Albert Daudistel

Revolutionär und „Flüchtlingskommissar“ in Text und Wirklichkeit

von Jonas Bokelmann

 

Mitte der 1920er Jahre, als es noch kaum literarische Darstellungen der revolutionären Vorgänge um 1918 gab, erfuhr Albert Daudistel für eine Weile größere Aufmerksamkeit als Verkörperung und einer der ersten Chronisten der Epoche zwischen Matrosenrevolte und Rätebewegung.

Noch im Laufe seiner Haftzeit, zu der er auf Grund seiner leitenden Funktion im „Zentralkommissariat für politisch Verfolgte und auswärtige Revolutionäre“ während der Bayerischen Räterepublik verurteilt worden war, war Daudistel, von Mithäftling Ernst Toller am 15. September 1920 der Leipziger Volkszeitung als schreibender Arbeiter vorgestellt, in Zeitungen mit Schilderungen von Krieg, Nachkrieg und Revolution hervorgetreten. Diese kurzen Texte, wie auch seine späteren Revolutionsromane und -novellen, sagen mit Sicherheit mehr darüber aus, wie Daudistel sich und seine Rolle in der Revolution vor dem Hintergrund der fortschreitenden historischen Entwicklung selbst sah und wohin er nach seiner Entlassung 1924 im literarischen Feld der Weimarer Republik wollte, als dass sie Aufschluss über seine wirkliche Rolle im realen Revolutionsgeschehen geben.[i] Auch andere Quellen zu Daudistels Rolle in dieser Zeit sind rar gesät und nicht immer verlässlich, sodass es ein einigermaßen schwieriges Unterfangen bleibt, sich der historischen Person Albert Daudistel in Revolution und Rätezeit anzunähern.[ii]

Fest steht, dass er 1890 als Sohn eines Metzgermeisters in Frankfurt am Main zur Welt kam und sich dem wilhelminischen Geist in Elternhaus und Gesellschaft widersetzte. Einige Dokumente und auch bestimmte Handlungsmotive und formale Besonderheiten seiner Werke legen nahe, dass Daudistel vor dem ersten Weltkrieg einige Zeit und über Ländergrenzen hinweg Vagabund gewesen ist. Seine späteren autobiographischen Skizzen vermitteln dabei den Eindruck einer zwischen diesen Erfahrungen und dem späteren Engagement gegen Krieg und für die Revolution bestehenden Kontinuität.[iii]

Daudistel wurde im ersten Weltkrieg zur Marine eingezogen und es ist aktenkundig, dass er bereits 1915 zu 10 Jahren und einem Tag Gefängnis wegen Meuterei und eines Angriffs auf einen Vorgesetzten verurteilt wurde, von denen er zwei Jahre absitzen musste. Die Schilderung einer solchen Haft im realen Ort Lügumkloster in Schleswig gehört mit Sicherheit zu den eindrucksvollsten Passagen seines bekanntesten Romans „Das Opfer“ (1925). Wenn Daudistel in seinen Kurzautobiographien vor allem die Gültigkeit jener Beschreibungen für den eigenen Lebenslauf betont, so unterstreicht er damit, dass der Entschluss, politisch aktiv zu werden, vor allem in diesen Erfahrungen mit Kadavergehorsam und Unterdrückung jeder persönlich-menschlichen Regung zu suchen ist.

Sebastian Haffner hat in seinem klassischen Werk Die deutsche Revolution 1918/19 den Überdruss weiter Teile der deutschen Bevölkerung an der militaristisch geprägten Gesellschaft während des Wilhelmismus und im Besonderen an der seit etwa 1916 herrschenden Militärdiktatur als eines der Hauptmotive von Novemberrevolution und Rätebewegung bezeichnet und möglichweise ist es ein Grund für die zeitweilige Popularität der Schriftstellerpersönlichkeit Albert Daudistels in den 1920er Jahren, dass jener diesen Motiven in Tat und Wort Stimme und Gesicht verliehen hat. Ein weiteres für Haffner wesentliches Element der Vorgänge zwischen den ersten Novembertagen 1918 bis hin zu den Folgen des sogenannten „Kapp-Putsches“ 1920 ist die Dynamik, mit der sich die revolutionären Prozesse ausbreiteten, und ihr vielfach spontaner und improvisierter Charakter. Auch dies spiegelt sich im Werdegang der historischen Figur Daudistel, soweit dieser bekannt ist.

