Vortrag „Donnerstag, 31. Januar 1918, zwischen etwa 18.30 Uhr und 23.15 Uhr“ von Günther Gerstenberg

Günther Gerstenberg

Donnerstag, 31. Januar 1918, zwischen etwa 18.30 Uhr und 23.15 Uhr

Ein Beitrag zur Veranstaltungsreihe des plenum R in der Sendlinger Kulturschmiede am 19. Januar 2017

Begrüßung

Die Rede ist von der „Generalprobe“ des Umsturzes im November 1918. Es gab während des Weltkrieges vor dem Januar 1918 einige ökonomisch motivierte, erfolgreich verlaufende Streiks. Und einen politischen Streik. Am 28. Juni 1916 befanden sich 50.000 Berliner Rüstungsarbeiterinnen und Rüstungsarbeiter im Ausstand. Sie protestierten gegen die Verurteilung Karl Liebknechts wegen Hochverrats. Es war der erste Massenstreik in Deutschland mit vorherrschend politischen Forderungen während des Krieges. (Nebenbei: Üblicherweise wird der Streik als Mittel zur Durchsetzung von Lohnerhöhungen oder besseren Arbeitsbedingungen angesehen. Ist von einem „allgemeinen“ Streik die Rede, dann vom „politischen“ oder auch vom „Massenstreik“, dem nicht mehr gewerkschaftliche Forderungen zu Grunde liegen, sondern politische.) Im April 1917 traten dann Hunderttausende in verschiedenen deutschen Industriestädten in den Ausstand. Sie verbanden ökonomische mit politischen Forderungen.

Nach München: Seit Ende 1916 sind bei den Diskussionsabenden, die Kurt Eisner organisiert, fünfundzwanzig, dann Ende 1917 hundertfünfzig Menschen anwesend; die Opposition gegen den Krieg nimmt auch in der bairischen Landeshauptstadt zu. Nachdem bekannt wird, dass das Ende des Krieges im Osten und die verheerenden Bedingungen, die die deutsche Verhandlungsführung den Bolschewiki aufzwingt, den Krieg nicht beendet, sondern jetzt erst recht verlängert, kommt es im Januar 1918 zur „Generalprobe“ des Umsturzes vom November 1918. In Berlin, in vielen deutschen Städten und auch in München treten Arbeiterinnen und Arbeiter in den Ausstand.

Die Münchner Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) fordert:

  1. Sofortiger allgemeiner Frieden unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, ohne Annektionen und Kontributionen.
  2. Vollständiges Presse- und Koalitionsrecht sowie Versammlungsfreiheit.
  3. Aufhebung des Belagerungszustandes.
  4. Entmilitarisierung der Betriebe und Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes.
  5. Freilassung und Aufhebung des Zuchthausurteils gegen Liebknecht, sowie Freilassung sämtlicher politischer Gefangener und Verurteilten.

Die Haltung der Münchner Oppositionellen ist entschiedener als die der USPD-Reichstagsfraktion in Berlin. Sie sagen, alle Berufspolitiker haben sich desavouiert, die Arbeiterklasse braucht keine Führer, sie ermächtigt sich selber. Sie, die USPDler, sind dann da, wenn sie gerufen werden, und dann sind sie nicht Agitatoren, sondern Sprecher des Willens der Arbeiterklasse. Ihre Forderungen sind die Grundlage dafür, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter ihr langfristiges Ziel erreichen: den Sturz der herrschenden Klasse und die Errichtung einer „wahren Demokratie“.

Um jetzt ins Detail zu gehen, betrachten wir, was am Donnerstag, den 31. Januar 1918, zwischen etwa 18.30 Uhr und 23.15 Uhr geschah. Am Vormittag dieses Donnerstags haben die Arbeiterinnen und Arbeiter der Bayerischen Geschützwerke im Schwabinger Bräu getagt, um die Mittagszeit gabs dann eine große Demonstration.

