Zweimal Münchner Rätekino

von Thomas Brandlmeier

Wir müssen uns zur Sozialdemokratie flüchten,
selbst wenn wir ihre wirtschaftlichen und taktischen
Grundanschauungen nicht teilen.
(Kurt Eisner)

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer,
ging im Revoluzzerschritt,
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ich revolüzze!
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten auf der Straßen Mitten
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehn.
Lasst die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!

Doch die Revoluzzer lachten
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben,
nämlich wie man revoluzzt
und dabei noch Lampen putzt.

(Vorgetragen von Wolfgang Neuss in der Rolle von Erich Mühsam)

Auf ROSSIJA 1 läuft im Herbst 2017 eine Seifenoper. Farbfilm in Serie und im besten period-Stil. Thema: Lenin und die Oktoberrevolution. Ein wahrlich starkes Stück. Immer, wenn Lenin nachdenkt, ertönen Wagneropern, die die Größe seiner Gedanken unterstreichen. Die kapitalistischen Imperialisten aus Europa und Amerika werden mitten im Ersten Weltkrieg zu den vereinten Feinden des russischen Imperiums. Nur die Schönheit nackter Frauen ist schon richtig klassenlos. Und die Bombenwürfe der Anarchisten sind wesentlich eleganter als Selbstmordattentäter. Nur kriminelle Oligarchen bewegen sich sonst in solchen Milieus der seriellen Ästhetisierung. Nachahmung unerwünscht. Immerhin konnte man 1938 noch sehen, wie Lenin auf dem Lande, ganz Bauer wie er war, mit der Sense eine Wiese mäht, während Stalin die Revolution organisiert und den Startschuss gibt (VELIKOE ZAREVO).

Nun ist die mediale Aufbereitung von Geschichte immer eine Bearbeitung. Und nie zweckfrei. Shakespeares Historiendramen spiegeln die fortschrittlichen Diskurse im Elisabethanischen Zeitalter und Schillers Geschichtskolportagen wurden im revolutionären Frankreich mit Begeisterung aufgenommen. Wir wollen uns hier mit weniger weltbewegenden Personen befassen. Eisner, Toller, Leviné und andere im Bild zweier Fernsehfilme von Peter Zadek und Hellmuth Ashley.

1969, sozusagen zum Fünfzigjährigen der Ereignisse, entsteht beim WDR Zadeks ROTMORD nach dem Stück ‚Toller. Szenen aus einer deutschen Revolution‘ von Tankred Dorst. Die Leitung des Fernsehspiels beim WDR hat seit 1965 der legendäre Günter Rohrbach. Der Zeitgeist weist nach Links. Kritische Intellektuelle sind gerade dabei in Deutschland eine Diskurshoheit für den linken Flügel der Sozialdemokratie zu erkämpfen. In diesen Kontext gehört auch der ZDF-Film DIE MÜNCHNER RÄTEREPUBLIK von Hellmuth Ashley, 1971 nach einem Buch von Hellmut Andics entstanden. Was immer man an den Projekten kritisieren kann oder muss, es handelt sich um Werke von Leuten, die zu den historischen Ereignissen in kritischer Sympathie standen.

Die damalige Studentengeneration fand erst über den Umweg der Tagespolitik zur Befassung mit einer anderen Historie. Da gab es z.B. die berühmtberüchtigte ‚Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung‘, regalfüllend, oder die gleichnamige Kompaktversion von Helga Grebing, aber auch mediale Umsetzungen wie diese TV-Filme. Später haben dann Enno Patalas im Münchner Filmmuseum und die ökolibertäre Mannschaft vom Münchner Werkstattkino die erhaltenen Filmdokumente von 1918/19 gezeigt. Im Werkstattkino stand noch Jahrzehnte der ausgestopfte Rabe rum mit dem Schild ‚Die revolutionären Ereignisse 1918/19‘.

Einem Film, der keine Dokumentation ist, steht natürlich ein weites Spektrum der Bearbeitung zu. Die berechtigte Frage kann nur lauten, welches Gesamtbild wird entworfen. Eine Dramatisierung ist keine Forschungsarbeit. Die Filme greifen auf gut erschlossenes Material zurück, das teilweise auch im O-Ton Verwendung findet. Da haben beide Versionen auch Schnittmengen. Es kann auch kein Rezeptionsansatz sein, die Darstellung jeder Person und jedes Ereignisses auf Exaktheit abzuklopfen. Es sei denn, wir haben es mit parteiischer Verzerrung zu tun.

Der Vorwurf der parteiischen Verzerrung betrifft allenfalls die Person von Leviné. Bei Zadek ist er wie ein Schachterlteufel inszeniert, bei Ashley als Klischeebolschewik. Dass mit dem Auftritt von Leviné auf der revolutionären Bühne in der Tat eine neue Phase einsetzt, ist sicher unbestritten. Ob dadurch die Räterepublik noch ein Weilchen gerettet wurde oder ob er ihr den letzten Rest gegeben hat, ist eine bekannte Debatte. Eine Wenn-Und-Aber-Debatte – Was wäre ohne Leviné gewesen? – ist aber eine unzulässige Geschichtsbefragung, die letztlich ins Absurde führt: Wie sähe die Welt aus ohne den Zweiten Weltkrieg?