Nach Polizeiinformationen und nach eigenem späterem Bekunden war er als „roter Matrose“ von Beginn an den Revolten in den Nordseestädten beteiligt. Von Kiel über Braunschweig und Berlin, von Leipzig bis München folgte er zunächst den Stationen der Ausbreitung und dann den Etappen der Niederschlagung der Rätebewegung­ in Deutschland. Welche Rolle er bis zu seiner Ankunft in München Mitte April 1919 genau gespielt hat, ist heute nur noch schwer zu bestimmen. Gegenüber der bayerischen Polizei gab Daudistel an, als USPD-Mitglied in Leipzig sozialistisches Schriftgut verbreitet zu haben, während er 1939 in einem Brief an den sowjetischen Schriftsteller Alexej Tolstoi besonderes Gewicht auf seine Rolle als bewaffneter Kämpfer des Spartakusbundes legte, wobei die unterschiedlichen Blickwinkel der beiden Quellen ihren Grund zum Teil in den jeweils sehr verschiedenen Aussagekontexten haben dürften. Angesichts der sich in der Revolutionszeit in Deutschland überschlagenden Ereignisse und des noch sehr geringen Organisationsgrads der linken Parteien, ist es jedoch durchaus denkbar, dass Daudistel beides war – Kämpfer und Agitator, USPD-Parteimitglied und Spartakist.

Mitglied der Ende 1918 gegründeten KPD scheint Daudistel indes nie geworden zu sein.[iv] Dass er Mitte April 1919, zur Zeit der ‚Zweiten Räterepublik‘ dennoch das Flüchtlingskommissariat übernehmen konnte, lag zunächst darin begründet, dass die Parteikommunisten, wie Köglmeier in seinem Buch über die Rätegremien gezeigt hat, damals zwar die stärkste politische Kraft im neugeschaffenen „Aktionsausschuss“ waren und im fünfköpfigen „Vollzugsrat“ die absolute Mehrheit besaßen, in diesen Gremien jedoch auch stets MSPD- und USPD-Mitglieder sowie Parteilose gesessen haben und beide sich auf die „Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte“ stützen mussten. In all diesen Personenkreisen könnte sein Ruf als Veteran der noch jungen Revolution für Daudistel als ‚Flüchtlingskommissar‘ gesprochen haben.[v] Darüber hinaus gibt es verschiedene Anzeichen dafür, dass seine Berufung nicht zuletzt dem Wunsch Eugen Levínes entsprochen hat und beide sich schon von früheren ‚Etappen‘ von Revolution und Rätebewegung in anderen Teilen Deutschlands her kannten.

Was Daudistels Tätigkeit im Flüchtlingskommissariat betrifft, so ist er demgegenüber (vor dem Hintergrund der reaktionären Standgerichtsbarkeit nach der Niederschlagung der Räterepublik) bestrebt gewesen, gegenüber der Polizei glaubhaft zu machen, dass er – aus sozialistischer Gesinnung und in Distanz zu den Kommunisten – bloß gesellschaftlich notwendige karitative Tätigkeiten verrichtete und dabei verantwortlich mit den ihm anvertrauten Geldern umging. Tatsächlich bestätigten Zeugen sowohl in anklagender als auch in unterstützender Absicht, dass Daudistel nicht nur ausgewiesene Revolutionär*innen mit Kleidung, Wohnung und Geld geholfen habe, sondern allen Bedürftigen (wie etwa Landstreichern oder einzelnen Militärangehörigen anderer am Krieg beteiligter Nationen, die sich nicht aus politischen Gründen in München aufhielten). Die meisten dieser Personen brachte Daudistel im „Hotel Drei Raben“ in der Schillerstraße 6 nahe dem Hauptbahnhof unter und setzte während seiner Amtszeit einen höheren Tagessatz an Unterstützungsgeldern durch. Aus weiterem von der Polizei gesammelten Material geht hervor, dass Daudistel mit seinem Tun jedoch über sein Resort hinaus engen Anteil an den revolutionären Vorgängen nahm, was sich auch mit seiner späteren (Selbst-)Darstellung deckt, er habe die Aufgabe gehabt, bewährte revolutionäre Kräfte nach Bayern zu bringen.