Im Saal des Mathäser in der Bayerstraße legt sich langsam die Aufregung von der vorangegangenen Versammlung der etwa 2.000 BMW-Arbeiter. Der Vorsitzende des Arbeiterausschusses der Flugzeugwerke läutet gegen 18.30 Uhr mit der Glocke, begrüßt die Anwesenden und ruft: „Ich gebe jetzt dem Genossen Landtagsabgeordneten Erhard Auer das Wort.“ Aus dem Saal ruft einer: „Unser ältester Betriebsangehöriger!“ Schallendes Gelächter. Unruhe. Der Vorsitzende läutet erneut mit der Glocke.

Auer erhebt sich, zieht seine Joppe aus und legt sie auf die Stuhllehne, krempelt die Hemdsärmel hoch, schaut in die Runde, wartet, bis Ruhe eingetreten ist, und lehnt gleich zu Beginn seiner Rede den Vorwurf ab, dass die SPD „bremsen“ wolle. Man warte lediglich auf Richtlinien des SPD-Vorstandes in Berlin: „Wie es zur Zeit in Berlin stehe, wissen wir nicht. Erst heute Abend trifft der Genosse wieder in München ein, der in Berlin an der Besprechung des Parteiausschusses teilgenommen hat. Nach den Beschlüssen des Parteiausschusses wird man sich auch in München richten. Für die bevorstehende Aktion ist nicht nur Wucht, sondern auch Zucht nötig …“

Dann knöpft er sich dröhnend Kurt Eisner vor. Dieser, „dessen ganzes Wesen und größenwahnsinniges Gebaren seinen krankhaft überreizten Zustand zur Genüge kennzeichnet, behauptet, die sozialdemokratischen Führer hätten schon im August 1914 das Annexionsprogramm der Reichsleitung kennen gelernt. Im August 1914 war Vorsitzender der Partei und der Reichstagsfraktion – Hugo Haase, der also – mit Eisner – seit drei Jahren geschwiegen hätte.“

Auer scheint selbst zu glauben, was er sagt, seine Rede aber klingt unaufrichtig; sie wird immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen. Einer schreit, is net wahr, ein anderer, „die sagn des scho oiwei, eine Frau ruft hoit dei Mei“. [„unrichtig, diese erwähnen dies schon die ganzen letzten Jahre, halt deine Fresse“]

Währenddessen sitzt Eisner mit weiteren USPD-Mitgliedern in einem Seitenzimmer des Restaurationstrakts, da kommen einige Teilnehmer der Versammlung zu ihm und bestürmen ihn, er müsse nach oben in die Versammlung kommen. Erst lehnt er ab, aber dann, nachdem ihn immer mehr bedrängen, steigt er gegen 19.45 Uhr mit einigen Getreuen die Treppe hinauf und betritt des Saal; zwei Polizisten folgen ihm. Von allen Seiten erschallen Rufe „Eisner soll reden, Eisner soll reden!“ Andere schreien dagegen.

Der schmächtige Mann mit den grauen Haaren und seinem wirren Bart bleibt zunächst stehen und blinzelt mit seinen kurzsichtigen Augen durch den Kneifer in die Runde. Da machen die unmittelbar vor ihm Stehenden Platz. Er geht ein paar Schritte und da öffnet sich ihm wie von Zauberhand eine Gasse durch die tobenden, brüllenden Massen, durch die er in aller Ruhe bis nach vorne zum Podium gehen kann.

Eisner erinnert sich: „Auf dem Podium stehen die Leute vom Ausschuss mit wutverzerrten Mienen, fuchtelnden Armen, geballten Fäusten; sie schreien wie die Besessenen mit heiseren Stimmen, dass es eine Betriebsversammlung sei. (Rufe: Und Auer?) Ich bemerke in meiner Nähe einen eleganten Herrn, keinen Arbeiter, der die Leute oben teils zu überwachen, teils anzuweisen scheint, offenbar ein Betriebsbeamter. Jemand, der sich auf das Podium schwingt, um zu reden, wird hinuntergestoßen, und als er immer noch nicht geht, von dem Mann des Ausschusses, der sich wie ein tobsüchtiger Hausknecht gebärdet, aus dem Saal hinausgejagt; der Unglückliche hatte nur feststellen wollen, dass der Auer nicht zum Betrieb gehöre und doch geredet habe.