Dass es in der Räterepublik auch Frauen gab, die eine wichtige Rolle spielten, ist ein bisschen komisch mitverwurstet. Ashley macht aus Levinés Frau, die mit einem zweijährigen Balg voll beschäftigt war, ein Flintenweib. Zadek macht dasselbe mit Tollers Olga. „Wenn man euch (Pensionatstöchter) in die Politik lässt, dann … rennt ihr gleich mit dem Messer los.“ Zadek komprimiert die Ereignisse so knapp, dass für Differenzierungen eh kein Platz bleibt. Dr. Lipp ist ein expressionistischer Irrer, der wie Mabuse und Caligari die Wände bekritzelt. Dem Genossen Papst schickt er Telegramme in den Petersdom und der flüchtige Ministerpräsident Hoffmann hat seinen Abortschlüssel geklaut. Wolfgang Neuss spielt sich selbst als Mühsamen Hofnarren der Revolution. Silvio Gesell erscheint wie ein Prophet der Inflation. Landauer gibt den Berufspazifisten, Reichert ein schnoddriges Stehaufmännchen. Ansonsten Bauerntheater, Gandorfer, Egelhofer, Paulukum. Gandorfer, der Vertreter der Bauernbündler, schafft es nicht einmal die Versorgung sicher zu stellen. Die Räterevolution als Kasperltheater.

Ashley erweckt den falschen Eindruck einer differenzierenden Darstellung. Jeder bekommt einen Auftritt wie in der Nummernrevue, aber es ist fast egal, was man wem in den Mund legt. Diese Münchner Räterepublik erscheint wie der tragische Nachhall von Fichte: Die Welt als Wille und Vorstellung. Ashley ist überfordert, was Zadek in seiner radikalen Form elegant umschifft. Wie viele, schwer deutsche Vorfälle passen in diese kurze Zeit, wie viele Trauerspiele und Schicksalstragödien?

Da werden weltverbesserische Literaten zu revolutionären Ministern. Da wird mitten in der Revolution andauernd geputscht. Da muss ein Stückeschreiber mit militärischer Bühnenerfahrung eine Feldschlacht bei Dachau schlagen. Bei Androhung des Standrechts sollen die Bürger ihre Waffen abgeben, aber (fast) keiner gibt sie ab. Dann werden die Mitglieder eines faschistischen Intelligenzlerclubs als Geiseln genommen, aber nur, damit sie verwendungswidrig erschossen werden. Und das alles, während der Abschaum des untergegangenen Reichs mit sozialdemokratischer Erlaubnis und in Form von Freischärlern anrückt und wahllos alles über den Haufen schießt, was sich bewegt, seien es rote Sanitäter in Starnberg oder ein katholischer Gesellenverein in München, der nach dem dritten Bier vielleicht Sympathien für die Revolution empfindet, oder jede Menge Zivilisten, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, jemandem ähnlich sehen oder sonst irgendwie verdächtig sind.

Angesichts dieses Dilemmas ist die Knallchargenlösung von Zadek wohl der intelligentere Versuch, sich dem Thema irgendwie ästhetisch zu nähern. Alles ist unscharf, verwackelt, durch Negativ-Positiv-Überlappung verdreckt und aus extremen Perspektiven gefilmt. Reden, Dispute, Cabaret, antisemitische und faschistische Schweinereien, Zeitzeugen und Zeitorte, Gegenwart und Vergangenheit, Dokumentarisches und Inszeniertes, Off-Töne aller Art, Grafiken, Inserte, alles wild durcheinander kollagiert. Ein Mummenschanz in vier Akten.

Der erste Akt fehlt bei Zadek: Am 8. November 1918 proklamiert Kurt Eisner den Freistaat Bayern. Ein Filmdokument zeigt die Kundgebung vom 9. November auf dem Oberwiesenfeld, eine unüberschaubare Menschenmenge. Und die Meßter-Woche bringt wenig später „Bilder von der Volksbewegung in München“; es wirkt so, als würde das Leben nur noch auf der Straße und in den Bierhallen stattfinden. Die Kamera fährt mit der Straßenbahn, die Gewehrläufe hängen unmilitärisch nach unten. Ein Bierwagen kurvt durch den Herbstnebel. Ein Bub tätschelt ein Maschinengewehr und wird von den Soldaten weggeschubst. Schnipsel davon verwendet Zadek als Zwischenschnitte.

