Buchrezensionen

Zum Thema Revolution sind eine Reihe Bücher erschienen,
von hoch
interessant bis Ärgernis.

Joachim Käppner: „1918, Aufstand für
die Freiheit, Die Revolution der Besonnenen“
München 2017, Piper

Käppner, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und gelernter Historiker, schildert die Ereignisse der Revo­lu­tion von 1918/19 auf über 500 Seiten. Sein Schwerpunkt ist die Hauptstadt Berlin; die Vorgänge in München finden sich in einem eher knapp gehaltenen Unterkapitel gegen Ende des Buches. Das sollte jedoch interessierte bayerische Leser nicht von der Lektüre abhalten; letzlich haben ja vor allem die Aktionen der Mehrheitssozial­demo­kraten in Berlin auch der bayerischen Revolution das Genick gebrochen. Diese Aktionen benennt Käppner ebenso ausführlich wie deutlich und durchaus nicht ohne eine gewisse Sympathie für viele Protagonisten der Revolution.

Die Untertitel seines Buches mögen etwas irri­tie­ren; so als kön­ne der Autor sich nicht recht entscheiden, ob die Revolution womöglich doch nur ein Auf­stand war. Aber bekanntlich nehmen Verlage auf die Titelwahl erheblichen Einfluss, und so mag man derlei Unschärfe gelten lassen. Dass es sich ohne Frage um eine Revolution und nicht nur um einen Aufstand ge­han­delt hat, wird in Käppners Darstellung nirgends bezweifelt. Arbeiten zur Revolutionstheorie, z. B. von Hannah Arendt (Über die Revolution, 1963) oder Florian Grosser (The­o­rien der Revolution, 2013) finden sich in der Bibliografie von Käppners aus­führlichem Anmer­kungs­apparat zwar nicht, jedoch bietet die Auflistung der genutzten Quellen genügend Hinweise auf wei­ter­füh­rende Literatur (was Käppners “1918“ angenehm von Weidermanns kärglicher „Bücher­liste“ in dessen „Träumern“ unterscheidet).

Sowohl die Widmung für den Militärhistoriker Manfred Messerschmidt als auch der Klappentext „Der Krieg ist für die Reichen, die Armen zah­len mit Leichen“ sind zu loben. Allerdings bietet der Klappentext auch dies: „Für einige Wochen hatte die Revolutionsre­gie­rung, geführt von der SPD, die Gelegenheit dazu, die alten Eliten zu entmach­ten, und nutzte sie nur halb­herzig – kein Verrat, wie man ihr später vorwarf, aber eine epochale Fehleinschätzung.“

Kein Verrat? In Tolstois „Krieg und Frieden“ findet sich der auf den russischen General Kutusow gemünz­te Gedanke zur Niederlage der zaristischen Armee gegen Napoleon bei Austerlitz, dass hier, wenn nicht Verrat, so doch „katastrophale Dummheit“ im Spiel gewesen sei. Wer mit der SPD gnädig umgehen und von „Verrat“ nicht reden mag, sollte dann wenigstens von „kastrophaler Dumm­heit“ sprechen und nicht nur von „Fehlein­schät­zung“.

Ob allerdings die SPD solche Gnade verdient, darf man bezweifeln und der Rezensent hält es mit Alfred Döblin, der den zweiten Band seiner monumentalen Romantrilogie „November 1918“ (die ihm eigentlich sogar zur Tetralogie geraten ist) nicht ohne Grund „Verratenes Volk“ genannt hat.
Alles, was Käppner hierzu darlegt, lässt keinen anderen Schluss zu, als den, dass Ebert und die SPD „ihre“ Arbeiter­klasse verraten hat, wie schon zu Kriegsbeginn 1914 bei der Bewilligung der Kriegskredite. Insbe­son­dere ist hier die ausführliche Schilderung der gehei­men Telefonate zu nennen, die der SPD-Vorsitzende und frisch gebackene Reichs­kanzler Fried­rich Ebert mit Ludendorffs Nachfolger Wilhelm Groener von der Obersten Heeresleitung geführt hat.

Käppner mag es also nicht so deut­lich sagen, warum auch immer, denn er wird ja wohl den in sei­ner Bibliografie genannten Sebastian Haffner gelesen haben, der in „Die Deutsche Revolution 1918/19“ von 1979 (Originalausgabe 1969) Ebert so zitiert: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unver­meidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde“. Na, wenn das kein Verrat war.

