Oberbayern

War da nicht München, dessen Geschichte als Ausrede, als Rechtfertigung, als Ablenkung von allem was außerhalb geschah diente. Natürlich waren die Münchner für den Ausbruch der Revolution entscheidend. Aber eigentlich selbstverständlich, ein Reich stürzt man in der Hauptstadt und nicht in Buch am Buchrain oder in Möhrendorf. So schaffte es der Landesvater Kurt Eisner mit 2000 entschlossenen Arbeitern und Soldaten die Wittelsbacher in einer Nacht vom Thron zu schupsen. Es fand sich im ganzen Oberland Niemanden der bereit war die Monarchie noch mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Die Arbeitergemeinden Rosenheim, Burghausen, Penzberg, Trostberg und andere folgten. In Überschätzung der Sozialdemokratie beanspruchten sie in den ersten Revolutionstagen Kontrolle und Entscheidungsgewalt über die Gemeindegremien. Der größte Unterschied zum Revolutionsverlauf in den anderen Kreisen war, dass in den meisten Städten das Kleinbürgertum an der Revolution beteiligt wurde. Fast überall wurden Volksräte gebildet, in denen neben Arbeitern, Bauern und Soldaten, auch Beamte und Bürger ihren Platz fanden. So kam es tatsächlich dazu, dass sich sogar kirchliche Würdenträger in den Bezirken Bruck und Garmisch in den Räten wiederfanden.

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Andreas Salomon hat dem
Magazin MUSCOVADORO über die „Kolbermoorer Rätezeit 1918 / 1919“ ein Interview
gegeben

Frage: Der Kolbermoorer Volksrat war einer der ersten, die 1918 gegründet wurden und die Errungenschaften wurden dort auch am längsten gegen die Reaktion verteidigt. Woran lag es, dass es gerade im Raum Rosenheim so ein starkes widerständiges Potenzial unter den ArbeiterInnen gab?

 

In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 wurde durch Kurt Eisner in München die Republik ausgerufen. Diesem Beispiel folgte Kolbermoor bereits wenige Tage später. Am 11.11.1918 wurde der 1. Volksrat unter Vorsitz von Franz Sperber gegründet.

Die Vorgeschichte reicht im Prinzip bis zur Gründung Kolbermoors im Jahre 1863 zurück. Der Mangfall ist es zu verdanken, dass verschiedene Kapitalisten Interesse an der Errichtung einer Baumwollspinnerei zeigten. Diese entstand durch die Mühen Tausender von Arbeitern in den Jahren 1860 bis 1863 und bald darauf (1869) erfolgten die Errichtung einer Glasfabrik, in der im Akkord gearbeitet wird sowie 1875 die Fertigstellung des Tonwerks. Die Arbeiter kamen aus Niederbayern, dem Bayrischen Wald und Österreich, aber auch aus Italien und Böhmen. Schon früh versuchten die Fabrikherren das Lohnniveau niedriger als in anderen Industriestandorten zu halten. Die Arbeitszeit hingegen betrug in der Baumwollspinnerei in den ersten zehn Jahren 13 Stunden. Bis 1876 gibt es keinen kommunalen Arzt und das Durchschnittsalter für Spinnereiarbeiter beträgt bis ins Jahr 1914 nur 45 Jahre. Außerdem waren Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen.

Aus Armut und Not entstand die Kolbermoorer Arbeiterbewegung. Ende der 60er Jahre erschienen in Kolbermoor erstmals Agitatoren, die sich an die Arbeiterschaft wandten. Leonard Tauscher gelang es, im Oktober 1869 99 Mitglieder für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu werben. 1870 wurden von Spinnereidirektor Waldemar von Bippen erste Fabrikarbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen. Am 13.2.1876 wurde der erste sozialdemokratische Agent in Kolbermoor ernannt und der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, fand zunehmend Verbreitung und trug zur Entstehung eines Klassenbewusstseins bei. Die Bezieher sahen es als ihre Pflicht an, die Zeitung „offen und stolz“ zu zeigen und „für die Ausbreitung des Sozialismus das Ihre beizutragen“ („Zeitgeist“ Nr.293). Das Sozialistengesetz 1878 bremste die aufkommende Arbeiterbewegung und die Treffen der Sozialisten fanden nun nicht mehr in Wirtshäusern statt, sondern gewissermaßen im Untergrund, in Wäldern und Filzen der Umgebung.

