenz …

Jetzt scheint es den alten Eliten wirklich an den Kragen zu gehen. Nun müssen sie versuchen, die verlorene kulturelle Hegemonie zurückzugewinnen, um diese in ihnen genehme reale Machtverhältnisse münden zu lassen. Dies gelingt in erster Linie mit der Stiftung einer neuen Identität: Diese neue Identität basiert auf Ab- und Ausgrenzung. Dem außerhalb der neuen Identität Stehenden werden besondere Eigenschaften zugewiesen, die eine scheinbar eigene Tradition und deren Ethik hervorheben.

In München häufen sich anonym verfasste, antisemitische Flugzettel. Die Bamberger Regierung plant die Rückkehr nach München, setzt Freikorps und Regierungstruppen in Marsch und lässt Flugblätter abwerfen, um die Stimmung gegen die Exponenten der Räteregierung anzuheizen. Sie entwirft wider besseren Wissens das Bild einer Herrschaft, ausgeübt von „landfremden, kriminellen Demagogen“, denen jedes Mittel recht ist, um Terror auszuüben.

Der Fremde ist absichtslos fremd, er kann nichts dafür und bleibt ein harmloser Einzelner. Die „Landfremden“ dagegen organisieren sich überindividuell. Sie erfüllen einen kriminellen Zweck. Ihnen muss man entgegentreten.

Die Münchner Arbeiter sind, so wird behauptet, diesen „mosaischen Hetzern“ hilflos ausgeliefert. Dabei greift man auf ein Klischee zurück, das schon im 19. Jahrhundert verwendet wurde: Die Arbeiter sind gutmütig, königstreu, trinken Bier und lassen sich leicht verführen. Wer allerdings im Staatsarchiv die Bestände der Polizeidirektion und der Gerichte aus der unmittelbaren Nachrevolutionszeit einsieht, muss zur Kenntnis nehmen, dass der Anteil der „Landfremden“ an den an der Revolution aktiv Beteiligten sehr gering ist.

Das Protokoll der Soldatenräte der Münchner Garnison, die sich am 14. April 1919 im Gewerkschaftshaus versammeln, bestätigt dies: „Diese Versammlung der Soldatenräte zeigt, dass es nicht die ,landfremden Caféhaushelden’ sind, die die Macht künstlich an sich gerissen haben und die ganze Hauptstadt unter ihre terroristische Herrschaft gezwungen haben, wie die nordbayerische Presse im Dienste der Regierung Hoffmann es darstellen möchte, sondern, dass die Macht der Räterepublik auf den Schultern ruht, auf denen sie allein Bestand haben kann, auf den Schultern des gesamten werktätigen Volkes.”

Die Bamberger Regierung sammelt zum Sturm auf eine Stadt, in der, wie sie behauptet, die „Söhne der Wüste“, sogar planen, die Frauen der bayerischen Metropole zu „sozialisieren“. Sie ruft die „Söhne der Berge“ dazu auf, die Stadt zu befreien.

Die Württembergische Regierung mobilisiert zum Marsch ihrer Freikorps nach München, indem sie in ihren Flugblättern Silvio Gesell als „finanziellen Wunderdoktor und Phantasten“, Ernst Toller als „23jähriges Bourgeoisie-Söhnchen“ und Max Levien als „gehirnsyphilitischen Bolschewisten“ schmäht; Erich Mühsam schließlich habe „noch nie eine Stunde gearbeitet“.

Da helfen keine Hinweise der Räterepublikaner, dass es in München ruhig und gesittet zugeht; Dementis können der Pogromstimmung keinen Einhalt mehr gebieten. In den ersten Maitagen 1919 marschiert die aufgehetzte Soldateska in München ein und verübt ein Blutbad.

Die Fotografien, die die Münchner Polizeidirektion von inhaftierten Räterepublikanern anfertigen lässt, werden so arrangiert, dass der erwünschte „Verbrechertypus“ deutlich wird. Abgerissene Kleidung, ein Dreitagebart, ein kahlrasierter Schädel und die Ausleuchtung von Wulstlippen und Krummnasen lassen das Zerrbild zur Karikatur werden. Und wenn das alles nicht ausreicht, werden die Protagonisten psychiatrisiert.

Prof. Emil Kraepelin, der Chef der Psychiatrischen Klinik München, hat schon im Frühjahr 1918 die Protagonisten des Januarstreiks, Schriftsetzer Theobald Michler und Lorenz Winkler, Werkzeugschlosser bei BMW, auf ihre geistige Zurechnungsfähigkeit untersucht. Auch der Dichter Ernst Toller sollte in der Anstalt „behandelt“ werden; nach einige Tagen gelang ihm die Flucht.