Um noch einige weitere Stichworte zu nennen: Käppner schildert, wie es die SPD – und damit die Reichsführung – fertig bringt, mit den Soldaten der Volksmarinedivision einen – in der Rückschau nach 100 Jahren lächerlich anmutenden – Streit darüber zu führen, ob die Matrosen ihre ausstehende Löhnung nur dann bekommen, wenn sie die Schlüssel zum Berliner Stadtschloss übergeben und den von ihnen festgehaltenen Stadtkommandanten Otto Wels freilassen. Oder ob die Matrosen erst ihr Geld bekommen (es ist kurz vor Weihnachten und alles ist knapp und teuer), und danach ihre Faustpfänder herausgeben.

Käppner beschreibt die Volksmarinedivision hier nicht etwa als wildgewordene, schießwütige Revoluzzer, sondern schildert ihr Verhalten als duchaus vernünftig und nachvollziehbar. Er macht deutlich, dass sie sich zu Recht als diejenigen sehen durften, die es überhaupt erst möglich gemacht hatten, Figuren wie Ebert und die beiden andern MSPDler im sechsköpfigen „Rat der Volksbeauftragten“ an die Macht zu bringen. Je weiter man liest, desto mehr fragt man sich, wie geschichtsvergessen eine Partei sein muss, die ihre Stiftung nach einem Friedrich Ebert benennt.

Zur Entscheidung der drei USPDler im Rat der Volksbeauftragten, sich aus diesem zentralen Gremium zurückzuziehen, nachdem sie zur Kenntnis nehmen mussten, dass Ebert, Landsberg und Scheidemann von der MSPD hinter ihrem Rücken mit Alleingängen agieren und mit den „Todfeinden der Revolution“ (Sebastian Haffner) paktieren, macht Käppner deutlich, in welchem Dilemma die USPD sich befand. Denn zugleich mit ihrem Ausscheiden begaben sich Barth, Dittmann und Haase ihrer letzten noch verbliebenen Möglichkeiten, im Sinne der Revolution und der Interessen der Arbeiterklasse auf den Lauf der Dinge Einfluss zu nehmen.

Bemerkenswert ist Käppners Benen­nung eines anderen Problems: Im Zusammenhang mit der Sozialisierungsfrage sei zu bedenken gewesen, ob es Sinn macht, die Schwerindustrie etc. zu sozialisieren, wenn doch abzusehen ist, dass die alliierten Sieger im Zuge der Reparationen sofort auf die dann staatlichen Betriebe zugreifen würden, was sie bei privaten Unternehmen nicht täten.

Doch nun zu den Kritikpunkten: Käppner und sein Lektorat sind ab und an sehr leicht­sin­nig.

So finden sich nicht nur etliche kleine und harmlose Fehler, sondern auch ein paar krasse Fehlleistungen: angefangen mit der „Promenaden­stra­ße“ (Käppner), die auch damals (ebenso wie noch immer der Promenadeplatz) Promenadestraße hieß. (Übrigens: statt deren heutiger Benen­nung „Kardi­nal-Faulhaber-Straße“ – nach dem unsäglichen Feind der Demo­kratie und einem der geistigen Wegbereiter dessen, was folgen sollte – wäre es höchs­te Zeit, diese Straße nach dem dort ermordeten Kurt Eisner oder nach seiner Mitstreiterin bei den Streiks im Januar 1918 Sarah Sonja Lerch zu benennen!)

Des Weiteren: Den 12. Januar (1919), an dem die Aufständischen im Berliner Polizeipräsidium aufgeben mussten, sollte man nicht auf den 12. November (1918) vorverlegen. Auch liegt Dachau keineswegs im Nordosten von München. Aber das sind alles eher Kleinig­keiten.

Sehr ärgerlich ist der Schnitzer, dass Eisners Sekretär Felix Fechenbach von Käppner mit dem Reichstagsabgeordneten Konstatin Fehrenbach verwechselt wird. Mit der Folge, dass Fechenbach in Käppners Buch überhaupt nicht vorkommt; selbst im Register findet man zu der die Ermordung Eisners betreffenden Passage dessen „Sekretär Fehrenbach“, derselbe Fehrenbach, der weiter vorn bereits in seiner richtigen Rolle eingeführt wurde. Auch sollte ein Historiker die Zeit vor den beiden Räterepubliken im April 1919  nicht eben­falls Räterepublik nennen und Eisner nicht als Führer der Räterepublik bezeichnen. Und zum „Interfraktio­nellen Ausschuss“, dem auch die MSPD, aber ausdrücklich nicht die USPD angehörte, zählt dann auf S. 142 plötz­lich doch – und falsch – die USPD. Und genau diese Seite fehlt dann beim Stichwort „Interfraktionel­ler Ausschuss“ im Register (wie auch einige andere Lücken im Register zu beanstanden sind).

