Revolutionswerkstatt

Vom 16. Januar bis 24. Februar 2017 lud der Kurt-Eisner-Verein für politische Bildung in Bayern e.V. in die Kulturschmiede Sendling zur REVOLUTIONSWERKSTATT ein.

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Mit Film- und Vortragsabenden sollte die Zeit der bayerischen Revolution und Räterepublik auf eine lebendige Art und Weise präsentiert und neueste Forschungsergebnisse diskutiert werden.

Der Kurt-Eisner-Verein stellte an über 20 Terminen vor:

  • Den aktuellen historischen Forschungsstand über die Zeit von 1918 und 1919 in München.
  • Die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung des „Epochenwandels“ am Ende des Ersten Weltkriegs.
  • alternative Gesellschaftsentwürfe und Gesellschaftsutopien.

Das Ziel der Werkstatt war die gemeinsame Erstellung eines „Revolutionskalenders“ und einer „Revolutionskarte“ für München und Bayern. Der Kalender dient als Vorarbeit für weitere Erinnerungsprojekte „100 Jahre Revolution und Räterepublik in München“ in den Jahren 2018/2019.

Neben Inspirationen für die Werkstattarbeit an den Wochenenden sollten die Themenabende die aktive Teilnahme an zukünftigen Projekten der politischen Erinnerungsarbeit bewerben.

Mit Film- und Vortragsabenden sollte die Zeit der bayerischen Revolution und Räterepublik auf eine lebendige Art und Weise präsentiert und neueste Forschungsergebnisse diskutiert werden.

Bei jeder Veranstaltung der Revolutionswerkstatt war die Anarchistische Bibliothek München mit einem Büchertisch dabei.

Die Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Die Kulturschmiedin von Sendling Gabi Duschl-Eckertsperger freute sich über das Publikum der Revolutionswerkstatt, das „nicht nur aus Wiederholungstätern“ bestanden hatte.

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Die Audiomitschnitte von der Revolutionswerkstatt sind nun online und können hier angehört werden: www.by.rosalux.de/audiobeitraege

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Ein paar Eindrücke aus den Veranstaltungen der Revolutionswerkstatt:

Am 23. Februar 2017 waren Sabine Schalm und Bernhard Schneider vom Kulturreferat zu Gast

Dr. Sabine Schalm und Dr. Bernhard Schneider vom Kulturreferat der Stadt München sprachen über „Revolution und Räterepublik in der städtischen Erinnerungspolitik“. Sabine Schalm bot an, jeder Initiative mit konkreten Inhalten aufgeschlossen gegenüber zu stehen und diese – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – zu fördern.

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Sabine Schalm und Bernhard Schneider vom Kulturreferat der Stadt München

Foto: Christoph Klinke

Am 20. Februar 2017 ging es um  Expressionismus & Revolution von Ernst Toller

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Wolf-Dieter Krämer

Wolf-Dieter Krämer vom Archiv der Münchner Arbeiterbewegung berichtete von der Rätedemokratie im Leben und den Werken von Ernst Toller. Das erste Drama Ernst Tollers „Die Wandlung“ handelt von der Hinwendung vom Kriegsbegeisterten zum Pazifisten. Die im Gefängnis geschriebenen expressionistischen Dramen „Masse Mensch“, „Die Maschinenstürmer“, „Der deutsche Hinkemann” und „Der entfesselte Wotan“ sind die Erfahrungen der Revolutionszeit mit ihren Wirkungen der damaligen Gegenwart – bis in unsere  Gegenwart?

 

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Die Vorleserin Cornelia Naumann
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Der Vorleser Günther Gerstenberg

 

 

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Die Vorleser Fritz Letsch, Wolf-Dieter Krämer, Ulrich Bardelmeier (v.l.n.r.)

Die szenische Lesung der Texte von Ernst Toller wurde vor allem vom jüngeren Publikum sehr gut angenommen.

Fotos: Christoph Klinke, Luca Schimmel

Klaus Kordon las am 15. Februar 2017 aus seinem Buch „Die roten Matrosen“

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Zum Buch:
November 1918: Nach vier Jahren Weltkrieg verweigern die Matrosen der kaiserlichen Marine in Kiel den Befehl zum Auslaufen und kommen nach Berlin. Die Jungen Helle und Fritz freunden sich mit den meuternden Matrosen an, erleben die Revolution mit, den Sieg, die Niederlage. Eine ganze Mietskaserne in Berlins ärmster Gegend wird lebendig.

