Kandlbinder Schorsch

Dies haben die Herren Arbeit-
geber bis heute nicht vergessen

Einer den weder die Sozialdemokraten noch die Revolutionsromantiker auf der Liste stehen haben, ist einer von denen, die mit Herz und Energie in den Rätegremien gearbeitet haben, und für ihren Einsatz verraten, verfolgt und vergessen wurden.

Georg Kandlbinder wurde am 02. April 1871 zu Lethen in der Gemeinde Tiefenbach bei Passau als Sohn einer kleinbäuerlichen Familie geboren.  Da es zuhause wie bei so vielen seiner Klasse nicht reichte, musste er im Alter von 13 Jahren sein Elternhaus verlassen, um sich selber sein Brot zu verdienen.
Nach mehreren Jahren auf verschiedenen Höfen, wechselte er zur Eisenbahn und erlernte danach das Brauerhandwerk. Bei einer täglichen Arbeitszeit von 10 bis 15 Stunden und das in einer 6 Tage Woche, lernte er so schon als Jugendlicher das Schicksal als Arbeiter kennen.
Brauer waren damals überwiegend nur als Aushilfen beschäftigt und daher war er auf Arbeitssuche  in München, in Österreich, der Schweiz und Württemberg unterwegs. Im Herbst 1896 nahm er endgültig seinen Wohnsitz in München und wurde von der damals noch kleinen Thomasbrauerei eingestellt. Dort kommt er auch mit der Arbeiterbewegung in Kontakt und wird aktives Mitglied der Gewerkschaft und der Sozialdemokratie.
Er wird in den Vorstand des  Konsumvereins Sendling gewählt, Sektionsführer der SPD im Schlachthofviertel, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Ortskrankenkasse und Armpfleger der Stadt München. Verankert und anerkannt in seinem Viertel, einer den auch seine sieben Liter Freibier am Tag nicht umwarfen.

Mit der Revolution wird er von seinen Kollegen in den Münchner Arbeiterrat gewählt und zweiter Vorsitzender. Der Rätekongress im Dezember 1918 wählte einen Vollzugsrat, der dem Gesamtministerium zur Seite gestellt wurde. Einer der Münchner der dafür gewählt wurde war Georg Kandlbinder. Wegen seiner Kenntnisse in der Lebensmittelbeschaffung, wurde er verantwortlich für den Bereich der Lebensmittelkontrolle. Ab da durfte er, statt ein anständiges Bier zu brauen, schauen wie er Schiebern und Schleichhändlern das Handwerk legte. Als Mitglied des Vollzugsrates gehörte er auch dem provisorischen Nationalrat an.
Von praktischem Sinn, wie er war, wurde er als Verhandlungsführer ernannt um in der Bauindustrie eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von 48 auf 44 Stunden durchzusetzen. Über den erfolgreichem Abschluss sagt er Jahre später: „Dies haben die Herren Arbeitgeber heute noch nicht vergessen und es wird mir bei Gelegenheit immer wieder Vorhalt darüber gemacht“.
Nach dem Mord an Kurt Eisner und der Machtübernahme durch den Zentralrat, dem auch Kandlbinder angehörte, fasst er treffend das Dilemma zusammen: „Der Rätekongress ist zusammengetreten, eine Regierung war nicht vorhanden, so dass wir die ganze Macht hatten, aber damit nichts anfangen konnten.. die neugebildete Regierung Hoffmann hatte nichts zu reden, befohlen hat der Zentralrat“.
Die Lage schaukelte sich dann hoch, bis die Ausrufung der Räterepublik dank der Augsburger Arbeiter vor der Münchner Haustür stand. Dann kam die legendäre Nachtsitzung am 04. April 1919 bei der die beteiligten SPD Minister versprachen sich für die Räterepublik einzusetzen. Es wurde beschlossen Delegierte nach ganz Bayern auszusenden, um die Stimmung dort abzufragen. Nach Nordbayern wurde drei Gruppen in Marsch gesetzt. Georg Kandlbinder, August Hagemeister und Fritz Sauber reisten nach Würzburg und Aschaffenburg. An beiden Orten hielten sie Versammlungen ab, aber zu seinem Glück hockte er sich in den Zug nach München während Sauber und Hagemeister von Aschaffenburg nochmal nach Würzburg fuhren, und dort von den reaktionären Hoffmann Schergen verhaftet wurden.
In München erfuhr er dann vom Verrat der SPD Minister, und nachdem klar war das die Bamberger Regierung mit Gewalt gegen München vorgehen würde, wurde vom Revolutionären Zentralrat die Bewaffnung des Proletariats begonnen. Kandlbinder gehörte der Kommission für Volksbewaffnung an und organisierte die Abgabe der Waffen, soweit vorhanden. Auf die Frage Ernst Tollers wie es um die Volksbewaffnung stehe, schilderte Kandlbinder die Situation: „Man müsse die traurige Tatsache konstatieren, das mit dem besten Willen keine Gewehre herausgegeben werden könnten, weil nicht da sei. Man müsse sehen, ob man anders woher Waffen bekomme; denn mit mit Holzprügeln und Besenstielen könne man nicht durchbrechen…“
Wie nötig die Bewaffnung der Arbeiter war, zeigte schon der nächste Tag. Es war der Palmsonntag, der Tag des Putsches der sozialdemokratischen republikanischen Garde. Auf der Jagd nach dem Revolutionären Zentralrat verhafteten die Konterrevolutionäre alles was ihnen vor die Flinte kam. Fritz Soldmann, Georg Kandlbinder, Erich Mühsam, Arnold Wadler, Otto Killer und 8 weitere Räterepublikaner. Mit einem Sonderzug wurden die willkürlich Verhafteten ohne Anklage nach Ebrach gebracht und in dem Eiskeller eingekastelt.
Während die Rote Armee gegen die reaktionären Reichstruppen und Freikorps kämpfte, kämpften die in Ebrach inhaftierten mit der Klassenjustiz und der Gefängnisverwaltung.

