ROTMORD –
Versuch einer Einführung

von Thomas Brandlmeier

Die mediale Aufbereitung von Geschichte ist immer eine Überarbeitung. Und nie zweckfrei. Shakespeares Historiendramen spiegeln die fortschrittlichen Diskurse im Elisabethanischen Zeitalter und Schillers Geschichtskolportagen wurden im revolutionären Frankreich mit Begeisterung aufgenommen. Wir wollen uns hier mit weniger weltbewegenden Personen befassen. Eisner, Toller, Leviné und andere im Bild eines Fernsehfilms von Peter Zadek.

1969, sozusagen zum Fünfzigjährigen der Ereignisse, entsteht beim WDR Zadeks ROTMORD nach dem Stück ‚Toller. Szenen aus einer deutschen Revolution‘ von Tankred Dorst. Die Leitung des Fernsehspiels beim WDR hat seit 1965 der legendäre Günter Rohrbach. Der Zeitgeist weist nach Links. Kritische Intellektuelle sind gerade dabei in Deutschland eine Diskurshoheit für linkes Gedankengut zu erkämpfen. Was immer man an dem Projekt kritisieren mag, es handelt sich um ein Werk von Leuten, die zu den historischen Ereignissen in kritischer Sympathie standen.

Die damalige Studentengeneration, zu der ich auch gehöre, fand erst über den Umweg der Tagespolitik zur Befassung mit einer anderen Historie. Da gab es z.B. die berühmtberüchtigte ‚Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung‘, regalfüllend, oder die gleichnamige Kompaktversion von Helga Grebing, aber auch mediale Umsetzungen wie diesen Film. Verdienstvoller Weise haben dann Enno Patalas im Münchner Filmmuseum und die ökolibertäre Mannschaft vom Münchner Werkstattkino die erhaltenen Filmdokumente von 1918/19 gezeigt. Im Werkstattkino stand übrigens noch Jahrzehnte der ausgestopfte Rabe rum mit dem Schild ‚Die revolutionären Ereignisse 1918/19‘.

Einem Film, der keine Dokumentation ist, steht natürlich ein weites Spektrum der Bearbeitung zu. Die berechtigte Frage kann nur lauten, welches Gesamtbild wird entworfen. Eine Dramatisierung ist keine Forschungsarbeit. Der Film greift auf gut erschlossenes Material zurück, das teilweise auch im O-Ton Verwendung findet. Es kann auch kein Rezeptionsansatz sein, die Darstellung jeder Person und jedes Ereignisses auf Exaktheit abzuklopfen. Es sei denn wir haben es mit parteiischer Verzerrung zu tun.

Der Vorwurf der parteiischen Verzerrung betrifft allenfalls die Person von Leviné. Bei Zadek ist er wie ein Schachterlteufel inszeniert. Dass mit dem Auftritt von Leviné auf der revolutionären Bühne in der Tat eine neue Phase einsetzt, ist sicher unbestritten. Ob dadurch die Räterepublik noch ein Weilchen gerettet wurde oder ob er ihr den letzten Rest gegeben hat, ist eine bekannte Debatte. Eine Wenn-Und-Aber-Debatte – Was wäre ohne Leviné gewesen? – ist aber eine unzulässige Geschichtsbefragung, die letztlich ins Absurde führt: Wie sähe die Welt aus ohne den Zweiten Weltkrieg?