Der Roman von 1984 wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Die Jury würdigte damit sein Gesamtwerk der Kinder- und Jugendliteratur.

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Der Autor Klaus Kordon und Julia Killet vom Kurt Eisner Verein, München
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Klaus Kordon wurde 1943 im Berliner Nordosten geboren. Nachdem seine Mutter 1956 starb, wuchs er in Kinder- und Jugendheimen auf und versuchte sich in mehreren Berufen, u.A. als Transportarbeiter. An der Abendschule holte er das Abitur nach und studierte Volkswirtschaft. Als Exportkaufmann führten Klaus Kordon zahlreiche Reisen nach Afrika, Australien, Südamerika und Asien, insbesondere nach Indien. Nach einjähriger politischer Haft wechselte er 1973 aus der DDR in die Bundesrepublik und lebte zunächst in der Nähe von Frankfurt/Main. Seit 1980 ist er freiberuflicher Schriftsteller. Heute lebt er wieder in Berlin.

  Fotos: Felicitas Hübner

Am 13. Februar 2017 brillierten
Siegbert Wolf und Peter Seyferth
im Double Feature
„Hier Revolution! Wer dort?“

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Der Moderator des Abends Werner Schimmel (links) sowie die
Referenten Siegbert Wolf (Mitte) und Peter Seyferth
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Der Referent Dr. Siegbert Wolf (Frankfurt/M.), Historiker und Publizist. Zahlreiche Bücher u.a. über Gustav Landauer, Martin Buber, Hannah Arendt und Jean Améry sowie zur Frankfurter Stadtgeschichte. Seit 2008 Herausgeber der „Ausgewählten Schriften“ Gustav Landauers im Verlag Edition AV (Lich/Hessen). Zuletzt erschienen Band 12: Friedrich Hölderlin in seinen Gedichten (2016) u. Band 13: Die Revolution (2017).

Siegbert Wolf sprach über
„Gustav Landauer und der Anarchismus“:

Gustav Landauer (7. April 1870 Karlsruhe – 2. Mai 1919 München-Stadelheim, ermordet) gehört, neben Erich Mühsam, bis heute zu den bedeutendsten Anarchisten im deutschsprachigen Raum. Sein Denken und Handeln war maßgeblich von den Werten der Freiheit, sozialen Gerechtigkeit und Emanzipation bestimmt. Als Literaturkritiker, Übersetzer, Roman- und Novellenautor, Vortragsredner und Essayist, als libertärer Sozialist und jüdischer Kulturphilosoph, genoss Gustav Landauer hohes Ansehen. Er agierte als (Anti-)Politiker, Kultur- und Sprachkritiker sowie Initiator zahlreicher anarchistischer Projekte („Sozialistischer Bund“ u.a.). Seine ausformulierte Konzeption eines libertären und föderativen Sozialismus – Stichwort: kommunitärer Anarchismus – gehört in das Zentrum seines Denkens und Handelns.

Während der Revolution von 1918/19 engagierte sich Gustav Landauer von München aus für eine freiheitliche Umgestaltung der Gesellschaft. Unablässig warb er für eine föderatives und dezentrales Rätesystem. Während der ersten bayerischen Räterepublik im April 1919 agierte er als „Volksbeauftragter für Volksaufklärung“, sprich: Kulturminister. Anfang Mai 1919 wurde er im Zuge der Niederschlagung der Revolution brutal ermordet.

Der Vortrag rückt Gustav Landauers Anarchismusverständnis jenseits von Zentralstaat, Kapitalismus und Großindustrialismus – samt Gegenwartsbezug – in den Vordergrund.

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Der Referent Dr. Peter Seyferth (München), Politikwissenschaftler und freiberuflicher Politischer Philosoph. Zuletzt gab er den Sammelband „Den Staat zerschlagen! Anarchistische Staatsverständnisse“ (Baden-Baden: Nomos, 2015) heraus.