Ich stehe gelassen unten, höre, wie sie oben gegen mich schreien, die Fäuste schwingen, obwohl ich gar keine Anstalten mache zu reden und mich begnüge, die Leute in meiner Umgebung zu beruhigen. Jeden Augenblick glaube ich, dass eine dieser derben Fäuste meine arme Schädeldecke zertrümmern werde. Aber es geschieht mir merkwürdigerweise gar nichts. Ich bleibe unangefochten stehen, sie zappeln sich mit Schimpfen und Fuchteln ab. Immer noch schrillen die Rufe und steigern sich: ‘Eisner soll reden! Eisner soll reden!’ Aber droben scheint man doch zu fürchten, man könnte mir schließlich das Wort erzwingen und ich würde ihnen auch diese Versammlung aus den Händen nehmen. Man erklärt, man würde im Betrieb selbst Freitag früh über den Streik entscheiden, und schloss eilig die Versammlung, die durch meine stumme Anwesenheit ergebnislos gewesen war. Einer Abstimmung traute man nicht mehr. Zögernd verließen die Massen den Saal.“

Manche der Versammlungsbesucher denken, „diese Reden haben wir uns lange genug angehört, diese einnehmenden Handbewegungen uns lange genug angesehen, diese trickreichen ‘Argumente’ und diese hinterfotzigen Appelle an unsere Geduld, an unsere Disziplin, an unser Vertrauen zu denen, die die Zusammenhänge ja wohl besser kennen und immer wissen, was zu tun ist, das alles haben wir uns allzu lange angehört, es glangt!“.

Da ergreift Felix Fechenbach, der Uniform trägt, die Gelegenheit beim Schopf, entert das Podium, nimmt die Glocke vom Vorstandstisch, läutet laut und eröffnet eine dritte, öffentliche Volksversammlung.

Eisner nennt den Soldaten in seinem Tagebuch „den jungen Mann“, um ihn nicht zu gefährden: Die Masse staute zurück, setzte sich ruhig nieder, und nach den wüsten Lärmszenen wurde alles still. Der junge Mann übernahm unter der Zustimmung der Versammlung den Vorsitz und erteilte mir das Wort.“

Da geht es wie ein Aufatmen durch den Saal, als ob ein jahrelanger Bann gebrochen ist. Eisner schreibt später:

Mit Aufgebot meiner letzten Kraft, nach dem langen, zerreibenden, erschöpfenden Tage, sprach ich … Ich mahnte die Versammelten, sich durch niemanden zu Taten verführen zu lassen, die sie selbst nicht wollten. Wenn sie sich nicht aus klarster Einsicht, aus innerstem Herzensdrange frei an die Streikbewegung anschließen könnten, dann sollten sie nicht streiken. Denn nur in der ganz freiwilligen Hingabe, die durch keinerlei Zwang verkümmert werden dürfe, liege der Wert einer idealen Aktion, in der das Proletariat gar nichts für sich selbst wolle, sondern nur für die Gesamtheit des deutschen Volkes wie für die Gemeinschaft der Menschheit. Indem ich die Rede des Herrn von Dandl im Abgeordnetenhaus streifte, der immer noch nicht wisse, warum gestreikt würde, kündigte ich an, dass wir den Herrn Ministerpräsidenten morgen in die Versammlung im Schwabinger Bräu einladen würden, dort könnten wir uns in Rede und Gegenrede auseinandersetzen …

Ich wies auf die infamen Mittel hin, mit denen man bei uns zu verhindern suche, dass die Proletarier der feindlichen Länder infolge der deutschen Streikdemonstrationen wieder Vertrauen zu den deutschen Sozialisten gewännen: Einmal verhindere man durch eine niederträchtige Berichterstattung, dass überhaupt die Wahrheit im Ausland bekannt würde …

Sodann habe die militärische Leitung gerade diesen Augenblick gewählt, um nach langer Pause wieder Bomben auf London und Paris abzuwerfen; ein militärisch-strategisch völlig sinnloses Verfahren, das aber den Zweck verfolgte und hätte, den Hass der Proletarier in England und Frankreich gegen Deutschland wieder aufzupeitschen, zumal die deutschen Bomben die Gewohnheit hätten, gerade auf die Frauen und Kinder in den dichtbevölkerten Arbeitervierteln herabzufallen. Unter diesen Umständen sei die am Morgen beschlossene Kundgebung an die Arbeiter der feindlichen Länder von ganz besonderer Wichtigkeit; sie wurde denn auch einmütig in dieser Mathäser-Versammlung beschlossen.“