Kraepelin, der führende Mann der deutschen Psychiatrie und Mitbegründer der Vaterlandspartei, befürwortet „psychopathisch Entartete“ zu sterilisieren, um die Reproduktion ihrer „erblichen Minderwertigkeit“ zu unterbrechen, und schreibt 1919 kurz nach dem Einmarsch der „weißen“ Soldateska:

„Es ist wohl endlich kein Zufall, dass an der Spitze von Massenbewegungen nicht selten Persönlichkeiten mit ausgeprägten hysterischen Zügen stehen. Die mangelhafte Entwicklung des zielbewussten Willens, die der hysterischen Veranlagung zugrunde liegt, kann sich mit ausgezeichneter Verstandesbegabung und namentlich mit Lebhaftigkeit der gemütlichen Regungen verbinden, die unter Umständen eine besondere Fähigkeit in sich schließt, sich der Umgebung anzupassen, sie zu verstehen, auf sie zu wirken und sie zu beherrschen. Man wird dabei immer mit vorwiegend gefühlsmäßig geleitetem Handeln zu rechnen haben. Aber auch sonst sind unter den Führern der jetzigen wie früherer Umwälzungen in überraschender Zahl Menschen vertreten, die nach irgend einer Richtung hin aus dem Rahmen der Durchschnittsbreite herausfallen. Unter ihnen sind vielleicht die harmlosesten jene Schwärme und Dichter, die sich ein Weltbild eigener Erfindung entworfen haben und es zu verwirklichen suchen, ohne zu bedenken, dass die Welt eng und das Gehirn weit ist. Eine zweite Gruppe bilden die Vielgeschäftigen, deren Seelenzustand zumeist dem manisch-depressiven Irresein angehört; sie pflegen in ihrem hemmungslosen Betätigungdrange immer neue Pläne in Angriff zu nehmen, ohne die Möglichkeit ihrer Verwirklichung zu prüfen und die unerlässlichen Vorbereitungen zu treffen. Darf man diesen Gruppen zugestehen, dass sie sich von bestimmten Überzeugungen leiten lassen und allgemeine Ziele, wenn auch oft verschwommener und unerreichbarer Art, verfolgen, so bildet ihre Gefolgschaft regelmäßig ein Schwarm minderwertiger Persönlichkeiten, die, bis dahin durch die Gesellschaftsordnung niedergehalten, plötzlich die Bahn für ihre selbstsüchtigen Bestrebungen frei sehen. Ihre üppiges Gedeihen wird vor allem durch die Entleerung der Gefängnisse und die rasch aufeinander folgenden Gnadenerlasse bewirkt. „Stadelheim ist aufgehoben“, erklärte mir schon am 8. November vorigen Jahres ein Vertreter der bewaffneten Macht, mit dem ich zu verhandeln hatte. Vor allem rührten sich die gewerbsmäßigen Schwindler und Hochstapler, deren bedenkenfreie Gewandtheit es ihnen leicht macht, in der allgemeinen Verwirrung einige Zeit eine Rolle zu spielen und sich auf der Oberfläche zu behaupten. Mehr im Dunkel bleibt die Schar der Haltlosen und Verkommenen, der Betrüger, Gewohnheitsdiebe und Zuhälter, die sofort die Möglichkeit zu gewinnbringender Tätigkeit wittern, sich überall eindrängen und die sich reichlich bietende Gelegenheit zur Ernte rücksichtslos ausnutzen.

Diese Erfahrungen werden bei jeder grundstürzenden Umwälzung gemacht, und niemand wird leugnen wollen, dass auch wir ihnen nicht entgangen sind. Ich selbst habe mich davon überzeugen können, dass eine Anzahl der führenden wie der untergeordneten Persönlichkeiten aus der jüngsten Volksbewegung, die ich untersuchen konnte oder über die ich genauere Nachrichten erlangte, einer der hier geschilderten Gruppen angehörten. In einem gewissen Zusammenhange damit steht auch die starke Beteiligung der jüdischen Rasse an jenen Umwälzungen. Die Häufigkeit psychopathischer Veranlagung bei ihr könnte mit dazu beigetragen haben, wenn auch wohl hauptsächlich ihre Befähigung zu zersetzender Kritik, ihre sprachliche und schauspielerische Begabung sowie ihre Zähigkeit und Strebsamkeit dabei in Betracht kommen.