Erst die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1990 ließ die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Im gleichen Jahr ließ sich der Gastwirt Franz Sperber aus München in Kolbermoor nieder, der sich intensiv um die Weiterentwicklung sozialdemokratischer Regungen kümmerte und 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gründete. Im gleichen Jahr gab es auch die erste große Maifeier. Schon ein Jahr zuvor hatte er mit dem Sozialdemokraten Georg von Vollmar eine Versammlung zum Thema „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“ gegeben, zu der 300 Personen erschienen waren.

Franz Sperber beschrieb die missliche Lage des Arbeiters wie folgt: „…es gibt nur einige Arbeitergeber, bei denen er Arbeit finden kann und darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth.“ Aber die Entwicklung der Arbeiterbewegung war nicht mehr aufzuhalten. So wurde 1898 eine Ortsgruppe der Sozialdemokraten gegründet. Zunehmend konnte eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, die bis zum Jahr 1912 auf 10 Stunden sank. 1896 fassten auch die Gewerkschaften Fuß und 1904 wurde ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet.

Dann kam der 1. Weltkrieg mit all seinen Schrecken und dem Tode von Millionen Menschen. 730 Kolbermoorer wurden einberufen. 153 kamen nicht mehr zurück. Wohnung- und Hungersnot bestimmten den Alltag. Der Arbeitsmarkt war völlig eingebrochen. Während vor dem Krieg in der Spinnerei nach 900 Menschen sich ihr Brot mühsam verdienen konnten, waren jetzt nur noch 140 Arbeitsplätze vorhanden. Im Tonwerk waren es statt 450 nur noch 13. Das Brot wurde immer knapper und 1917 machten sich Kolbermoorer Arbeiterfrauen auf den Marsch zum Aiblinger Bezirksamt, wo ihnen die Frau des Bezirksamtsmanns zurief, wenn sie kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie hatten sich um 20 % verteuert und desto mehr stiegen die Schwarzmarktpreise. Auch an Heizmaterial fehlte es.

Der Nährboden für eine revolutionäre Umwälzung war also genauso gegeben wie die prinzipielle Bereitschaft zur Veränderung. Deswegen zögerte man nicht lange, als von München das Signal ausging.

 

Frage: Nach dem Weltkrieg war die Situation der ArbeiterInnenklasse sehr schlecht. Wie ging der Kolbermoorer Arbeiterrat mit diesem Problem um?

Am 11. November 1918 wurde im großen Kolbermoorer Mareissaal durch die örtliche Sozialdemokratische Partei eine Volksversammlung einberufen, zu der ungewöhnlich viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gegründet. Selbst zwei Kommerzienräte, also Vertreter der Unternehmerschicht für Spinnerei und Tonwerk, wurden Mitglieder.

Schon im Anschluss an die erste Sitzung wurde ein engerer Ausschuss gebildet, dem als Vorsitzender der Gastwirt und Sozialdemokrat Franz Sperber angehörte und als dessen Vertreter der Bürgermeister Eduard Bergmann. Dieser Ausschuss machte es sich bereits auf der zweiten Sitzung am 13. November zur Aufgabe, einen Lebensmittelausschuss zu bilden, der Beschwerden entgegennehmen, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und eventuelle Missstände abstellen sollte. Er sollte streng darauf achten, dass die angelieferten Lebensmittel gerecht verteilt wurden. Auch die Qualität des Brotes müsse unbedingt verbessert werden, genauso wie die Milchanlieferung.

Sehr problematisch war auch die Situation im Gefangenenlager. Es seien besonders für die russischen Gefangenen viele Lebensmittel nötig, weswegen für einen schnellen Rücktransport dieser gesorgt werden solle. Weiterhin klagten Landwirte über Futtermittelknappheit, was im Bezirksrat in Aibling zur Sprache zu bringen sei. Außerdem wurde geplant, ein zehnköpfiges Wachkommando zu errichten, um Plünderungen zu unterbinden. Und auch den Kommerzienräten kann abgerungen werden, wieder mehr Arbeiter einzustellen. Ebenso wurden Arbeitsplätze für Tätigkeiten in der Filze eingerichtet.

Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass der Volksrat nur ein Kontrollorgan, also in seinen Befugnissen sehr eingeschränkt war.

In den folgenden Wochen werden jede Menge anderer kommunaler Aufgaben angeregt. Es geht um die Erneuerung des Mangfallsteges, einen Empfangsabend für die heimgekehrten Soldaten, die Beibehaltung des 8. Schuljahres und, um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegenzuwirken, sollte es keine Kinoveranstaltungen für schulpflichtige Kinder geben.