Eisner verleitet nicht durch suggestive Rhetorik, sondern spricht eher zögernd und zurückhaltend und warnt vor den Folgen des Ausstands. Es ist still im Riesensaal, alle hören aufmerksam zu. Fechenbach erinnert sich, Eisner machte eindringlich darauf aufmerksam, die Streikenden müssten damit rechnen, dass sie ihre Gestellungsbefehle bekämen, wieder in die Schützengräben geschickt würden.“

Dabei deutet Eisner auf Fechenbach. Dieser, auch ein so genannter Reklamierter, habe die Arbeit niedergelegt, sei entlassen worden, sei beim Generalkommando denunziert worden und habe seinen Gestellungsbefehl erhalten.

Sicherheitskommissär Georg Fuchs sagt später aus, Eisner habe gerufen: „’Nun, was wird der betreffende Mann tun?’ Auf diese Frage ertönten aus der Versammlung viele Rufe ‘Nicht folgen! Darauf schloss Eisner: ‘Nun, Sie haben es ja gehört!’“

Inzwischen haben sich sehr viele Soldaten in Uniform eingefunden. Zuletzt spricht Dr. Sarah Sonja Lerch. Der junge Rentamtsinspizient Albert Winter sagt später im Verhör: „Sie erzählte, sie habe einen Zug streikender Frauen gesehen, und knüpfte daran die Aufforderung, die Männer müssten dann doch erst recht den Mut haben zu streiken.“

Diese dritte Versammlung, zu der einige der Aktivisten der inzwischen beendeten Versammlung im Hotel Wagner dazugestoßen sind, und in der auch der Münchner USPD-Vorsitzende, Schreinermeister Winter, und der Gefreite Guido Kopp teilnehmen, wird von den Behörden und von den führenden Funktionären der SPD und der Gewerkschaften als „wilde Versammlung“ bezeichnet. Sie ist kurz nach 21 Uhr beendet.

Zur gleichen Zeit spricht der Schlosser Hans Unterleitner im Saal des Schmied-Kochel-Bräu in Sendling vor den Belegschaften der Kraus’schen Lokomotivfabrik und der Gießerei Sugg & Co. In letzterer sind etwa 150 bis 160 Arbeiter beschäftigt.

Unterleitner hält sich sehr zurück; einige Arbeiter finden schon, dass man etwas tun müsse. Zum Ausstand können sie sich aber nicht entschließen.

Zur gleichen Zeit treffen sich die sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten in den Geschäftsräumen der Münchener Post am Altheimer Eck. Landtagsabgeordneter Franz Schmitt: „Der Abgeordnete Auer und ich waren infolge des Verlaufs der Versammlung, die am 31. Januar 1918 stattgefunden hatte, zu der Überzeugung gelangt, dass die Streikbewegung in falsche Bahnen geraten sei. Wir beschlossen deshalb am Abend des 31. Januar in die Bewegung einzugreifen, die Leitung in die Hand zu nehmen, um womöglich die baldige Wiederaufnahme der Arbeit herbeizuführen.“ Damit die Leitung der SPD dies gutheiße, solle sie sich am kommenden Tage treffen.

Während die Versammlungsbesucher den Mathäser und den Kochel-Bräu und Auer und Schmitt die Redaktionsräume der Münchener Post verlassen und nach Hause gehen, gehen Eisner, Sonja Lerch und der Schriftführer der Münchner Zentralstelle des Deutschen Handlungsgehilfen-Verbandes, Richard Kämpfer, noch schnell auf eine Tasse Kaffee ins „Café International“, wie die oppositionelle Münchner Szene das Kaffeehaus National in der Bayerstraße 31 ironisch nennt.

Der harte Kern der USPD will sich an diesem Abend noch im Restaurant Müllerbad in der Hans-Sachs-Straße 8 treffen. Eisner und Kämpfer brechen bald auf, Frau Lerch wartet auf die Straßenbahn, um nach Hause zu fahren. Da begegnet ihr der junge Winter und sie lässt sich überreden, ebenfalls noch zum USPD-Treffen zu gehen.

