Buchrezensionen

Zum Thema Revolution sind eine Reihe Bücher erschienen,
von hoch
interessant bis Ärgernis.

Volker Weidermann: „Träumer“, Köln 2017,
Verlag Kiepenheuer und Witsch

Vorab Hans Magnus Enzensbergers Lob auf der Umschlagrückseite: „Lustig, aufregend, viel Neues, tolle Recherche …“.

  • Lustig? Weidermann macht sich zwar über die Protagonisten der Revolution von 1918/19 lustig, allerdings wird’s Enzensberger wohl kaum so gemeint haben.
  • Aufregend? Man kann sich in der Tat über Weidermann aufregen, aber auch das hat Enzensberger gewiss nicht gemeint.
  • Viel Neues? Wirklich nicht!
  • Tolle Recherche? Lachhaft!

Neu mag das Buch für Leute sein, die Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene“ ebenso wenig gelesen haben wie Tollers „Jugend in Deutschland“, neu auch für jene, welche die Hochnäseleien eines Thomas Mann oder eines Josef Hofmiller etc. nicht kennen, von sonstiger Literatur gar nicht zu reden.
Weidermann nun hat einiges gelesen. Und das verwurstet er zu seinen „Träumern“. Als „Konjunkturschreiber“ (Ulrich Dittmann) verzichtet er auf Anmerkungen und Register, lediglich eine nicht gerade ausführliche „Bücherliste“ gibt es. Alles ist irgendwo abgeschrieben und mit spöttelnder Prosa garniert: so finden wir den „bärtigen, guruhaften Landauer“, der bald zum „Oberträumer“ avanciert. Kurt Eisner ist „der andere bärtige Guru“ und die Revolutionsfeier im Münchner Nationaltheater wird als „Religiöser Festakt“ denunziert.
Kurt Eisners Gedicht „Gesang der Völker“ mag ja nicht zu den Höhepunkten Deutscher Lyrik gehören, aber „Zukunftslied des sozialistischen Märchenkönigs“??
Mit den Königen hat’s Weidermann überhaupt: so steigt Landauer „würdevoll wie ein neuer König aus seiner Equipage“ und bei Eisners Begräbnis wird der „erste König dieser neuen … Zeit zu Grabe getragen“. Ernst Toller betrachten seine Zeitgenossen laut Weidermann als „Zauberkönig“, zwei Seiten weiter als „Volkskönig“ und schließlich als „neuen König von Bayern“.
Wie mag den Revolutionären wohl zumute gewesen sein, als die von der SPD losgelassenen Weißen Truppen anrückten? Weidermann weiß es: „Angst, Panik, Hühnerhaufen“. Angst und Panik reichen ihm nicht, es muss auch noch der Hühnerhaufen sein.
Genug, mein Fazit lautet: Prädikat wertlos! Das Buch ist schlicht ärgerlich und man fragt sich, weshalb Weidermann sein Machwerk statt „Träumer“ nicht gleich „Spinner“ genannt hat. Für alle, die sich halbwegs mit den Geschehnissen von 1918/19 auskennen, ist die Lektüre vollkommen überflüssig. Und jene, die sich eher nicht besonders auskennen, sind z. B. mit einer anderen Neuerscheinung, nämlich „1918“ von Joachim Käppner (München, 2017), besser bedient.
Abschließend ein Hinweis auf die ausführliche „Träumer“-Rezension von Michael Pilz: „Revolution als Reader’s Digest“ (http://literaturkritik.de, Archiv/Frühere Ausgaben/Januar 2018). Dort ist alles enthalten, was an Weidermanns Buch kritisiert gehört, auch wenn Thomas Anz in der selben Ausgabe der „Literaturkritik“ Pilz – vielleich nicht ganz zu Unrecht – entgegen hält, dass dessen Rezension nicht zwischen literarischer und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung unterscheide.

Bernd Schröder