Aber es kam auch immer wieder Kritik am Volksrat auf, er sei „unglücklich zusammengesetzt, er schlafe, man höre nichts von ihm. Die rote Fahne sei nicht auf dem Gemeindehause gehißt.“ Zu viele bürgerliche Elemente seien in ihm vertreten usw.. Aber im Grunde war der Kurs des Volksrates vielen nicht radikal genug, man hatte Angst, die mehrheitssozialistische Richtung würde sich immer weiter durchsetzen. Und so drängte die USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) auf Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

Am 2.1.1919 kam es zur Neuwahl. Nun wurden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Einer der Arbeitervertreter war der Installateur Georg Schuhmann, der sich zurzeit als Soldat in der Sanierung befand, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor zur Wiedereingliederung der Soldaten.

In der Sitzung vom 8. Januar wurde der zweiunddreißigjährige Georg Schuhmann zum 1. Vorsitzenden gewählt, der die Arbeit des Volksrates von nun an beschleunigte und intensivierte. Mit erhöhter Schärfe und Konsequenz wurden jetzt Kontrollen über Schleichhandel und Zurückhaltung von Lebensmitteln vorgenommen. Als Eisler am 21.2.1919 ermordet wurde, fand fünf Tage später ein großer Trauermarsch statt, die Kirchenglocken läuteten und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Mit einem Hoch auf die Republik und die Räteregierung wurden die Reden beendet. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie dominant bereits zu diesem Zeitpunkt die Räte waren. Schon einige Tage vorher (22.2.) war im Zuge der Ermordung Eislers der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst worden. Der Volksrat setzte seine bisherigen Geschäfte mit unverminderter Intensität fort und führte zunehmend die Aufgaben der Gemeindeverwaltung durch. Schuhmann war nun Bürgermeister von Kolbermoor und wurde zudem zum Bezirksvorsitzenden der Räte gewählt (26.3.1919). Eine Anhebung der Löhne der kommunalen Angestellten wurde durchgeführt sowie für diese der 8-Stunden-Tag angeordnet. Zudem wurde die Staatsfilze jetzt nicht mehr an große Unternehmer verpachtet, sondern in kleine Parzellen für die ärmere Bevölkerung aufgeteilt. Leerstehende Wohnungen wurden beschlagnahmt, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Die volksfreundliche Politik wurde immer umfassender.

Am 29.4.1919 trat der 2. Kolbermoorer Volksrat relativ überraschend mit der Feststellung zurück, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. Schuhmann erklärte, nur einem von Kommunisten gebildeten Rat vorstehen zu können. Man sieht, dass hier offenbar Diskussionen an anderem Ort wie in München eine Rolle gespielt haben dürften. Der neue Revolutionäre Arbeiterrat wurde am 29.4.1919 gewählt und Schuhmann wurde erneut 1. Vorsitzender. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für alle Mitglieder Voraussetzung gewesen. Dessen Tätigkeit sollte aber nur von sehr kurzer Dauer sein.

Am 2. Mai war Kolbermoor vollständig von Regierungstruppen und Weißgardisten eingekreist. Einen Tag später wurde das Kolbermoorer Rätesystem durch Weißgardisten und Regierungstruppen zerstört. Schuhmann und sein Mitstreiter Alois Lahn wurden nach der friedlichen Übergabe der Stadt am 4. Mai von Weißgardisten brutal ermordet.

 

Frage: Als der Volksrat in Kolbermoor gegründet wurde, existierte parallel dazu die alte bürgerliche Gemeindeverwaltung. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gremien ausgesehen?

Die Beziehungen veränderten sich in dem Maße, in dem sich der Volksrat radikalisierte. Während er zunächst ein reines Kontrollorgan war und sämtliche Entscheidungen bei der Kommune lagen, handelte er zunehmend selbständig und ersetzte schließlich die Kommune. Der 1. Volksrat war so zusammengesetzt, dass seine Einflussmöglichkeiten noch sehr beschränkt waren und die Kommerzienräte von Spinnerei und Tonwerk noch ihre Interessen wahren konnten. Dennoch hatte vor allem der Lebensmittelausschuss schon eine sehr wichtige Aufgabe und führte diese auch konsequent zum Wohle der Bevölkerung aus. Der Volksrat schickte ansonsten Abordnungen in die Sitzungen des Gemeindeausschusses, wie es z.B. aus dem Protokoll der Volksratssitzung vom 23. Dezember unter Punkt 3 klar hervorgeht. Die Volksräte Breu, Hummel und Heinzinger nahmen diese Aufgabe war. Dort wurden die Anträge des Volkrates eingebracht. So heißt es im Protokoll vom 10. Januar: „Da es Pflicht aller öffentlichen Stellen ist, Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer so weit nur irgend möglich zu berücksichtigen, stellte der Volksrat den Antrag, es sei an die Gemeindeverwaltung Kolbermoor der Antrag zu stellen, die Verteilung der Lebensmittel einem geeigneten Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer zu übertragen.“ In der Regel wurden die Anträge des Volksrates von der Kommune angenommen.