„In München war die Widerlegung der Argumente der Linksparteien durch Tötung derer, die sie propagierten, besonders beliebt. Führer der Münchner Revolution am 7. November des letzten Kriegs­jahrs war ein gewisser Kurt Eisner, ein in Berlin geborener jüdischer Schriftsteller. Am 21. Februar des nächsten Jahres, nachdem dieser Eisner als Ministerpräsident in Bayern Ordnung geschaffen hatte, schoss nach der Lektüre klerikaler Zeitungen ein junger Leutnant, ein gewisser Graf Arco, ihn nieder“ (Lion Feuchtwanger). Eisner, in seinem Bemühen den rechten und linken Flügel der Sozialdemokratie zu integrieren, war die Symbolfigur der bayerischen Revolution. Eisners Beerdigung mobilisierte eine 100.000köpfige Menschenmasse, ein schneeloser Spätwinter, die Bergknappen aus Penzberg und Peißenberg waren extra angereist. Filmdokument: „Die Feierlichkeiten anlässlich des Begräbnisses von Kurt Eisner“.

Die große Rede auf der Theresienwiese hält bei Zadek Toller. Gleich darauf ist Toller Vorsitzender des Zentralrats. Er residiert, beinahe wie Marat, in einer Badewanne. Die faschistische Interpretation der Ereignisse, die Hitler den Weg gebahnt haben sollen, rahmt den Film. Die Deutungshoheit der Sieger. Ansonsten starke Abweichungen von Dorsts Stück, das vergleichsweise strukturiert ist.

Über die Version von Ashley ist viel Boshaftes gesagt worden, dem ich nichts hinzufügen will. Melchior Schedler spricht von „dramaturgischem Anarchismus“ mit „Schnauf- und Dröhn-Arien“ und Walter Jens formuliert etwas akademischer: „Die Politik: ein schmutziges Geschäft. Die Geschichte: eine Mischung aus Genre-Szenen und unbegreifbarer Fatalität.“ Man darf dem Film zugutehalten, dass Eisner als historische Figur ordentlich eingeführt wird. Als die Geschichte eigentlich ihrem Ende zusteuert, muss der depperte Graf Eisner erschießen und gibt den Startschuss für das revolutionäre Durcheinander, das die biedere Regie Ashleys völlig überfordert.

Was bei alledem in keiner Version vorkommt, ist der Hauch von Weltgeschichte, der über diesen tragikomischen Vorfällen liegt. Leviné und mit ihm die gut organisierten Kommunisten steigen erst im dritten Akt in das Geschehen ein. Beide Versionen sind da nicht sehr freundlich. Leviné bezweifelt die revolutionäre Situation, aber hat offenbar einen Auftrag. Ein Preuße, der im Mathäser-Bierkeller bei den Arbeitern und Soldaten nicht gut ankommt. Ein Mann mit Russland-Erfahrung ohne Bayern-Erfahrung. Und ein Jude mehr (die Revolutionäre: „Lauter Jidden … und ein Antisemit“). Leviné hält Toller gleich mal vor, dass die wichtigsten Maßnahmen nicht ergriffen wurden und die Maßnahmen, die ergriffen wurden, nicht durchgesetzt wurden. Bei Zadek über die Kommunisten: „Wir wissen alles.“ Und darüber haben sie jetzt abgestimmt. Leviné: „Wir Kommunisten weigern uns an einer Regierung teilzunehmen, deren Führung nicht in unserer Hand liegt.“ Toller wird verhaftet. „In Moskau haben wir mit solchen gefährlichen Narren schnell Schluss gemacht.“

Zur Wiederholung: Leviné kommt mit einem Auftrag. Die Oktoberrevolution ist in einer verzweifelten Lage. Prämisse Lenins war eigentlich, dass nach der Katastrophe des Weltkriegs die Revolution in Europa kommen muss und erfolgreich ist. Dann könnte man als Juniorpartner davon profitieren und in einem völlig unterentwickelten Land den Sozialismus aufbauen. Eine verhängnisvolle, katastrophale Fehleinschätzung. Leute wie Leviné sollten das Ruder herumreißen. Der handelt nach sowjetischem Vorbild. Die beständige Angst vor der bürgerlichen Bevölkerung wird mit Entwaffnung, Verhaftungen und terreur bekämpft. Das Münchner Geiseldebakel ist die dilettantische Konsequenz davon. Da ist der bewusste Dilettantismus von Mühsam erheblich sympathischer: „Nach Blut ist nicht mein Degen geil/Ich huste drauf im Gegenteil.“

Das Scheitern der Revolutionsversuche in Europa verschärfte die Situation in Russland dramatisch. Man musste jetzt irgendwie versuchen in einem Agrarland einen Sozialismus aufzubauen. Wie gewaltig der Rückstand war, wird manchmal blitzlichtartig beleuchtet. KUHLE WAMPE (von Dudow und Brecht, 1932) gilt als der lupenreine sozialistische Vorzeigefilm aus Deutschland. Als der Film in sowjetischen Großstädten anlief, stieß er auf völliges Unverständnis. Ein junger Mann, steinreich (er besitzt ein Fahrrad und eine Armbanduhr), begeht Selbstmord. Warum, wieso, völlig unverständlich. Deshalb muss Lenin 1938 auch zum Mushik werden, der mit der Sense eine Wiese mäht.