Dass es in der Räterepublik auch Frauen gab, die eine wichtige Rolle spielten, ist ein bisschen komisch mitverwurstet. Zadek macht aus Tollers Olga ein Flintenweib. „Wenn man euch (Pensionatstöchter) in die Politik lässt, dann … rennt ihr gleich mit dem Messer los.“ Zadek komprimiert die Ereignisse so knapp, dass für Differenzierungen eh kein Platz bleibt. Dr. Lipp ist ein expressionistischer Irrer, der wie Mabuse und Caligari die Wände bekritzelt. Dem Genossen Papst schickt er Telegramme in den Petersdom und der flüchtige Ministerpräsident Hoffmann hat seinen Abortschlüssel geklaut. Wolfgang Neuss spielt sich selbst als Mühsamen Hofnarren der Revolution. Silvio Gesell erscheint wie ein Prophet der Inflation oder der neuesten Idee der Notenbanker, um den Kapitalismus zu retten: negative Zinsen. Landauer gibt den Berufspazifisten, Reichert ein schnoddriges Stehaufmännchen. Ansonsten Bauerntheater, Gandorfer, Eglhofer, Paulukum. Gandorfer, der Vertreter der Bauernbündler, schafft es nicht einmal die Versorgung sicher zu stellen. Die Räterevolution als Kasperltheater.

Da werden weltverbesserische Literaten zu revolutionären Ministern. Da wird mitten in der Revolution andauernd geputscht. Da muss ein Stückeschreiber mit militärischer Bühnenerfahrung eine Feldschlacht bei Dachau schlagen. Bei Androhung des Standrechts sollen die Bürger ihre Waffen abgeben, aber (fast) keiner gibt sie ab. Dann werden die Mitglieder eines faschistischen Intelligenzlerclubs als Geiseln genommen, aber nur, damit sie verwendungswidrig erschossen werden. Und das alles, während der Abschaum des untergegangenen Reichs mit sozialdemokratischer Erlaubnis und in Form von Freischärlern anrückt und wahllos alles über den Haufen schießt, was sich bewegt, seien es rote Sanitäter in Starnberg oder ein katholischer Gesellenverein in München, der nach dem dritten Bier vielleicht Sympathien für die Revolution empfindet, oder jede Menge Zivilisten, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, jemand ähnlich sehen oder sonst irgendwie verdächtig sind.

Angesichts dieses Dilemmas ist die Knallchargenlösung von Zadek zumindest ein intelligenter Versuch, sich dem Thema irgendwie ästhetisch zu nähern. Alles ist unscharf, verwackelt, durch Negativ-Positiv-Überlappung verdreckt und aus extremen Perspektiven gefilmt. Reden, Dispute, Cabaret, antisemitische und faschistische Schweinereien, Zeitzeugen und Zeitorte, Gegenwart und Vergangenheit, Dokumentarisches und Inszeniertes, Off-Töne aller Art, Grafiken, Inserte, alles wild durcheinander kollagiert. Stilistisch die Mode der 1960er Jahre. Ein Mummenschanz in vier Akten.

Der erste Akt fehlt bei Zadek: Am 8. November 1918 proklamiert Kurt Eisner den Freistaat Bayern. Ein historisches Filmdokument zeigt die Kundgebung vom 9. November auf dem Oberwiesenfeld, eine unüberschaubare Menschenmenge. Und die Meßter-Woche bringt wenig später „Bilder von der Volksbewegung in München“; es wirkt so, als würde das Leben nur noch auf der Straße und in den Bierhallen stattfinden. Die Kamera fährt mit der Straßenbahn, die Gewehrläufe hängen unmilitärisch nach unten. Ein Bierwagen kurvt durch den Herbstnebel. Ein Bub tätschelt ein Maschinengewehr und wird von den Soldaten weggeschubst. Schnipsel davon verwendet Zadek als Zwischenschnitte.

„In München war die Widerlegung der Argumente der Linksparteien durch Tötung derer, die sie propagierten, besonders beliebt. Führer der Münchner Revolution am 7. November des letzten Kriegs­jahrs war ein gewisser Kurt Eisner, ein in Berlin geborener jüdischer Schriftsteller. Am 21. Februar des nächsten Jahres, nachdem dieser Eisner als Ministerpräsident in Bayern Ordnung geschaffen hatte, schoss nach der Lektüre klerikaler Zeitungen ein junger Leutnant, ein gewisser Graf Arco, ihn nieder“ (Lion Feuchtwanger). Eisner, in seinem Bemühen den rechten und linken Flügel der Sozialdemokratie zu integrieren, war die Symbolfigur der bayerischen Revolution. Eisners Beerdigung mobilisierte eine 100.000köpfige Menschenmasse, ein schneeloser Spätwinter, die Bergknappen aus Penzberg und Peißenberg waren extra angereist. Filmdokument: „Die Feierlichkeiten anlässlich des Begräbnisses von Kurt Eisner“.