Peter Seyferth sprach über
„Erich Mühsam und der Anarchismus“:

Erich Mühsam (6. April 1878 in Berlin – 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg, ermordet) gehört, neben Gustav Landauer, bis heute zu den bedeutendsten Anarchisten im deutschsprachigen Raum. Er war Redakteur und Herausgeber mehrerer anarchistischer Zeitschriften („Der arme Teufel“, „Kain“, „Fanal“). Sein literarisches Schaffen umfasst nicht nur politische Schriften, sondern auch Gedichte, Dramen und Sachbücher; er veröffentlichte auch in satirischen Zeitschriften wie „Simplicissimus“, „Jugend“ und „Ulk“. Mühsam gehörte der Münchner Bohème an und versuchte auch, reale Gemeinschaften der (oft künstlerischen) Underdogs zu schaffen, in München und in Ascona („Monte Verità“). Im Rahmen des von Landauer gegründeten „Sozialistischen Bunds“ agitierte er das sogenannte „Lumpenproletariat“ für den Anarchismus. Sein Anarchismus war von Kropotkin inspiriert, begründete sich aber stärker durch Betroffenheit und Aktivismus als durch wissenschaftliche Theorien. Mühsam versuchte auch, Anarchisten und Kommunisten einander anzunähern, wurde aber ein ums andere Mal von letzteren enttäuscht. Dennoch blieb er überzeugter Anarchokommunist.

Ende 1918 wurde Mühsam Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates. Nach Kurt Eisners Ermordung gehörte er zu den Initiatoren der ersten, anarchistischen Phase der Münchner Räterepublik. Dies brachte ihm nach dem Sieg der Koalition aus Reaktion und Sozialdemokraten lange Jahre Festungshaft ein. Davon ungebrochen setzte er sich auch in der Weimarer Republik für eine Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein, die nur ohne Staat und ohne Kapitalismus möglich ist. Nach ihrer Machtergreifung steckten ihn die Nazis ins KZ, wo sie ihn ermordeten.

Der Vortrag legt den Schwerpunkt auf Erich Mühsams Anarchokommunismus und stellt sich auch der Frage, wie relevant diese revolutionäre Ideologie heute noch sein kann.

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Peter Seyferth in heiterem Schlagabtausch mit dem Publikum in der Sendlinger Kulturschmiede

 Fotos: Christoph Klinke, Felicitas Hübner

Am 12. Februar 2017 zeigte
Ulrike Bez ihren Film
„Es geht durch die Welt ein Geflüster“

ZeitzeugInnen der Münchner Revolution & Räterepublik  1918/19

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Die Journalistin Julia Fritzsche (links) und
die Filmemacherin Ulrike Bez

Zwischen dem 7. November 1918 und dem 1. Mai 1919 ändert sich das politische Gesicht Bayerns vollständig: In München, dem Hauptschauplatz des Umbruchs wird die Monarchie gestürzt. Kurt Eisner ruft den Freistaat Bayern aus und wird erster Ministerpräsident. In der Folge kämpfen revolutionäre und konservativ-reaktionäre Kräfte ein halbes Jahr lang mit allen Mitteln um die Macht.

Der Dokumentarfilm „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ von Ulrike Bez enstand zum 70. Jahrestag der Münchner Revolution und Räterepublik im Jahr 1988/89. Er verwebt zeitgeschichtliche Filmdokumente und Interviews. Zu Wort kommen die damals bereits hochbetagten ZeitzeugInnen: Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten wie Centa Herker, Hugo Jakusch, Helmut Lichtinger u.a.

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Ulrike Bez erzählte nach der Vorführung, wie sie zum Film kam, was bei der Arbeit mit den Zeitzeug*innen besonders war, und wie die Menschen den Film aufnahmen. Bei den Anti-Atom-Protesten lernte sie Benno kennen, der die Tage und Wochen der Revolution erlebt hatte und ihr riet, darüber einen Film zu machen. Viele der Protagonist*innen der Revolution, die Uli Bez dann sprach, wollten unerkannt bleiben und ihren Namen nicht erwähnt haben, denn einige waren im Nationalsozialismus über Jahre inhaftiert oder in Konzentrationslagern und hatten später in den 80ern immer noch Angst vor Angriffen von Rechten. Über drei Jahrzehnte fand der Film „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ kaum Beachtung, Uli Bez führte ihn in dieser Zeit nur zehn Mal vor. Erst jetzt, im Zuge der Vorbereitungen auf das 100-jährige Jubiläum der Revolution wollen viele ihn sehen. Von den über 50 Menschen im Publikum diesmal waren viele sehr berührt.