Der Einfluss des Volksrates wurde immer größer und das Ansehen von Georg Schuhmann wuchs zunehmend. Am 3. Februar kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Bürgermeister Bergmann und dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann. Der Volksrat hatte Klagen der Bevölkerung vorgebracht, es sei unterlassen worden, den Verkauf von Kleidungsstücken und anderen Dingen bekannt zu geben. Im Protokoll der 5. Sitzung vom 6. Februar heißt es: „Der Herr Bürgermeister, der augenscheinlich schlechter Laune war, verwahrte sich betreffs des letzteren Punktes mit ziemlichem Stimmaufwand, weshalb der 1. Vorsitzende es für nötig erachtete, den Herrn Bürgermeister energisch in seine Schranken zu weisen.“ Es wurde gefordert, sobald wie möglich eine Gemeinderatssitzung einzuberufen, „daß unsere Anträge vorbeschieden werden.“ Der Bürgermeister erklärte sich einverstanden.

Die Macht des 2. Volksrates war inzwischen derart gewachsen, dass der Volksrat in gleicher Sitzung vom 6.2.1919 „die Abhaltung regelmäßiger Bureaustunden durch den 1. Vorsitzenden im Amtszimmer des Bürgermeisters“ beschließen konnte. In der folgenden Sitzung vom11.2. gibt Schuhmann bekannt, dass das Kinoverbot genehmigt, der Antrag bezüglich des Kriegsinvaliden aber abgelehnt worden sei, da dieser eine hohe Kaution zu hinterlegen habe. Die Forderung nach Lohnerhöhung des Gemeindedieners sei akzeptiert worden, ebenso der Antrag auf Einführung des 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter sowie eine Lohnerhöhung von 200 Mark. Ebenso wurde die geforderte Abschaffung von Dienststunden in der Gemeindekanzlei an Sonntagen angenommen. Der Lohn der Putzfrau des Gemeindehauses wird erhöht.

Man kann sagen, dass der Volksrat die Gemeindeverwaltung immer mehr in den Hintergrund drängte und selber die Geschäfte übernahm, und so passt es in die allgemeine Situation, dass in der außerordentlichen Sitzung vom 22. Februar 1919 der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wurde, wie es in anderen Städten als Reaktion auf die Ermordung Eislers auch geschehen war. Jetzt übernahm der Volksrat offiziell die Geschäfte und Schuhmann war quasi nicht nur Volksratsvorsitzender, sondern auch Kolbermoors 5. Bürgermeister.

 

Frage: Der Volksrat hatte ja vor allem das Ziel, die Interessen der ArbeiterInnen zu vertreten. Wie stark war der Kontakt der Vertreter im Rat zur Basis tatsächlich?

Es ist davon auszugehen, dass der Kontakt sehr intensiv war. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Bereits die Volksversammlungen, die zur Gründung des 1. und 2. Volksrates führten wurden von so vielen Menschen besucht, dass der große Saal sie kaum fassen konnte. Schließlich war die Lage vor Ort wie aufgezeigt auch mehr als schlecht und man erhoffte sich jetzt endlich Verbesserung, die offenbar von der Gemeinde nicht mehr erwartet wurde.

Das Prinzip der Räte bestand gerade darin, mit den Menschen Kontakte aufzunehmen und deren Interessen zu erfragen und weiterzutragen. Besonders bei der Arbeit des Lebensmittelausschusses sieht man, wie eng an der Bedarfslage der Bevölkerung gearbeitet wurde. Die Räte hatten ihr Ohr am Puls der Menschen, nur so konnten sie ihren Auftrag erfüllen.