Daudistel unterstützte die Angehörigen von verhafteten Protagonisten der „ersten Räterepublik“ wie Zenzl Mühsam finanziell, meldete anderen Stellen verdächtige Personen, nahm Beschlagnahmungen vor und scheint gefälschte Pässe für den Fall der Niederschlagung der Räterepublik vorbereitet zu haben. Das Gericht, das ihn schlussendlich zu sechs Jahren Festungshaft verurteilte, hielt ihm seine uneigennützige Amtsführung zu Gute, verwendete aber gerade seinen Einsatz für bessere Ausstattung der Geflüchteten gegen ihn. Überhaupt verfing seine Selbstdarstellung gegenüber den Behörden als Menschfreund mit gemäßigter sozialistischer Gesinnung und sozialem Gewissen, der ‚unglücklicherweise in etwas hineingeraten ist‘ und dann versucht hat, das Schlimmste zu verhindern, nicht. Es hatte zu viele Dokumente und bezeugte Situationen gegeben, in denen Daudistel sich als ein an den revolutionären Vorgängen auch emotional Anteil nehmender Aktivist gezeigt hatte, der zudem das Bild eines Heißsporn und Draufgängers abgab, der schon einmal gegenüber Mitstreiter*innen mit dem Revolver herumfuchtelte, um die Auszahlung von genehmigten Flüchtlingsgeldern zu erzwingen.

Das Bild, das verschiedene Zeitzeugen nicht nur für Revolutions- und Räte-, sondern auch für Gefängnis-, Weimarer- und Exilzeit von Daudistel gezeichnet haben, ist das einer komplexen Persönlichkeit, die einerseits immer großen Anteil besonders an Außenseiterschicksalen genommen hat und mit großem Einsatz auch der eigenen Person die Zustände, die diese hervorbracht haben, anzuklagen und gegen sie zu kämpfen bereit gewesen ist, der dabei aber keine Ideengebäude und Institutionen außer der eigenen Person gelten ließ, für Einwände und Kritik kaum empfänglich war. Diese Eigenschaften haben ihn in seinem weiteren Leben nach der Niederschlagung der Räterepublik noch mehrfach zu spontanem Einsatz für Bedrängte befähigt (beispielsweise zu Beginn des zweiten Weltkriegs, als er sich als selbst gefährdeter Exilant auf Island für meuternde deutsche Seeleute einsetzte) und eine politische Zwischen-allen-Stühlen-Existenz im Dunstkreis der linken Berliner Bohème der späten Zwanziger Jahre begünstigt. Auf der anderen Seite scheint dies aber auch dazu geführt haben, dass sich Daudistel, in Zeiten da Prinzipienfestigkeit, Solidarität, Verlässlichkeit und Disziplin besonders geboten gewesen wäre, durch Starrsinn, Besserwisserei und rücksichtloses Vabanquespiel selbst ins Abseits katapultiert und isoliert hat. Dies zeigte sich, wie aus den Mühsamtagebüchern hervorgeht, schon während der Haftzeit nach Niederschlagung der Räterepublik und insbesondere später im isländischen Exil. Er starb 1955 in Reykjavík von seinen isländischen (Flüchtlings-)Helfer*innen meist belächelt und mit dem Gros der anderen, dortigen deutschen Hitlergegner*innen verfeindet.

 

Literatur

Daudistel, Albert: “Das Leben eines Arbeiterdichters” (zuerst in: Die Welt am Abend, 8. Januar 1929), in: Viesel, Hansjörg: Literaten an der Wand, 1980, S. 595-598.

Daudistel, Albert: Das Opfer (zuerst 1925 – online unter: https://nemesis.marxists.org/daudistel-das-opfer1.htm), Berlin/Wien/Zürich: Internationaler Arbeiter-Verlag 1929

Daudistel, Albert: „Der Parlamentär“ (zuerst 1925), in: Sammlung proletarisch-revolutionärer Erzählungen, hg. v. Walter Fähnders, Darmstadt: Luchterhand 1973 (=Sammlung Luchterhand, 117), S. 43–45.

Daudistel, Albert: Die lahmen Götter, Berlin: Die Schmiede 1924 (= Romane des XX-Jahrhunderts).

Fähnders, Walther: “‘Aber diese verfluchten Menschen versagten!’. Albert Daudistels Roman ‚Das Opfer‘ (1925)“, in: “Friede, Freiheit, Brot!”. Romane zur deutschen Novemberrevolution, hg. von Ulrich Kittstein und Regine Zeller, Amsterdam, New York: Rodopi 2009, (=Amsterdamer Beiträge zur Neueren Gerministik, 71), S. 139–162.

Haffner, Sebastian: Die deutsche Revolution 1918/19. Wie war es wirklich?, München: Kindler 1979 (zuerst 1969: Die verratene Revolution).