 

Fotos: Christoph Klinke, Felicitas Hübner

Am 2. Februar 2017 fand
„Die Revolution der Literaten“ statt

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Lesungsabend mit einer Collage aus Ausschnitten und Zitaten von Zeitgenossen, die die Revolutionszeit persönlich erlebt haben – darunter Literaten wie Toller, B. Traven, Heinrich Mann u.v.a., aber auch Journalisten oder private Tagebuch-Verfasser.
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Der Autor Robert Hültner
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Robert Hültner, Kriminalbuch-Autor von „Inspektor Kajetan“ und „Radio-Tatort“ im BR und Ulrich Bardelmeier, Sprecher des PlenumR – 100 Jahre Revolution und Räterepublik in Bayern

Fotos: Felicitas Hübner

Am 1. Februar 2017 erzählte
Rudolf Stumberger vom
Wittelsbacher Ausgleichsfonds

In der Revolutionswerkstatt sprach Rudolf Stumberger über  „Die Wittelsbacher und die Revolution“. Der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt stellt der sogenannte Wittelsbacher Ausgleichsfonds eine in alle Ewigkeit munter sprudelnde Geldquelle für den bayerischen Adel dar. Er geht zurück auf die reaktionäre Politik im Bayern der 1920er Jahre nach der gescheiterten Räterepublik.

Dazu las Rudolf Stumberger aus seinem Buch „München ohne Lederhosen – ein kritisch-alternativer Stadtführer 1918-1968“.

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Der Autor Rudolf Stumberger

Mehr zum WAF

„Medien-Revolution und Medien-Macht“ von Rudolf Stumberger auf heise.de vom 10. Januar 2012

Foto: Felicitas Hübner

Am 27. Januar 2017 fragten
Christiane Sternsdorf-Hauck und
Marta Reichenberger
„Ist die Revolution weiblich?“

27-1-17_3christiane-sternsdorf-hauckChristiane Sternsdorf-Hauck (rechts), Autorin von „Brotmarken und Rote Fahnen – Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik 1918/19.“, neuer ISP-Verlag, 2008 und Marta Reichenberger, Autorin und ehemalige Geschäftsführerin des Kulturzentrum Milbertshofen

Die revolutionäre Begeisterung unter den Frauen war groß – aber was hat sie gebracht außer dem Frauenwahlrecht? Welche Utopien hatten diese Frauen? Und welche haben wir heute? Und: Wen interessiert das überhaupt, damals wie heute …?

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Die beiden Referentinnen Marta Reichenberger und Christiane Sternsdorf-Hauck sowie Julia Killet von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (v.l.n.r.). Etwa 70 Menschen waren zu der Veranstaltung gekommen.

Frauen in der Revolution
und Räterepublik
Ist die Revolution weiblich?

Auszüge aus dem Redemanuskript:

Die ersten Dekrete der Regierung Eisner erfüllten Forderungen, für die Frauen seit Jahren und Jahrzehnten gekämpft hatten.

  1. Endlich wurde das Frauenwahlrecht eingeführt.
  2. Das Gesinderecht wurde aufgehoben, das vor allem Dienstmädchen betraf. Besonders in den Städten war damals ein Großteil der erwerbstätigen Frauen Dienstmädchen. Sie wurden oftmals fast wie Sklavinnen gehalten. Nun wurde für sie der 8-Stunden-Tag und ein Urlaubsanspruch eingeführt.
  3. Die geistliche Schulaufsicht wurde abgeschafft und durch die staatliche Schulaufsicht ersetzt – ein längst überfälliges Dekret, das in Preußen schon 1882 durchgesetzt worden war.

Diese drei Dekrete überdauerten die Regierung Eisner und die Räterepublik.

Hier zusammenfassend alle Frauenforderungen jener Tage, die ich aus verschiedensten Dokumenten in den Archiven zusammengestellt habe. Jede und jeder kann darüber nachdenken, was daraus geworden ist …