Welche Früchte die Herrschaft der angeführten Gruppen zeitigte, haben wir schaudernd selbst erlebt …“

Anfang August 1919 spricht auf der Jahresversammlung des Vereins bayerischer Psychiater Eugen Kahn, ein Assistent Prof. Emil Kraepelins, zum Thema „Psychopathen als revolutionäre Führer“. In der „Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie“ veröffentlicht er das Ergebnis seiner Studien. Er hat 15 der bekanntesten „Rädelsführer“ der Revolutionszeit untersucht – manche erst nach ihrer Ermordung – und ordnet diese nun in vier Hauptgruppen ein: ethisch defekte Psychopathen, hysterische Persönlichkeiten, fanatische Psychopathen und Manisch-Depressive. Kurt Eisner gerät so nach eingehender Ferndiagnose post mortem zum Psychopathen, Erich Mühsam zum fanatischen Psychopathen.

Die Botschaft ist klar: Nicht jeder harmlose Irre wird zum Revolutionär, aber jeder Revolutionär ist verrückt, ist minderwertig; für ihn gelten keine mildernden Umstände bei der Strafbemessung nach § 51 Strafprozessordnung.

Dr. Karl Weiler, ebenfalls Assistent bei Kraepelin meint, „dass der Gesetzgeber durch die Aufstellung des § 51 nur solche Menschen vor Strafe schützen wollte, deren gesetzwidrige Handlung als Folgeerscheinungen geistiger Erkrankungen aufzufassen sind, nicht aber auch geistig nur anormale Persönlichkeiten, die infolge ihrer seelischen Minderwertigkeiten Straftaten begehen.“

Die, die alles daran setzten, die Revolutionäre zu stigmatisieren und ihnen eine Berechtigung als legitime bayerische Regierung abzusprechen, sind erfolgreich. Die Etikettierung als krimineller Abschaum, berechnend-geschäftstüchtige Wüstensöhne, als notorische Arbeitsscheue, als triebhafte Syphilitiker oder als feige verweiblichte Hysteriker wie Toller, der, wie man hämisch flüstert, mit gefärbten Haaren hinter einer Tapetentür verborgen sich seinen Häschern zu entziehen trachtete, werden die Revolutionäre bis heute nicht los.

Noch ist die Geschichte der Psychiatrisierung der Münchner Räterepublikaner nicht geschrieben. Es könnten sich noch Unterlagen im Archiv des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie befinden. Der Verfasser dieser Zeilen hat sich in der Vergangenheit vergeblich darum bemüht, Auskünfte oder einen Zugang zu erhalten.

Das Archiv des Bezirks Oberbayern ist für die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing – Haar zuständig. Hier finden sich die Fälle des Studenten Ludwig Kröber, des Schieferdeckers Max Merl, des Handlungsgehilfen Ferdinand Wimmer, des Schriftstellers Dr. Wilhelm Bethke und des Leutnants Eugen Karpf.

Bethke schrieb u.a. in der Nummer 8 seiner Zeitung „Der freie Mensch“ am 27. April 1919: „Mitbürger in Stadt und Land: Nicht Weimar und noch weniger Bamberg bringen Euch Freiheit, sondern einzig uns allein München. Wenn die weiße Garde siegt, so fallen wir leicht wieder zurück in die verhasste Sklaverei des Kapitalismus und Bürokratismus. Wir wollen aber frei sein und bleiben. Darum hoch die rote Armee! …“ Der „streitsüchtige Psychopath und Haftquerulant“ Bethke, der zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, wird vom 21. Juni bis 12. September 1922 in der Irrenanstalt Eglfing „behandelt“.

Leutnant Eugen Karpf hat sich am 16. April 1919 dem militärischen Oberkommando der Räteregierung zur Verfügung gestellt. Er befindet sich vom 27. August bis zum 7. Oktober in Eglfing.

Ob sich in der ehemaligen Irrenanstalt Haar, heute Isar-Amper-Klinikum München-Ost, noch Unterlagen psychiatrisierter Räterepublikaner befinden? Wenn noch ungehobene Quellen existieren, sollten sie studiert werden. Sie belegen, dass die Psychiatrie von ihren Anfängen bis in die jüngste Zeit unter dem übergreifenden Interesse eines staatlichen Ordnungswütens praktiziert.

Günther Gerstenberg
25. Februar 2017

Weiterführende Literatur:
Siegfried Grubitzsch, Revolutions- und Rätezeit 1918/19 aus der Sicht deutscher Psychiater. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 9/1985, 23 ff.