Gleichwohl: die Lektüre kann empfohlen werden.

Bernd Schröder

Ralf Höller: „Das Wintermärchen, Schriftsteller erzählen die Bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik 1918/1919“, Berlin 2017, Edition TIAMAT; Verlag Klaus Bittermann

Höller bringt uns in seinem Buch zahlreiche überlieferte Zitate von wichtigen schreibenden Zeit­genossen der Revolution nahe; von denen, die mitgewirkt haben ebenso, wie von solchen, die ledig­lich Zuschauer waren. Wer nun aber meint, das hat doch Volker Weidermann mit seinen hochgelobten „Träumern“ auch schon geleistet, der irrt!
Zum einen: Höller erkennt die Redlichkeit und Ernsthaftigkeit an, mit der die Revolutionäre in München zu Werke gingen – ganz anders als Weidermann, der ihre Aktivitäten nicht nur einmal mit alber­nen Zuschreibungen ins Lächerliche zieht. Zum anderen und vor allem aber: Höller hat sorg­fältig gearbeitet und seine Zitate durchweg mit Fußnoten versehen, die in den Anmerkungen belegt sind. Ein ausführliches Namensregister gestattet nachzuschlagen, was ein Erhard Auer, ein Kurt Eisner oder ein Erich Mühsam und andere getan oder gesagt (oder unterlassen) haben. Allerdings erlaubt dieses Register auch festzustellen, was im „Wintermärchen“ zu kurz kommt (s. u.).
Höller lässt richtigerweise außer den maßgeblichen Akteuren auch einige jener Herrschaften zu Wort kommen, die der Revolution indifferent, misstrauisch oder ablehnend gegenüber standen. Das Verhalten, oder besser das Versagen der meisten Intellektuellen wird exemplarisch an Thomas Mann, Josef Hofmiller oder Viktor Klemperer gezeigt. So­ wird deutlich, woran die Revolu­tion letztlich auch gescheitert ist.
Dabei schont Höller den schon bei Kriegsbeginn 1914 politisch irrlichternden Thomas Mann noch, wenn er dessen Tage­bucheintrag vom 7. November 1918 „unterschlägt“. Da beleidigt Mann die Demons­tran­ten auf der The­resien­wiese als „Al­bernes Pack“, weil sie „Nieder mit der Dynastie!“ und „Republik!“ geru­fen ha­ben. Höller würdigt sogar (neben Rilkes „Einen Augen­blick hoff­te man“) einen an­de­ren Tage­buch­eintrag Thomas Manns als Motto für sein Buch: „Ich bin im­stande, auf die Straße zu lau­fen und zu schreien ‘Nieder mit der westlichen Lügen­demo­kratie! Hoch Deutschland und Ruß­land! Hoch der Kommunismus!’“ (Tagebuch, 24. März 1919). Abge­se­hen davon, dass ein auf der Straße schrei­en­der Thomas Mann absolut nicht vorstellbar ist, zeigt Höller, wie rasch Mann wie­der auf dem Tep­pich seines großbürgerlichen „Künstlertums“ lan­de­te; denn gegen das Todes­urteil für den Kom­mu­nisten Eugen Levinė hat Thomas Mann „logisch-mensch­lich nichts“ einzu­wenden (Tagebuch, 5. Juni 1919).
Mit dem Titel „Wintermärchen“ erinnert der Autor an Kurt Eisners Ansprache bei der Revolutions­feier im Münchner Nationaltheater am 17. November 1918, als Eisner ausrief: „Freunde! Was wir in diesen Tagen erlebt, ist ein Märchen, das Wirklichkeit geworden.“
Höller lässt aber nicht nur die Schriftsteller erzählen; er erzählt auch selber. Und er kann gut erzäh­len! Chronologisch vorgehend und die wechselnde Perspektive der jeweiligen Zeit­zeugen darstel­lend, hat er ein angenehm kurzweilig zu lesendes Buch geschrieben, das die Sympathie des Autors für die Protagonisten der Revolution erkennen lässt.
Also alles gut? Leider nicht ganz; denn nach der Lektüre fragt man sich: was ist eigent­lich mit den Protagonistinnen? Hat Höller auch die an der Revolution beteiligten Frauen angemes­sen gewür­digt? Oder hat man da etwas überlesen? Das verdienstvolle Register wird befragt und siehe da: die Damen kommen deutlich zu kurz! Thekla Egl, Lida Gustava Heymann, Hedwig Kämpfer, Zenzl Mühsam oder Toni Pfülf: keine einzige findet sich im Register. Anita Augspurg gönnt Höller lediglich die knappe Bemerkung, dass sie dem „Provisorischen Nationalrat“ angehörte. Dagegen erfährt man allerlei zu Lou Andreas-Salomė (als Freundin Rilkes gleich sechs mal genannt) oder Hertha Koenig (als dessen Förderin sowie Gönnerin Oskar Maria Grafs gar dutzendfach). Auch zu Beobach­terinnen des Geschehens wie Annette Kolb oder Ricarda Huch gibt es etliche Fundstellen.
Hier dürfte Höller in einer wünschenswerten Neuauflage noch einiges ergänzen, und da er in seine Auflistung „Nicht zitierte Sekundärliteratur“ auch Christiane Sternsdorf-Haucks Monografie „Brot­mar­ken und Rote Fahnen“ aufgenommen hat, sei ihm hierzu diese Schrift ans Herz gelegt.
Gleichwohl mein Fazit: empfehlenswert!