  1. Frauen in den Richterstand! Zwar durften Frauen seit 1912 Jura studieren – Geld verdienen durften sie mit ihrer Ausbildung aber nur „privat“. Diese Forderung wurde während der Rätezeit erfüllt: Im Revolutionstribunal saß auch eine Frau: Hedwig Kaempfer. Mit der Niederschlagung der Räterepublik im Mai 1919 wurde auch das Revolutionstribunal abgeschafft.
  2. Frauen in die Angestellten-, Invaliden- und Krankenversicherungen! Die Krankenkassenkontrolleure, die jederzeit Zutritt haben, wenn die Frau im Bett liegt, und die schon manche kranke Frau in beleidigende Verlegenheit gebracht haben, müssen durch Frauen ersetzt werden.
  3. Aufhebung des »Zölibats« für weibliche Beamte! Dieses Gesetz betraf vor allem Lehrerinnen: Heirateten sie, wurden sie aus dem Schuldienst entlassen. (Aufhebung des Gesetzes in der BRD erst 1957. Die DDR hatte das alte Gesetz gar nicht erst übernommen. Alle Daten, die ich im folgenden nenne, beziehen sich im Übrigen nur auf die alte Bundesrepublik, die DDR-Gesetzgebung war fast immer fortschrittlicher.)
  4. Fortzahlung des Lohnes während der Schwangerschaft, Erhöhung des Stillgeldes für die stillenden Mütter!
  5. Die gleichen Bestimmungsrechte, die der Mann hat über die Erziehung der Kinder, muß auch die Frau bekommen! (Das entsprechende Gesetz, nach dem das Kindsrecht nicht mehr patriarchalisch, sondern elternschaftlich strukturiert ist, wurde erst 1979 verabschiedet.)
  6. Eine Neuregelung der Alimentenfrage muß geschaffen werden! In Zukunft muß das Vermögen des Vaters maßgeblich sein für die Höhe der Alimentitation!
  7. Wir verlangen für die Frauen die gleiche Bezahlung mit den Männern bei gleicher Arbeitsleistung! (kein Kommentar…)
  8. Die Jugend aller Volksklassen soll den neuen Geist der Revolution, der Freiheit, der Menschlichkeit fühlen! In den Schulen ist die Koedukation einzuführen. Die Bildung darf nicht länger Monopol der Besitzenden sein! (Deutschland ist noch heute europäisches Schlusslicht, wenn es um den Zusammenhang von Bildung und sozialer Schicht geht.)
  9. Frauen sollen sich in allen Zweigen der öffentlichen Verwaltung betätigen; es muss ebenso Ministerinnen geben wie Bürgermeisterinnen.
  10. Gleichstellung von Ehepartnern! Abschaffung des Gesetzes, nach dem die Frau nur mit Zustimmung ihres Ehemannes erwerbstätig sein darf. (Dieses Gesetz wurde erst 1977 aufgehoben. Bis 1962 duften Frauen ohne Zustimmung des Ehemanns kein eigenes Bankkonto eröffnen.)
  11. Gleichstellung von ledigen Müttern und unehelichen Kindern! Einführung des Erbrechts für uneheliche Kinder. (Das Erbrecht für uneheliche Kinder wurde erst 1998 eingeführt.)
  12. Frauen in die Parlamente! Ziel Quotierung: Prozentual ebenso viele weibliche
    Abgeordnete wie Wählerinnen.
  13. (Eine explizite Forderung nach Abschaffung des 1871 eingeführten §218 habe ich bisher in den Dokumenten nicht gefunden. Mit Sicherheit war sie aber Thema.)
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Die Referentin Christiane Sternsdorf-Hauck

Zeitzeuginnen der Revolution:
Hilde Kramer (18 Jahre)
an ihre Freundin Wise (19 Jahre)
in Berlin

München, den 18.11.1918

Liebe W I S E !
Ich könnte Dir augenblicklich stundenlang schreiben, so viel habe ich in den letzten Tagen hier erlebt. Ich schreibe Dir aus dem Kriegsministerium, denn ich bin augenblicklich im Propagandaausschuß des Arbeiter- und Soldatenrates tätig. Es waren tolle Tage, die Tage der Revolution. ….
Wir haben unter den größten Schwierigkeiten Flugblätter gedruckt und mit Hilfe von Eisner und der Unabhängigen Organisation verteilt. Fabelhaft war‘s, wenn wir in der einen Studentenbude saßen und revolutionäre Pläne brüteten. Ich hatte in diesen Tagen auch gleich mit Herzensangelegenheiten zu tun, was mich einesteils erhob, andernteils sehr bedrückte. Er ist ein Luxemburger Student, der Thyp eines düsteren Revolutionärs, und ich habe mich sehr in ihn verliebt…