Etwa zehn bis fünfzehn Personen besprechen hier das weitere Vorgehen. Etwa 8.000 Menschen sind im Ausstand. Das vorherrschende Gefühl ist aber alles andere als euphorisch. So aussichtsreich die Demonstration und die Versammlungen waren, es bleibt der Eindruck der Unentschiedenheit: In der Abend-Ausgabe der Münchner Neuesten Nachrichten heißt es, von 1.800 Streikenden in den Geschützwerken hätten im Laufe des Tages 800 wieder die Arbeit aufgenommen. Ist das wahr oder nur Zweckpropaganda?

Ein erfolgreicher Streik sieht anders aus. Wenn es sich in kürzester Zeit nicht zeige, dass die bei weitem überwiegende Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter über den demonstrativen Charakter einer Kundgebung hinaus entschlossen die Produktion still legen und dies durchhalten könne, dann entstehe Verunsicherung. Zweifel würden laut. Aber es fallen auch Äußerungen, man dürfe jetzt nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Fechenbach sagt, stehen bleiben heiße eigentlich einen Schritt zurückgehen. Wer kämpfe, könne verlieren, wer nicht kämpfe, habe schon verloren. Zudem sei der Kampf nicht nutzlos, auch wenn die Niederlage vorauszusehen ist. Erstens könne der Kampf eine Katastrophe abfedern und ihr zumindest die Spitze abbrechen, zweitens sei dieser Kampf für uns keine Spekulation, sondern die Erfüllung einer Pflicht. Schon dafür seien wir dankbar.

Wenn unsere Aktion fragwürdig wäre, hätten wir sie vermieden. Wenn wir verlieren, dürfen wir uns von unserer Trauer und unserm Leiden nicht loskaufen, indem wir unsere Unschuld verraten.

Für kurze Zeit sind auch Frau Lerch, die Albert Winter begleitet hat, der Dichter Ernst Toller und der Werkzeugdreher Carl Kröpelin bei dieser Sitzung. Kröpelin muss gleich wieder gehen; spätestens um 23 Uhr hat er sich an seinem Schlafplatz in der ehemaligen Höheren Töchterschule in der Luisenstraße 7 einzufinden. Wie er auf die Straße tritt, bemerkt er, dass zwei Männer, beide mit steifem Hut bedeckt und mit einem Regenschirm unter dem Arm, schräg gegenüber vom Müllerbad angelegentlich die Neuankündigungen des Hans Sachs Lichtspielhauses studieren. Das Kino in der Hans-Sachs-Straße 7/Ecke Ickstattstraße – heute heißt es Arena – verspricht unter neuer Leitung die „Vorführung erstklassiger neuer Lichtschauspiele wie Dramen, Humoresken, Naturaufnahmen usw. Wochentags besondere Einlagen. Billige Preise. Gut gelüftetes Lokal.“

Kröpelin schaut nach links Richtung Müllerstraße und sieht, wie auf der gegenüber liegenden Straßenseite zwei Häuser weiter sich zwei Männer in eine Toreinfahrt drücken. Bei der ersten Straßenlaterne in der Ickstattstraße genau gegenüber steht ein Mann und von der Westermühlstraße her schlendert ein Mann ebenfalls sehr unauffällig auf dem hiesigen Bürgersteig daher.

Kröpelin geht noch einmal ins Lokal zurück und warnt die Versammlung vor den sechs Geheimen. Eventuell seien es auch mehr. Bis jetzt habe man die „Schmachtfetzn“ [Dramen, die auf die Tränendrüsen drücken] ja im Lichtspieltheater verfolgen können, nun werde ein Drama vielleicht Wirklichkeit.