Bernd Schröder

Volker Weidermann: „Träumer“, Köln 2017,
Verlag Kiepenheuer und Witsch

Vorab Hans Magnus Enzensbergers Lob auf der Umschlagrückseite: „Lustig, aufregend, viel Neues, tolle Recherche …“.

  • Lustig? Weidermann macht sich zwar über die Protagonisten der Revolution von 1918/19 lustig, allerdings wird’s Enzensberger wohl kaum so gemeint haben.
  • Aufregend? Man kann sich in der Tat über Weidermann aufregen, aber auch das hat Enzensberger gewiss nicht gemeint.
  • Viel Neues? Wirklich nicht!
  • Tolle Recherche? Lachhaft!

Neu mag das Buch für Leute sein, die Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene“ ebenso wenig gelesen haben wie Tollers „Jugend in Deutschland“, neu auch für jene, welche die Hochnäseleien eines Thomas Mann oder eines Josef Hofmiller etc. nicht kennen, von sonstiger Literatur gar nicht zu reden.
Weidermann nun hat einiges gelesen. Und das verwurstet er zu seinen „Träumern“. Als „Konjunkturschreiber“ (Ulrich Dittmann) verzichtet er auf Anmerkungen und Register, lediglich eine nicht gerade ausführliche „Bücherliste“ gibt es. Alles ist irgendwo abgeschrieben und mit spöttelnder Prosa garniert: so finden wir den „bärtigen, guruhaften Landauer“, der bald zum „Oberträumer“ avanciert. Kurt Eisner ist „der andere bärtige Guru“ und die Revolutionsfeier im Münchner Nationaltheater wird als „Religiöser Festakt“ denunziert.
Kurt Eisners Gedicht „Gesang der Völker“ mag ja nicht zu den Höhepunkten Deutscher Lyrik gehören, aber „Zukunftslied des sozialistischen Märchenkönigs“??
Mit den Königen hat’s Weidermann überhaupt: so steigt Landauer „würdevoll wie ein neuer König aus seiner Equipage“ und bei Eisners Begräbnis wird der „erste König dieser neuen … Zeit zu Grabe getragen“. Ernst Toller betrachten seine Zeitgenossen laut Weidermann als „Zauberkönig“, zwei Seiten weiter als „Volkskönig“ und schließlich als „neuen König von Bayern“.
Wie mag den Revolutionären wohl zumute gewesen sein, als die von der SPD losgelassenen Weißen Truppen anrückten? Weidermann weiß es: „Angst, Panik, Hühnerhaufen“. Angst und Panik reichen ihm nicht, es muss auch noch der Hühnerhaufen sein.
Genug, mein Fazit lautet: Prädikat wertlos! Das Buch ist schlicht ärgerlich und man fragt sich, weshalb Weidermann sein Machwerk statt „Träumer“ nicht gleich „Spinner“ genannt hat. Für alle, die sich halbwegs mit den Geschehnissen von 1918/19 auskennen, ist die Lektüre vollkommen überflüssig. Und jene, die sich eher nicht besonders auskennen, sind z. B. mit einer anderen Neuerscheinung, nämlich „Das Wintermärchen“ von Ralf Höller (Berlin, 2017), besser bedient.
Abschließend ein Hinweis auf die ausführliche „Träumer“-Rezension von Michael Pilz: „Revolution als Reader’s Digest“ (http://literaturkritik.de, Archiv/Frühere Ausgaben/Januar 2018). Dort ist alles enthalten, was an Weidermanns Buch kritisiert gehört, auch wenn Thomas Anz in der selben Ausgabe der „Literaturkritik“ Pilz – vielleich nicht ganz zu Unrecht – entgegen hält, dass dessen Rezension nicht zwischen literarischer und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung unterscheide.

Bernd Schröder