Kiesel, Helmuth: Geschichte der deutschsprachigen Literatur. 1918 bis 1933. München: C.H. Beck (=Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, 10) 2017.

Köglmeier, Georg: Die zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19. Legitimation – Organisation – Funktion, München: C.H. Beck 2001.

Viesel, Hansjörg (Hg.): Literaten an der Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg 1980.

Viesel Hansjörg/Viesel Karin: „Mit den ‚Waffen des Geistes‘. Ein Porträt des Frankfurter Arbeiterdichters und Revolutionärs Albert Daudistel“, Radiosendung unter Mitarbeit von R.M. Drawe, Hessischer Rundfunk: 05.12.1990.

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[i] Trotz – oder gerade weil – seine ersten Bücher Die lahmen Götter (1924) und Das Opfer (1925) von einem Teil der Arbeiterbewegung und einem Teil der bürgerlichen Intelligenz, die sich damals auf die Suche nach einer neuen, proletarisch-revolutionären Literatur gemacht hatten,  als im positiven Sinne literarisch grobschlächtig und urwüchsig aufgefasst wurden, galt Daudistel als authentische Stimme und lebendiger Ausdruck der Revolutionsepoche. Vor diesem Hintergrund ist er auch in seinen wenigen explizit autobiographischen Texten darauf erpicht gewesen, seine frühen Werke als Schlüssel zur Person ‚Arbeiterdichter und revolutionäres Subjekt Albert Daudistel‘ darzustellen und auch besagte kurze ‚Lebensläufe‘ ganz auf diesen Identitätsentwurf zulaufen zu lassen.

[ii] Das betrifft zum Beispiel die zuerst von Hansjörg Viesel ausgewerteten Polizeiakten, die Protokolle von Aussagen von und über Daudistel enthalten (auf den zwiespältigen Quellenwert solcher damals gegenüber der Polizei nicht nur von Daudistel unter Druck getätigten Aussagen, hat Köglmeier zurecht hingewiesen hat), die Mühsam-Tagebücher, bei denen nicht immer transparent ist, auf welcher Grundlage Aussagen zu Daudistels Leben und Wirken getätigt wurden, und Briefe, die er selbst oft Jahre später in sehr verschiedenen Kontexten über diese Zeit schrieb.

[iii] Einschränkend/ergänzend hierzu Anmerkung i

[iv] Eine Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution, 1929 vom ‚Münzenberg-Konzern‘ herausgegeben, führt Albert Daudistel im Register als parteilosen Aktivisten. Diese Angabe erscheint deswegen glaubwürdig, da Daudistel sie sogar 1939 im Schriftverkehr mit dem etablierten Sowjetschriftsteller Alexej Tolstoi wiederholt. Von diesem sowjetischen Vorzeigeliteraten erhoffte er sich damals Hilfe bei der Veröffentlichung einiger Manuskripten. Wäre er Veteran der Kommunisten Partei und nicht nur – wie er gegenüber Tolstoi bemerkt – des Spartakusbundes gewesen, hätte ihm dies in diesem Zusammenhang sicherlich sehr genutzt. Wäre Daudistel also je Mitglied gewesen, hätte er es in diesem Kontext gesagt.

[v] Wie Einlassungen von Erich Mühsam über den Moment, als er im Juli 1919 in Haft zum ersten Mal auf Daudistel traf, zu erkennen geben, stand jener in dem Ruf, als persönlicher Freund des Kommandanten der revolutionären Volksmarinedevision Heinrich Dorrenbachs an den Kämpfen um das Berliner Stadtschloss 1918 teilgenommen zu haben und sogar einer der Kommandeure gewesen zu sein. In den ersten Erlebnisberichten Dritter über diese Zeit und in den späteren historiographischen Darstellungen findet sich hierfür keine Bestätigung dafür, was jedoch nicht heißt, dass diese Angaben nicht stimmen können, denn die Volksmarinedivision galt zwar als Elitetruppe der Revolution, doch Mitgliederlisten und gut geführte Akten, sind angesichts der Massenspontanität der Novemberrevolution und der Tatsache, dass die Volksmarinedivision ihre Zusammensetzung bis Weihnachten 1918 mehrfach geändert hat, schwerlich zu erwarten. Die Kämpfe um das Berliner Stadtsschloss hat Daudistel nicht nur in Das Opfer, sondern auch in der frühen Erzählung „Der Parlamentär“ thematisiert.