Die Buchhalterin Betty Landauer sagt leise: „Und merkt Euch eins: Wenn Euch jemand als Vaterlandsverräter beschimpft, dann sagt, das machen wir im Interesse der ganzen Menschheit und damit auch in Deinem Interesse und damit im Interesse des Vaterlands. Wir sind keine Werkzeuge eines deterministischen Ablaufs, der alles mit purer Mechanik umgreift. Es gibt Dinge, deren Duldung zu verweigern wir nie aufhören dürfen, verstanden?“

Eine Viertelstunde später sind die Aufgaben für die kommenden Tage verteilt, wer in welchen Versammlungen wo reden wird, wer Flugblätter verteilt, und dann ist die Besprechung beendet. Eisner geht vor zum Sendlinger-Tor-Platz, um dort in die Straßenbahn zu steigen. Er will nach Hause in sein Häuschen in Großhadern, aber die letzte „18er“ ist schon weg. So geht er weiter in das Hotel Reichshof in der Sonnenstraße 15, in dem er schon die letzte Nacht verbracht hat. Mehrmals sieht er sich um, aber seine Verfolger sind geschickt, stellen sich blitzschnell in einen Hauseingang oder verdrücken sich hinter einer Straßenecke.

Im Hotel bucht er ein Zimmer im Erdgeschoss und geht dann noch in den ersten Stock hinauf. Hier haben sich im Zimmer Nr. 111 der Dichter, Maler und Privatgelehrte Raoul Heinrich Francé, sein Sohn Walter und Annie Harrar, die Raoul 1923 heiraten wird, eingemietet. Eisner und Francé planen schon seit längerem eine Enzyklopädie der menschlichen Naturgeschichte. Sie soll „Urkunden der Menschheit“ heißen.

Annie Harrar und Raoul Francé interessiert vor allem, ob der Mensch sich infolge des Zivilisationsprozesses von seinen natürlichen Grundlagen fortbewegt und damit die als selbstverständlich vorausgesetzten, sich immer wieder austarierenden Gleichgewichte in den Verhältnissen zwischen den Menschen und den verschiedenen Pflanzen- und Tierarten stören oder gar außer Kraft setzen kann. Falls ja, wird der Mensch seine eigene Lebensgrundlage zerstören? Bricht hier die Gesetzlichkeit der Zivilisation die Naturgesetze, indem sie die tierischen Instinkte des Menschen lähmt?

Oder noch besser: Hat die Zivilisation die ursprünglich sinnvoll agierenden, tierischen Instinkte des Menschen so transformiert, dass er in der Menge wie eine amorphe Masse knetbar wird, wenn einer kommt, der die Voraussetzungen zum charismatischen Führer und „Mann der Tat“ mitbringt?

Gustave Le Bon, dessen „Psychologie der Massen“ auf deutsch 1908 erschienen ist, betont ja, dass, wer Einfluss auf gleich-gültige Massen nehmen will, nicht auf wissende Wahrheit, Vernunft und Logik, sondern auf das glaubende Unbewusste und seine Täuschungen setzen solle, dass er in seinen Reden der Macht seines Willens Ausdruck zu verleihen hat und dass er lautstark mit simpler Behauptung, penetranter Wiederholung und Übertragung seine Anschauung der Welt zur allgemeinen Anschauung in der Masse festklopft.

Während die vier Tee trinken, erzählt Eisner seinen Freunden, was er an diesem Tag erlebt hat. Noch ist er ganz erfüllt von den Ereignissen, aber dann löst er sich und wendet sich seinen Gastgebern zu.

Er fragt, ob es in den Konsequenzen bedenklich ist, bei Menschen, die in Massen auftreten, ein instinkt- und naturgemäßes Verhalten anzunehmen, das die nüchterne Ratio überlagert? Massen lassen sich führen und verführen, ihr Verhalten unterliegt Gesetzen, die zu wirken beginnen, wenn die Summe der Individuen eine andere Qualität erfährt als lediglich die der Addition.

Können diese Gesetze ebenfalls als Naturgesetze gelten? Vielleicht gerade deshalb, weil der im „Gefängnis Gesellschaft“ domestizierte Mensch allein konventionell gesetzte Regeln befolgt und sich dem Zivilisationskanon unterwirft, in der Masse aber die Verhaltensfesseln abstreift und ab einem genauer zu bestimmenden Zeitpunkt zum „Tier“ werden kann?!