Dies scheint in besonderem Maße für Georg Schuhmann zu gelten, der von der Bevölkerung geradezu „verhimmelt“ wurde, wie der Chronist Otto Kalhammer schreibt. Schuhmann muss in jeder Hinsicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügt haben, dass er ein derartiges Ansehen genoss. Er kam als Soldat aus der Sanierung und zog nach Kolbermoor, weil seine Schwester bereits dort ansässig war. In der Sanierung trafen sich unzählige Soldaten, die das Grauen des Krieges erlebt hatten und die nun eine bessere Welt wollten, eine Welt, in der nicht von oben nach unten dirigiert wird, sondern in der man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Ob Schuhmann politische Vorkenntnisse hatte, ist unbekannt, aber sehr wahrscheinlich. Er war 32 und dürfte schon vor dem Krieg politische Erfahrungen gesammelt haben. Kaum war er nach Kolbermoor gekommen, wurde er in den zweiten Volksrat gewählt und wurde gleich dessen Vorsitzender. Wahrscheinlich war er in der Lage, die Situation insgesamt und vor Ort genauestens zu analysieren und Zielperspektiven anzugeben. Er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und verstand es, energisch und konsequent aufzutreten. Er wusste genau, worauf er sich einließ und setzte dabei nichts Geringeres als sein Leben aufs Spiel. Das dürfte ihm spätestens nach dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.19) und Kurt Eisler am 21. Februar bewusst gewesen sein. Als er beerdigt wurde, war der Friedhof schwarz vor Menschen. Seine Verbindung mit der Bevölkerung war so intensiv, dass ein Trauerzug verboten wurde und der Friedhof mit Maschinengewehren umstellt war, weil man Ausschreitungen befürchten musste. Dr. Solleder, der als Parlamentär des Obersten von Mieg auf der Seite der Weißgardisten nach Kolbermoor gekommen war, „ersuchte“, so steht es im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, „um eine kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen ‚Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

Am 22. Mai 1919, also drei Wochen nach der Einnahme Kolbermoors, schrieb der Anzeiger „Anzeiger für Kolbermoor“: (…)Ist ein offizieller Dank erfolgt an die Befreier wie anderswo?…Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen (…)“.

Dieser Zeitungsbericht weist unmissverständlich auf die Stimmung hin, die den Regierungstruppen bei der Einnahme Kolbermoors entgegenschlug. „Vehemente Ablehnung und Widersetzlichkeiten“, so Christa Landgrebe in ihrer Studie „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“, waren kennzeichnend für die Situation. „Der Haß und die feindselige Gesinnung der Bevölkerung artikulierten sich vor allem anläßlich der Heranziehung der beiden Panzerzüge. Die Bevölkerung machte, so heißt es, drohende Äußerungen und Gebärden, Weiber und Kinder streckten die Zunge heraus und beschimpften die Insassen des Zuges, Männer auch bejahrte, forderten offen zur Anwendung von Gewalt gegen die Regierungstruppen auf.“

Einzelne Arbeiter riefen auch nach den Übergabeverhandlungen wieder zu den Waffen auf, um die Verteidigung aufs Neue aufzunehmen. Und bei der Entwaffnung machte die Bevölkerung soviele Schwierigkeiten wie nur möglich. Immer wieder war von Putschplänen die Rede, die vom Gegner sehr ernst genommen wurden, gab es doch, so wurde angenommen, in Kolbermoor 900 Kommunisten.

Es dürfte keinerlei Zweifel geben, dass die Kolbermoorer hinter ihren Räten standen und die Räte eng mit der Bevölkerung verbunden waren.

 

Frage: Nicht zuletzt der Begriff „Freistaat“ und der 8-Stunden-Tag gehen auf die Räterepublik zurück. Warum gibt es heute so wenig Bewusstsein darüber, was vor rund einhundert Jahren in der Region geschah?

Die Ereignisse aus der Zeit von November 1918 bis Mai 1919 wirkten durchaus lange nach. Für die Entwicklung der Arbeiterentwicklung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, denn hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie.

Die Wahlen in den Jahren danach zeigen insgesamt auf, dass die Linke in Kolbermoor nach wie vor sehr stark war, aber die bürgerlichen Kräfte zunehmend an Einfluss gewannen. Die Gemeindewahlen im Juni 1919 brachten der USP immerhin sieben von 19 Sitzen, aber die Bürgerliche Gemeinschaft erhielt 9 Sitze. Viele Kolbermoorer werden an ihrer Niederlage schwer zu beißen gehabt haben.