Erst am 30. Mai durfte der Georg Kandlbinder Ebrach verlassen. Am 07. Juli begann dann sein Prozeß wegen Hochverrats vor dem Standgericht Au. Dank der Aussagen seiner Gewerkschaftskollegen wurde er am 12. Juli 1919 freigesprochen.

So sehr man sich natürlich freut, das der aufrechte Gewerkschafter glimpfich mit 6 Wochen Haft davon gekommen ist, schließlich ist Hochverrat nichts was mit 2 Stunden Eckerl stehen bestraft wird, so bleibt natürlich der Verdacht das die Hoffman Regierung die im ganzen Land angeklagten Sozialdemokraten ohne Strafen davon kommen ließ um die SPD als Opfer der Räterepublik darstellen zu können. Auch in vergleichbaren Fällen (Göpfert – Rosenheim, Ulrich – Burghausen) kamen die Sozialdemokraten im Gegensatz zu den Unabhängigen immer gut davon.

Nach seinem Freispruch nahm Kandlbinder seine Tätigkeiten in der Gewerkschaft und Genossenschaft wieder auf. Nach seinen Erlebnissen mit der Windfanderl Gesinnung der Sozialdemokraten übernahm er, obwohl er Mitglied der SPD blieb, kein Amt in der Partei mehr.
1933 krampfelten ihm die Faschisten alle Ehrenämter und er verstarb im Rechts der Isar am 15. November 1935.

Fazit

Einer der schon früh die Pappn aufgemacht hat und schon Gewerkschafter war, bevor er überhaupt dabei war. Der in sein Viertel gehörte, den die Leute mochten und der die Leute mochte. Der Zeit seines Lebens ohne Gschaftlhuberei für die Arbeiter in seinem Umfeld da war. Kein brillanter Redner aber einer der etwas zu sagen hatte, der mehr am 8 Stunden Tag als am Griff nach den Sternen interessiert war.

Weiterführende Literatur

Knauer-Nothaft, Christl: Georg Kandlbinder – Sozialdemokrat. Revolutionär. Verfolgter
Mühsam, Erich: Tagebücher