Die große Rede auf der Theresienwiese hält bei Zadek Toller. Gleich darauf ist Toller Vorsitzender des Zentralrats. Die faschistische Interpretation der Ereignisse, die Hitler den Weg gebahnt haben sollen, rahmt den Film. Die Deutungshoheit der Sieger taucht immer wieder in Inserts auf. Ansonsten starke Abweichungen von Dorsts Stück, das vergleichsweise strukturiert ist.

Was nicht vorkommt, ist der Hauch von Weltgeschichte, der über diesen tragikomischen Vorfällen liegt. Leviné und mit ihm die gut organisierten Kommunisten steigen erst im dritten Akt in das Geschehen ein. Seine Darstellung ist nicht sehr freundlich. Leviné bezweifelt die revolutionäre Situation, aber hat offenbar einen Auftrag. Ein Preuße, der im Mathäser-Bierkeller bei den Arbeitern und Soldaten nicht gut ankommt. Ein Mann mit Russland-Erfahrung ohne Bayern-Erfahrung. Und ein Jude mehr (die Revolutionäre: „Lauter Jidden … und ein Antisemit“). Leviné hält Toller gleich mal vor, dass die wichtigsten Maßnahmen nicht ergriffen wurden und die Maßnahmen, die ergriffen wurden, nicht durchgesetzt wurden. Bei Zadek über die Kommunisten: „Wir wissen alles.“ Und darüber haben sie jetzt abgestimmt. Leviné: „Wir Kommunisten weigern uns an einer Regierung teilzunehmen, deren Führung nicht in unserer Hand liegt.“ Toller wird verhaftet. „In Moskau haben wir mit solchen gefährlichen Narren schnell Schluss gemacht.“

Zur Wiederholung: Leviné kommt mit einem Auftrag. Die Oktoberrevolution ist in einer verzweifelten Lage. Prämisse Lenins war eigentlich, dass nach der Katastrophe des Weltkriegs die Revolution in Europa kommen muss und erfolgreich ist. Dann könnte man als Juniorpartner davon profitieren und in einem völlig unterentwickelten Land den Sozialismus aufbauen. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung. Leute wie Leviné sollten das Ruder herumreißen. Der handelt nach sowjetischem Vorbild. Die beständige Angst vor der bürgerlichen Bevölkerung wird mit Entwaffnung, Verhaftungen und terreur bekämpft. Das Münchner Geiseldebakel ist die dilettantische Konsequenz davon. Daneben ist der bewusste Dilettantismus von Mühsam wahrhaft sympathisch: „Nach Blut ist nicht mein Degen geil/Ich huste drauf im Gegenteil.“

Tankred Dorst schreibt in seinem Arbeitsbuch zu ‚Toller‘: „Eine objektive Chance hatten diese Revolutionäre wohl nicht. In fünf bis sechs Tagen waren sie durch Reichswehrtruppen zu beseitigen. Das macht alle ihre Aktionen, ihre Hoffnungen, ihre Auseinandersetzungen zu einer blutigen Farce.“ Dorsts theatralisches Interesse an Toller ist sehr persönlich. Ein Literat, jung und begabt, hat die Idee einer gewaltlosen Revolution. Er wird mehr durch Zufall zum Führer einer wirklichen Revolution, die ihn völlig überfordert. „Er hatte“, so Dorst, „kein oder nur ein sentimentales Verhältnis zur Macht; als er sie besaß, scheute er davor zurück, sie zu gebrauchen.“