Bei der Reichstagswahl 1920 lag die USP mit 927 Stimmen weit vorne, gefolgt von der Bayerischen Volkspartei mit 577 Stimmen und der MSP mit 247. Die Kommunistische Partei kam nur auf 42 Stimmen. Bei der Landtagswahl 1920 sah es nicht anders aus. Wieder führte die USP mit 930 Stimmen. Bei der Landtagswahl tauchte die USP nicht mehr auf. Die Stimmen ihrer Anhänger flossen nun der Kommunistischen Partei zu, die es auf 408 Stimmen brachte. Gewinner waren die BVP, gefolgt von der SPD.

Am 19. Juni 1920 hielt Adolf Hitler in Kolbermoor seine erste Rede. Auch die Kommunistische Partei begann in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen, hatte aber bis 1927 nur etwa 20 Mitglieder, wuchs aber stetig, und auch die Rote-Hilfe-Gruppe wuchs und hatte 1932 schon 81 Mitglieder. Sehr rührig für die KPD war Ewald Thunig, der 1924 wegen Ausbaus der Organisation der KPD in seiner Funktion als illegaler Leiter des Bezirks Südbayern der KPD verhaftet wurde.

In der Zeit des Nationalsozialismus zeigten dich die Kolbermoorer ganz besonders widerständig, wie in der „Chronik des Widerstandes in Kolbermoor 1931 – 1945“ nachzulesen ist, die im Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.1 veröffentlicht wurde Schon aus den Berichten des Bezirksamtes, die monatlich an das Regierungspräsidium nach München geschickt werden mussten geht deutlich hervor, wie viele Kolbermoorer dachten. Mal wurde ein kommunistisches Lied auf offener Straße gesungen, mal wurden Hausdurchsuchungen für erforderlich gehalten. Systemkritische Äußerungen kamen zur Anzeige und immer wieder kam es zu Prozessen und Inhaftierungen. Hermann Adam hatte Spanienflüchtlinge aufgenommen und Alois Gritl von der „Hitlerbande“ gesprochen usw.. Immer wieder kam es auch zur Einlieferung in das KZ Dachau. Edda Kühne liefert in ihrem Bericht über 80 Beispiele, wie die Nazis versuchten die Kommunisten und sonstige kritische Menschen kleinzuhalten.

Zurzeit forsche ich gerade über den Italiener Fortunato Zanobini, der als politischer Häftling nach Dachau eingeliefert wurde und von dort weiter nach Buchenwald kam, wo sich seine Spur verliert.

Nach dem Krieg wurde die KPD in Deutschland verboten (1956) und die Kommunisten und deren Anhänger gnadenlos verfolgt. Während die in Kolbermoor auch weit verbreitete Naziideologie sich in den Köpfen der Menschen weiter halten konnte (wie überall in Deutschland), wurde versucht, den Geist der Fortschrittlichkeit auszulöschen.

Die Geschichtsschreibung ist meist eine aus der Sicht der Sieger und so wurde die Erinnerung an die Räterepublik nicht wach gehalten und in späteren Jahren, vor allem durch Horst Rivier mit seinen „Kolbermoorer Chroniken“ verdreht und drastisch verfälscht. Dass Kolbermoor keine weiterführenden Schulen hat und die Gewerkschaften wenig Aktivitäten zeigten, mag auch eine Ursache sein, dass die Erinnerung an die Zeit der Räte verblasste und schließlich in Vergessenheit geriet.

Erst Ende der 80er Jahre wurden die roten Kolbermoorer Jahre von fortschrittlichen Kräften rund um Klaus Weber wiederentdeckt, und eine erste Gedenktafel wurde errichtet. Die Stadt nahm offiziell davon keine Kenntnis, während ehemalige NSDAP-Mitglieder durch Straßenbenennungen geehrt worden waren.

Seit meinen Forschungen vor 20 Jahren, meinen ständigen Stadtrundgängen auf den Spuren der Räte und schließlich durch mein Buch „Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“ ist das Interesse ständig gewachsen.

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21. Februar 2015:
Gedenken an Kurt Eisner

Anlässlich des 96. Jahrestags der Ermordung Kurt Eisners fand am 21. Februar 2015 ein Gedenken an ihn und die bairische Revolution in München statt. Veranstalter war der Kurt-Eisner-Verein.

Video ©: Gerhard Hallermayer

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So erlebten Augenzeugen Eisners Revolution

Sie haben Kurt Eisners Revolution mit eigenen Augen gesehen: Prominente schildern, was sie am 7. November 1918 an zentralen Schauplätzen in München erlebten.

Beitrag auf der Webseite des Bayrischen Rundfunks (Stand: 24.11.2008)