Ich will Dir nun mal etwas von meinen revolutionären Erlebnissen berichten. Ich war in der Revolutionsnacht am 7. November fast dauernd auf der Straße. Erst war am Nachmittag auf der Theresienwiese eine gewaltige Volksversammlung, auf der sich die beiden soz[ial istischen]) Parteien einten. Auer sprach und ich kochte vor Wut. Was habe ich mir die Kehle wund geschrien mit meinem „Lügner, Verräter, Schuft“. Aber die Sache verlief im Sande. Eine Gewerkschaftsdemonstration wälzte sich pomadig durch die Straßen, nichts von revolutionärem Aufstand. Wir folgten bis zum Friedensengel, dann gaben wir die Sache verzweifelt auf und wollten nach Hause gehen. Die Luxemburger begleiteten uns noch, und als wir zur Türkenkaserne kamen, fingen uns die Augen an zu brennen, denn die Luft war noch erfüllt von dem scharfen Gas der Bomben, die die Unteroff. und die Offiziere auf Soldaten und Volksmenge geworfen hatten. Wir erfuhren dann, daß schon fast alle Münchner Soldaten gemeutert hatten. Das war 7 Uhr abends, am 7. November…..

Wir schlossen uns an der Türkenkas[erne] einem Soldaten an, der zur Bildung des Soldatenrates zum Löwenbräu ging. Da habe ich eigentlich das größte Erlebnis gehabt. Allerdings war es mehr innerlich. Ich kann Dir dazu keine nähere Erklärung geben. Als ich das „Es lebe die Republik! Es lebe die Revolution!“ hörte, da hatte ich gleich das Gefühl: Diese Menschen sind fähig, wirklich die Revolution zu machen! Das ist eine andere Begeisterung als die bei den Arbeitern. Gesprungen & gejubelt haben wir, und in die Arme sind wir uns gefallen in jener Nacht. Am 2. Tag gelang es mir, in den Landtag hinein-zukommen. Ich bot mich für alle Arbeiten an und fand zunächst in der Wachstube Beschäftigung. Schon nach wenigen Stunden holte man mich hinauf ins Sitzungszimmer des Sol[daten)]-Rates, um zu tippen. Von da an konnte ich allen geschlossenen Sitzungen beiwohnen. Ich war überglücklich…..

Ich bekomme Essen in der Kantine und werde nächstens auch Geld bekommen, so viel ich zum Leben brauche. …

Aber trotz der verschiedenen neuen Errungenschaften bleibt doch eine riesengroße Enttäuschung zurück. Hier herrscht jetzt Kurt Eisner als Diktator und schiebt das »Sozialisieren« auf den St. Nimmerleinstag auf. Ich bin viel mit Mühsam zusammen und verstehe mich in vielen Dingen sehr gut mit ihm …

Ich bin ein Soldatenmädel geworden. Du würdest baff sein, ich gehe nie ohne Begleitung, liebe 10 auf einmal, werde von 20 geliebt, habe doch noch nie einen Kuß bekommen. Das ist bei mir rein unmöglich.
Hoch Liebknecht und Rosa Luxemburg! Nieder mit der Kerenskiregierung!!!
1000 Grüße.
Hilde.

PS: Ich schicke Dir Mühsams Flugblatt, ich finde es gut.

aus: Christiane Sternsdorf-Hauck: Brotmarken und rote Fahnen. Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik, Köln 2008, S. 81ff.

 Fotos: Günther Gerstenberg

Am 16. Januar 2017 referierten
Frank Jacob und Riccardo Altieri über „Kurt Eisner. Politisch verfolgter Jude und erster Ministerpräsident des
Freistaats Bayern.“

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Die Referenten Prof. Dr. Frank Jacob (links), Würzburg / New York. Herausgeber des Nachlasses von Kurt Eisner im Auftrag der Rosa Luxemburg Stiftung. Mitherausgeber „Kurt Eisner: Gefängnistagebuch“, Metropol, 2016 und Dr. Riccardo Altieri (rechts), Würzburg, Johanna Stahl Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken. Autor „Der Pazifist Kurt Eisner“, Kovač, 2015
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Nach dem Vortrag fand eine Diskussion mit einem gut informierten Publikum statt.
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Julia Killet von der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Gespräch mit Frank Jacob

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Präsentation von Riccardo Altieri „Kurt Eisner und der Antisemitismus in München“ (Herunterladen bzw. Anzeigen der PDF-Datei durch Anklicken der Abbildung)

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Fotos: Felicitas Hübner

Am 14. Januar 2017 wurde die
Revolutionswerkstatt dekoriert:

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Das Tor zur Sendlinger Kulturschmiede

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„Dieses Haus und seine Mitarbeiter stehen unter dem Schutz des Zentral-Rates.“

Fotos: Luca Schimmel