Eisner fragt, ob Aussagen darüber getroffen werden können, wie viel Zurichtung der Mensch wie lange benötigt, bis der Firnis angelernter Sozialtechniken so ausgehärtet ist, dass der eigentlich „natürlich“ vorhandene Wunsch nach Eigenbewegung von dieser gepanzerten Rüstung verhindert wird? Er fragt den Naturwissenschaftler, wieso er, Eisner, offenbar die Fähigkeit besitzt, sein eigenes Ich in Frage zu stellen, eigene Irrtümer zuzugeben und letztlich das eigene Ich relativieren zu können, während die Choreographie des Denkens, Handelns und Fühlens seiner sozialdemokratischen Gegenspieler einem einfachen, vorhersehbaren und starren Muster entspricht?

Und ist es nicht so, dass die einen versuchen, verantwortlich damit umzugehen, wenn sie dem „dunklen Fühlen“ der Massen Ausdruck verleihen, während andere geleitet von durchaus verheerenden Motiven mit den Gefühlen der Massen spielen wie Paganini mit seiner Geige?

Annie Harrar und Raoul Francé gelten als frühe Vordenker einer ökologischen Weltsicht. Sie sehen auf die Gesetze der Eigenbewegungen in der Natur und nehmen wahr, wie problematisch Eingriffe von außen diese Eigenbewegungen verändern, stören oder stoppen.

Übertragen auf die menschliche Gesellschaft hieße das: Solange die Arbeiterinnen und Arbeiter „organisiert werden“, verzichten sie auf schöpferische Tätigkeit, erst wenn sie sich selbst organisieren, finden sie zur kreativen Tat und machen Geschichte.

Eisner meint lässig, das könnte das entscheidende „Naturgesetz“ der menschlichen Art beschreiben.

Inzwischen sind immer wieder Schritte auf dem Gang zu hören. Walter Francé schaut nach, sieht aber niemanden. Dann klopft es nach 23 Uhr an der Tür. Der Hotelkellner entschuldigt sich vielmals für die späte Störung und meint, unten in der Eingangshalle seien zwei Herren, die Kurt Eisner sprechen wollen.

Eisner erinnert sich: „Ich ließ nach ihrem Namen fragen. Da waren die zwei schon selber im Zimmer, entschuldigten sich sehr höflich und bedauerten, mich ins Polizeipräsidium führen zu müssen. Ich trank behaglich meinen Tee aus, aß ein Gänseschmalzbrot dazu (welch letzter Leckerbissen!) und folgte den melancholisch sanften Herren, die ihr unangenehmes Geschäft recht menschlich vollführten; ich machte sie sogar aufmerksam darauf, dass ich eine Aktentasche hätte, die ich zur Verfügung stellte (und die dann einer meiner Begleiter unter den Arm nahm). Ich zahlte, am Spalier des Hotelpersonals vorbeischreitend, unten noch meine Rechnung. Da das erwartete Auto noch nicht eingetroffen, gingen wir – die zwei hatten sich wohl auf 5 oder 6 vermehrt – zu Fuß. Nach ein paar Schritten kam uns ein grellblitzendes feudales Auto entgegen. Das Auto hielt auf Anruf. Ich stieg hinein; es war das Auto des Polizeipräsidenten. Im Wagen stellte sich mir ein jüngerer, hagerer Herr, dessen dünne knorrige Finger mir auffielen, liebenswürdig vor: Ein Polizeiassessor Dr. Streber. Der Herr eröffnete die Unterhaltung, indem er nicht ohne Stolz meinte: Die Polizei sei doch gut unterrichtet; man hätte gewusst, dass ich seit mehreren Tagen im Hotel wohnte. Ich musste das Triumphgefühl ein wenig dämpfen: Es sei ein bloßer Zufall, dass man mich im Hotel erwischt hätte, in dem ich übrigens nur eine Nacht gewohnt hätte, ich hätte nur den letzten Straßenbahnwagen versäumt, man sei also ungenügend unterrichtet gewesen …“

Nach Eisner werden auch alle anderen Streikaktivistinnen und Aktivisten noch in der Nacht, am nächsten Tag oder in den folgenden Wochen verhaftet. Und der Streik wird unter Führung der SPD abgewürgt. Wenn Ihr mehr wissen wollt, müsst Ihr Euch etwas gedulden. Wenn alles gut geht, erscheint ein Buch über den Januarstreik Ende diesen Jahres.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.